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Ausgabe 20/2008
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10.05.2008
 

Psychologie

Gruselkino im Kopf

Von Günther Stockinger

Eine neuartige Therapie verspricht Linderung bei Spinnenangst: Die Begegnung mit den Ekeltieren spielt sich nur in der Phantasie ab - für die Phobiker schlimm genug.

In der Ecke ist beim besten Willen keine Spinne zu erkennen. Die Probandin auf dem schwarzen Ledersessel könnte also ganz gelassen bleiben. Doch die Frau hat Angst, furchtbare Angst. Ihr Atem geht stoßweise, die Finger krallen sich in die Armlehne.

Denn in ihrer Phantasie ist die handtellergroße schwarze Riesenspinne schon ganz nah. Aus fünf Meter Entfernung kriecht das Ekeltier langsam auf sie zu. Am Ende hat sie ihr Bein erreicht und tastet sich unter der Kleidung vorsichtig hoch bis zum Knie.

"Ich halte es nicht mehr aus, ich muss gleich schreien", presst die Frau hervor. Doch so wie der Spuk entstanden ist, lässt er sich auch wieder verscheuchen. Denn nun stellt sich die Frau vor, wie die Spinne auf Befehl wieder unter dem Hosenbein hervorkriecht und davonrennt. Sichtlich erleichtert atmet die Probandin auf.

Das Gedankentraining ist Teil einer neuen Therapie, die Psychologen der Uni Tübingen ersonnen haben. Bisher half in Fällen von Arachnophobie nur die direkte Konfrontationstherapie, bei der Phobiker dazu gebracht werden, eine lebende Spinne auf die Hand krabbeln zu lassen.

Bei der nervenschonenderen Variante in Tübingen hingegen wird die Schockbegegnung nur in Gedanken durchgespielt - niemand muss während des siebentägigen Crashkurses die haarigen Beine wirklich auf der Haut spüren. "Viele unserer Probandinnen hätten sich sonst auch gar nicht hierhergetraut", erklärt Psychologin Svenja Tan Tjhen.

Am ersten und am siebten Tag des Experiments werden die Teilnehmerinnen im Labor verkabelt. Auf dem Computerbildschirm müssen sie neben allerlei harmlosen Bildern auch immer wieder den Anblick furchterregender Riesenspinnen ertragen. Über Elektroden messen Tan Tjhen und ihr Team dabei die Hautleitfähigkeit, die Muskelkontraktionen im Gesicht sowie Puls- und Herzfrequenz. Daneben wird in regelmäßigen Abständen die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol bestimmt.

Ans Eingemachte geht es in den fünf Tagen dazwischen. Unter Anleitung der Psychologin durchleiden die Teilnehmerinnen mit geschlossenen Augen immer wieder die Begegnung mit dem schwarzen Krabbelmonster. Am Ende der einstündigen Sitzungen sind sie vom Gruselkino im Kopf regelrecht gerädert. Doch das Herauskitzeln der Gefühle gehört zum Konzept: "Die Angst muss kommen, damit der Körper sich überzeugen kann, dass sie nicht ins Unermessliche wächst", erklärt die Psychologin.

Insgesamt 60 Arachnophobikerinnen hat Tan Tjhen in ihrem Behandlungszimmer bereits durch den imaginären Spinnengarten gelotst. Die Resultate sind in ihren Augen ermutigend: Die im Labor gemessenen psychophysiologischen Werte am Anfang und am Ende belegen, dass die Spinnenangst bei 90 bis 95 Prozent der Probandinnen deutlich nachgelassen hat. Auch die Rückmeldungen vieler Frauen waren positiv. "Manche erzählen stolz, dass sie es geschafft haben, selbst ein Glas über eine Spinne zu stülpen und sie nach draußen zu befördern", berichtet Tan Tjhen.

Rund zehn Prozent aller Deutschen durchleiden nach Angaben des Greifswalder Psychologen Alfons Hamm Höllenqualen, wenn sie an die Krabbeltiere mit den haarigen Beinen und dem fetten Hinterleib auch nur denken. Sie suchen Schlafzimmer nach den Mini-Monstern ab, meiden den Gang in den Keller oder verzichten im Sommer aufs Grillen.

Die wahrscheinlichste Ursache für den Horror vor den Tieren ist wohl meist erlerntes Verhalten: Kleinkinder haben zunächst kaum Berührungsängste gegenüber Spinnen; noch als Zweijährige spielen sie oft unbefangen mit ihnen. Bekommen sie jedoch mit, wie ihre Eltern panisch reagieren, verlieren auch die Kleinen spätestens im Grundschulalter ihre Lockerheit.

Daneben reicht die Scheu vor den haarigen Monstern aber auch tief zurück in die Entwicklungsgeschichte. Um zu überleben, mussten die Vorfahren des Menschen in grauer Vorzeit lernen, sich vor potentiell gefährlichen Tieren wie Schlangen oder Spinnen zu fürchten. Der archaische Urinstinkt scheint noch immer tief im menschlichen Gehirn verwurzelt.

Dass 90 Prozent aller Spinnenphobiker weiblich sind, ist nach Ansicht von Experten leicht zu erklären. "Jungs konfrontieren sich freiwillig öfter mit furchtauslösenden Situationen", erläutert Hamm. "Sie machen Mutproben, quälen Käfer, fassen Spinnen an. So trainieren sie sich die natürliche Scheu ab."

Durch die Imaginationstherapie der Tübinger Forscher werden Spinnenphobikerinnen indes nicht für alle Zeiten geheilt. "Wir geben ihnen nur das Handwerkszeug mit, damit sie mit ihrer Angst besser umgehen können", sagt Tan Tjhen.

Vielen Männern, so hat die Forscherin beobachtet, scheint der Erfolg der Therapie aber gar nicht in den Kram zu passen. Hat ihre Frau keine Angst mehr, werden sie nicht mehr als heldenhafte Spinnentöter gebraucht. "In solchen Fällen", sagt Tan Tjhen, "sollte man neben der Spinnenphobie auch gleich die Beziehungsstruktur durchleuchten."

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