Wirtschaft



AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.05.2008
 

Affären

Projekt "Clipper"

Jahrelang soll die Telekom im ganz großen Stil Journalisten, eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzelt haben. Durch ein ominöses Fax aufgerüttelt, verspricht der neue Vorstandschef René Obermann nun rückhaltlose Aufklärung. Die Staatsanwaltschaft prüft bereits.

Berichterstattung über die Telekom-Affäre von
Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk, Beat Balzli und Thomas Schulz


Vielleicht wäre sie nie ans Tageslicht gekommen. Diese "unappetitliche Geschichte", wie ein hochrangiger Telekom-Mann am Freitag vergangener Woche murmelte. Diese absurde Melange aus ganz viel Wirtschaftskrimi und einer ordentlichen Portion Macht und Größenwahn, einem Schuss Paranoia, komplett demontierter Mitbestimmung und missachteter Pressefreiheit.

Wie gesagt: Vielleicht wäre der ganze Vorgang in den Akten der Deutschen Telekom AG verschwunden. Aber dann musste ja auch noch das leidige Geld dazukommen. Und vor allem dieses Fax, das vor rund vier Wochen in der Bonner Zentrale landete wie ein dröhnendes Echo aus einer anderen, einer früheren, einer vergangenen Unternehmensära. Man konnte das Schreiben an den Chefsyndikus als unverhohlene Drohung deuten. Immerhin heißt es am Ende des dreiseitigen Papiers, das dem SPIEGEL vorliegt: "Unterschätzen Sie nicht mein Aggressionspotential und meine Leidensfähigkeit."



Zumindest war es eine Abrechnung in zweierlei Sinn: Der Telekom-Top-Jurist wurde vom Chef einer Berliner Beratungsfirma aufgefordert, sich schleunigst mit ihm in Verbindung zu setzen. Ziel: "Eine geregelte, gegen Indiskretionen gesicherte Beendigung unserer Geschäftsbeziehung."

Zugleich zog das Schreiben quasi einen Schlussstrich unter Aktionen, die über einen langen Zeitraum nur einem Zweck gedient haben sollen: deutsche Wirtschaftsjournalisten sowie Aufsichtsräte und auch Top-Manager des Konzerns und ihre telefonischen Kontakte zueinander auszuspähen.

Auftraggeber: die Telekom selbst, damals operativ geführt von Kai-Uwe Ricke und kontrolliert von einem Aufsichtsrat, den der damalige Post-Chef Klaus Zumwinkel anführte.

Auftragnehmer: die Berliner Beratungsfirma, deren Chef es in seinem Fax vom 28. April an Deutlichkeit nicht missen ließ: Ziel der Spähoperationen "Clipper", "Rheingold" und einiger anderer "Nebenprojekte" sei "die Auswertung mehrerer hunderttausend Festnetz- und Mobilfunk-Verbindungsdatensätze der wichtigsten über die Telekom berichtenden deutschen Journalisten und deren privaten Kontaktpersonen" gewesen.

Und damit nicht genug.

Das gleiche Spiel habe man mit "mehreren Aufsichtsratsmitgliedern der Arbeitnehmerseite" wiederholt - "über einen Zeitraum von insgesamt anderthalb Jahren".

Weitere Spähattacken seien "konkret geplant und beauftragt" gewesen, unter anderem "die Überwachung eines Ihrer Anteilseigner mit Hauptsitz in New York". Dabei kann es sich nur um den Telekom-Aktionär Blackstone handeln, auch wenn gerade dieser Verdacht arg großspurig daherkommt.

Überdies habe man in das Büro eines "wichtigen Wirtschaftsjournalisten" einen "Maulwurf eingeschleust", der über mehrere Monate "direkt an die Konzernsicherheit" der Telekom berichtet habe.

Der Chef der Sicherheitsfirma lässt keinen Zweifel: "Die Projekte können selbst im nachrichtendienstlichen Maßstab nur als ungewöhnlich flächendeckend und ausgefeilt bezeichnet werden."

