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Ausgabe 20/2008
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Pädagogik Diktatur der Unschuldigen

3. Teil: Eine Familie in Südosteuropa hat andere Gewohnheiten und Erziehungsziele als eine in Schweden

Langjährige Erfahrung mit Krisen in Migrationsfamilien führte ihn zu einem Ansatz, der auf inhaltliche Normen weitgehend verzichtet: Er gibt keine Ratschläge, wann ein Kind im Bett liegen sollte, welche Disziplinierung geboten und welche verboten ist, ob und wie gemeinsame Mahlzeiten, Ausflüge und dergleichen gestaltet werden sollen.

Eine patriarchal bestimmte Familie in Südosteuropa hat andere Gewohnheiten und Erziehungsziele als eine Patchworkfamilie in Schweden, und englische Eltern legen auf andere Pflichten Wert als deutsche: Es kann also nicht darum gehen, die Werte und Normen zu diskutieren, die wir als Erwachsene mit unseren Erfahrungen mitbringen - und die in unserer Gesellschaft vorherrschend sind. Entscheidend für die Beziehung zum Kind ist nicht die Frage, wann es hilft, den Tisch abzuräumen, und wie viel Spielzeug im Kinderzimmer liegt; entscheidend ist, dass die Erzieher ihre Wünsche authentisch vertreten.

Wenn sie mit dem einverstanden sind, was sie tun, ist Juuls Botschaft, dann werden es auch ihre Kinder sein. Und wenn sie Wege finden, ihnen ihre Liebe und Fürsorge so zu zeigen, dass sie sie verstehen, dann ist Erziehung - immer noch kein Kinderspiel. Aber ein Prozess, der Spaß machen kann und der sie und das Kind verbindet.

In den praktischen Konsequenzen ist Juul oft nahe bei guten Erziehungsklassikern wie "Kinder fordern uns heraus", einem Ratgeber von Schülern des Individualpsychologen Alfred Adler***. Anders als sein Kollege Sigmund Freud, der seine revolutionären Erkenntnisse aus einem sehr engen gesellschaftlichen Milieu gewann, blieb der Sozialist Adler nahe an einer gemischten sozialen Realität. Auch interessierte ihn weniger die Genese traumatischer Entwicklungen als eine Verhaltenslehre der Wärme und Freiheit: Wie können Menschen, so wie sie nun einmal sind, gut miteinander umgehen? Und wie nehmen Eltern ihre Verantwortung als Erzieher wahr, ohne sich und dem Kind Gewalt anzutun?

Seit man über Erziehung nachdenkt - und das haben bereits die Griechen getan -, kämpfen Annahmen und Beobachtung miteinander. Die Frage, ob Kinder unfertige Erwachsene sind oder Wesen anderer Art, hat jede Epoche anders beantwortet. In seiner fundamentalen "Geschichte der Kindheit" beschreibt der Historiker Philippe Ariès die französische Entwicklung ausgehend vom Mittelalter, da Kinder noch nicht Gegenstand sorgender Pädagogik waren, sondern mehr oder minder verhätschelte Babys, bis sie mit etwa sieben Jahren ihren Platz in der Erwachsenenwelt einnahmen - durchweg in fremden Familien, als Lehrlinge des Lebens.

Erst die Auflösung der mittelalterlichen Gesellschaft brachte jene Veränderungen mit sich, die unser Zusammenleben heute noch bestimmen: Die Familie entwickelte sich von einem Ort der Organisation zu einem emotional dichten Feld; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern wurden wichtiger und inniger. Die Schule etablierte eine Phase im menschlichen Leben, in der Gleichaltrige in einer speziellen Situation gehalten und unterrichtet wurden; eine Auffassung setzte sich durch, die Kindheit und Erwachsenenleben als Gegensätze verstand.

Das Kind wurde ein Spezialfall des Menschen - je nach gesellschaftlicher Konjunktur eher unschuldig und schützenswert oder Objekt von Zucht und Formung.

Gegenwärtig sind mehrere Extreme zu beobachten. Die Familie erlebt eine Renaissance, sie wird, zunehmend realitätsfern und idealisiert, als Kuschelzone gegen eine feindselige Umwelt in Szene gesetzt (zehn Minuten Werbefernsehen würden einem Marsbewohner für diesen Befund reichen). Das Kind ist zum Inbegriff des zu hätschelnden Privaten geworden: natürlich und bezaubernd, reich an Möglichkeiten und Kreativität. Wenn man es nur ließe, würde es ein Genie!

Kinderfahrkarten in der Bahn, selbstverständliche Verkitschung einfachster Gebrauchsgegenstände wie Schuhe, Anoraks, Schulranzen und Teller zu Zonen des Niedlichkeitsterrors, eine rauschende Beschäftigungs- und Belehrungsindustrie machen aus der Kindheit einen kirmesbunten Wartesaal vor dem schrecklichen Ernst des Lebens. So gesehen, scheinen wir nicht viel von unserem Alltag zu halten.

Die Idealisierung der Familie zieht auch die größten Enttäuschungen nach sich - nicht nur in Form von Trennung und Scheidung, sondern auch in der fassungslosen Erfahrung, dass so etwas scheinbar Selbstverständliches wie die Aufzucht von Kindern in einer materiell gesättigten Welt sich als heikel oder sogar schwierig entpuppt.

Und nicht zuletzt haben Neurologie und Psychologie enorme Fortschritte gemacht, die zeigen, dass schon Säuglinge wahrnehmungsfähiger sind als gedacht. Die forschungsgestützte Einsicht, dass man Kinder zu Recht Wunder an Komplexität nennen kann, hat aus ihnen Wunderkinder gemacht, denen die Erwachsenen zunehmend befangen begegnen.

Die Anbetung des Naturzustands und die unbewusste Trauer über das, was aus ihnen hätte werden können, halten viele Erwachsene in einer Erstarrung aus Andacht und Hilflosigkeit - ein Krisensymptom. In die alte Bedenkenlosigkeit führt kein Weg mehr zurück, doch für die neue Verantwortlichkeit gibt es guten Rat.


*Michael Winterhoff: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit". Gütersloher Verlagshaus; 192 Seiten; 17,95 Euro.

** Jesper Juul: "Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung". Aus dem Dänischen von Knut Krüger. Kösel-Verlag, München; 176 Seiten; 14,95 Euro.

*** Rudolf Dreikurs/Vicki Soltz: "Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß?" Aus dem amerikanischen Englisch von Erik A. Blumenthal. Klett-Cotta, Stuttgart; 368 Seiten; 14,90 Euro.

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