Das alles - so die schriftlichen Vorwürfe - sei "direkt vom Vorstand (in enger Abstimmung mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden) beauftragt und direkt vom Vorstandsvorsitzenden über das Aufsichtsratsbüro bezahlt" worden. Nur offenkundig nicht ganz. Denn um ein paar Außenstände entbrannte schließlich der Streit.

Noch ist überhaupt nicht absehbar, was von all den Vorwürfen eines derart gewaltigen Lauschangriffs wirklich den Tatsachen entspricht. Immerhin: Die Telekom bestätigt, dass sie den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft übergeben hat.

Wegen laufender Ermittlungen könne man allerdings zu Einzelheiten keine Stellung nehmen. Das Vorgehen sei mit dem Aufsichtsrat und seinem Vorsitzenden abgestimmt. "Wir nehmen den Vorgang sehr ernst. Wir werden alles tun, um die Staatsanwaltschaft bei ihren Bemühungen um eine lückenlose Aufklärung zu unterstützen", versichert der amtierende Telekom-Chef René Obermann.

Lothar Schröder, oberster Gewerkschafter und Vize-Chef im Aufsichtsrat des Bonner Telefon-Multis, der von den Spähaktionen möglicherweise sogar selbst betroffen war, ist empört: "Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein Vertrauensbruch ohne Beispiel und ein unglaublicher Skandal, bei dem die Schuldigen schnellstens zur Rechenschaft gezogen werden müssen."

Schröder bestätigt indes, dass er trotz aller Betroffenheit den Eindruck gewonnen habe, dass das jetzige Management an einer lückenlosen und schnellen Aufklärung äußerst interessiert sei.

Als die ersten Hinweise auf mögliche Ungereimtheiten in der Sicherheitsabteilung einliefen, reagierte Obermann sofort. Der Sicherheitschef wurde abgelöst, die gesamte Abteilung vollkommen umgekrempelt.

Obermann meldete die prekären Vorgänge nicht nur ins Kanzleramt und ans Bundesfinanzministerium in Berlin, sondern reichte den gesamten Vorgang an die Bonner Staatsanwaltschaft weiter. Die muss nun ermitteln: Wer hat sich wann was zuschulden kommen lassen in jener für die Telekom so entscheidenden Phase zwischen 2005 und 2006, als noch Obermanns Vorgänger Ricke regierte.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Spitzelaffäre bei der Telekom

© DER SPIEGEL 22/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




BESTE INVESTIGATIVE LEISTUNG - ausgezeichnet:

"Ich habe sie betrogen" von Melanie Bergermann
Enthüllung der unverantwortlichen Praktiken, zu denen viele Banken ihre Mitarbeiter anstiften, um Kunden über den Tisch zu ziehen und dabei selbst gute Geschäfte zu machen.
("Wirtschaftswoche" vom 2. Februar 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Spitzelaffäre der Deutschen Telekom von Beat Balzli,
Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk und Thomas Schulz

Ergebnisse einer umfangreichen Recherche über das deutsche Vorzeigeunternehmen Deutsche Telekom, das Journalisten sowie eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzeln ließ:

(insgesamt vier Veröffentlichungen im SPIEGEL
zwischen 26. Mai und 13. Oktober 2008)

Das System Poggendorf von Ulrich Gaßdorf
Über den Geschäftsführer des Hamburger Tierschutzvereins Wolfgang Poggendorf, der sich aus Zuwendungen an den Verein persönlich bereichert hat.
(mehr als 100 Einzelveröffentlichungen im "Hamburger Abendblatt", zusammengefasst in Dossier am 31. Oktober 2008)


BESTE DOKUMENTATION - ausgezeichnet:

Der Bankraub
von Klaus Brinkbäumer, Ullrich Fichtner, Beat Balzli, Hauke Goos, Frank Hornig, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip und Jochen Brenner
Umfassende Recherche und Darstellung von Beginn und Verlauf der Finanzkrise, erzählt an verschiedenen Schauplätzen, Akteuren und Betroffenen entlang. mehr...

(DER SPIEGEL vom 17. November 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Wo ist das Geld geblieben?
von Kerstin Kohlenberg und Wolfgang Uchatius
Schnitzeljagd nach den 2,8 Billionen Dollar, die in der Finanzkrise "verpufft", "verdampft", "verschwunden" sind.
("Die Zeit" vom 27. November 2008)

Das Monster von Genf von Malte Henk
Über den Cern-Beschleuniger in der Schweiz und das Netzwerk von 2000 Wissenschaftlern, die in vereinter Anstrengung versuchen, noch unbekannte Elementarteilchen zu entdecken.
("Geo kompakt" vom 1. 3. 2008)


BESTE HUMORVOLLE BERICHTERSTATTUNG - ausgezeichnet:

Ich bin dann mal Ertugrul von Oliver Maria Schmitt
Selbstbeschreibung des schrägen Undercover-Versuchs, als unbekannter türkischer Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse eine osmanische Mixtur aus "Ich bin dann mal weg" und "Feuchtgebiete" an den Mann zu bringen.
("Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 18. Oktober 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

"11 Freunde"-Liveticker von Andreas Bock, Dirk Gieselmann, Fabian Jonas und Lucas Vogelsang
Live-Reportagen im Internet zu jedem wichtigen Fußballspiel und dabei hintergründige, skurrile oder hammerharte Kommentare und Anmerkungen zum Geschehen rund um die schönste Pille für den Mann. www.11freunde.de/liveticker

Pamelas Prinz von Alexander Osang
Über einen Pforzheimer Bordellkönig und seine champagnerspritzende Luxus-Rallye entlang der Côte d'Azur mit Rolls-Royce unterm Hintern, Rolex am Handgelenk und Busenwunder Pamela Anderson auf dem Beifahrersitz. mehr...

(DER SPIEGEL vom 29. September 2008)


BESTE REPORTAGE (KISCH-PREIS) - ausgezeichnet:

Rolf, ich und Alzheimer von Katja Thimm
Über zwei Paare und ihren vergeblichen Kampf gegen die fortschreitende Vergesslichkeit, Verwirrung und Vernichtung von Orientierung und Lebenssinn, die man mit dem Begriff Alzheimerkrankheit bezeichnet. mehr...

(DER SPIEGEL vom 23. Juni 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Ein tödlicher Text von Jochen-Martin Gutsch
Über den Fall eines 23-jährigen Afghanen, der an seiner Universität eine Internetseite über den Propheten Mohammed zirkulieren ließ und wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde. mehr...

(DER SPIEGEL vom 19. Mai 2008)

Die Unbekannte von Lorenz Wagner
Über Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, die in der Öffentlichkeit unbekannt war, bis sie auf einen Mann hereinfiel, der sie verführte und erpresste und schließlich zu einer Anzeige veranlasste.
("Financial Times Deutschland", 21. November 2008)


BESTE FOTOGRAFISCHE LEISTUNG - ausgezeichnet:

Die starke Kraft des Glaubens von Yan Yankang
Nachhaltige Eindrücke vom tibetischen Buddhismus, seiner archaischen Poesie und Formenvielfalt, aber auch seiner Stärke und seiner Beharrungskraft gegenüber den Machthabern in Peking. ("Geo" vom 1. Mai 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Der letzte Mohikaner von Armin Smailovic
Beobachtung des erfolgreichsten deutschen Entertainers Thomas Gottschalk während einer Vorbereitung von "Wetten, dass..?" und gleichzeitig Blick hinter die Fassade eines gealterten Sonnyboys.
("Zeit Magazin Leben" vom 19. März 2008)

Das menschliche Antlitz Chinas
von Mathias Braschler, Monika Fischer
Porträts von Chinesen, die während einer siebenmonatigen Reise im Vorfeld der Olympischen Spiele entstanden.
("Stern" vom 17. Juli 2008)

Burn out - Ansichten einer Krise von Martin Specht
Das Frankfurter Bankenviertel als Schattenreich, düstere Schwarz-Weiß-Impressionen der Katastrophe, die die Finanzwelt getroffen hat. ("Zeit Online" vom 29. Oktober 2008)

zur Seite des Nannen-Preises mit mehr Informationen...






TOP



TOP