Wirtschaft



AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008
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26.05.2008
 

Affären

Projekt "Clipper"

2. Teil: Von stringenten Strategie war nicht viel zu sehen.

Bislang sichten die Ermittler das umfangreiche interne Material. Noch ist kein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Aber das, glaubt man im Unternehmen, dürfte allenfalls eine Frage der Zeit sein. Sollte nur ein Bruchteil der Vorwürfe zutreffen, ginge es um etliche Straftatbestände: vom Bruch des Fernmeldegeheimnisses bis hin zu Bestechung oder auch Erpressung.

Viele Indizien sprachen vergangene Woche dafür, dass es tatsächlich zumindest Schnüffelaktionen gegen mehrere Aufsichtsräte der Arbeitnehmerseite gegeben haben muss, darunter vermutlich auch gegen den Konzernbetriebsratschef Wilhelm Wegner; dass es tatsächlich Verträge mit der Berliner Firma gab, die sich im Februar wegen vermeintlich unbezahlter Rechnungen im sechsstelligen Bereich an den Konzern gewandt hatte. Und vieles deutet zudem darauf hin, dass sich der frühere Konzernchef Ricke und sein Aufsichtsratsboss Zumwinkel ein ums andere Mal von Presseberichten düpiert gefühlt haben mussten, die damals aus vertraulichen Gremiumsitzungen immer wieder an die Öffentlichkeit drangen.

Also wurde die Berliner Beratungsfirma offenbar im Frühjahr 2005 beauftragt, diskret nachzuforschen, wo das Leck ist. Sie sollte die Telefonverbindungsdaten von Aufsichtsräten vergleichen mit den Anschlussdaten von bekannten Wirtschaftsjournalisten, die über die Telekom berichteten.

Die Schnüffelaktion gegen den Betriebsratschef ereignete sich in einer für die Telekom turbulenten Phase. Etliches im Konzern ging damals drunter und drüber - wieder einmal.

Nach dem dramatischen Absturz der T-Aktie von ihrem Höhepunkt im März 2000 war im Juli 2002 schließlich der vom Großaktionär Bund erzwungene Rücktritt von Konzernchef Ron Sommer erfolgt. Im November übernahm Ricke.

Er krempelte den Vorstand um und verabschiedete sich von den globalen Visionen seines glamourösen Vorgängers. Mit harten Sparmaßnahmen und dem Verkauf von einigen Konzernteilen stellte Ricke, dessen Vater einstmals auch schon die Telekom geleitet hatte, den Konzern wieder auf ein finanziell durchaus solides Fundament.

Selbst Analysten und Aktionäre begannen, den ebenso schlaksigen wie grauen Top-Manager zu schätzen. Intern jedoch brodelte es gewaltig.

Grund: Bei den Mitarbeitern wuchs die Sorge um die Zukunft ihrer Jobs. Schon Anfang 2005 hatte Ricke verkündet, dass die Telekom die Stellenzahl künftig um mindestens 8500 Posten pro Jahr reduzieren müsse.

Als dann unter Betriebsräten sogar von rund 45.000 Stellen die Rede war, die bis 2008 gestrichen werden sollten, kündigte die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di erstmals harten Widerstand an. Von "Kahlschlag", "Riesensauerei" und "beschäftigungspolitischem Skandal" war die Rede.

Ricke schreckte zurück. In seiner Vorstandsrunde belauerten sich die Manager ohnehin argwöhnisch und agierten oft eher als Rivalen denn als Kollegen - allen voran René Obermann, damals Chef der Mobilfunksparte, sowie Walter Raizner, Boss der T-Com genannten Festnetzsparte.

Von einer gemeinsamen und stringenten Strategie war in dem Führungszirkel nicht viel zu sehen. Umso genüsslicher berichtete die Presse immer wieder ausführlich aus internen Sitzungen.

Das Umfeld des Konzerns veränderte sich in jener Zeit dramatisch. Das Festnetzgeschäft litt zunehmend unter der Konkurrenz von kleinen Neulingen, die Preise brachen ebenso wie der Umsatz ein. Der Boom bei schnellen DSL-Internet-Anschlüssen hatte gerade erst begonnen und brachte noch nicht den erhofften Ausgleich. Selbst das Mobilfunkgeschäft schaffte nicht mehr die Wachstumsraten früherer Jahre. Doch während die großen europäischen Konkurrenten als Konsequenz aus der neuen Lage damit begannen, die klassischen Grenzen zwischen Mobilfunk, Festnetz und Internet aufzuweichen, kam die Bonner Runde zu keiner Entscheidung darüber, wie es weitergehen sollte.

Ständige Endlossitzungen sorgten für Dauerfrust. Am Ende standen meist nur halbherzige Lösungen, mit denen die Telekom ihre Probleme kaum lösen konnte.

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BESTE INVESTIGATIVE LEISTUNG - ausgezeichnet:

"Ich habe sie betrogen" von Melanie Bergermann
Enthüllung der unverantwortlichen Praktiken, zu denen viele Banken ihre Mitarbeiter anstiften, um Kunden über den Tisch zu ziehen und dabei selbst gute Geschäfte zu machen.
("Wirtschaftswoche" vom 2. Februar 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Spitzelaffäre der Deutschen Telekom von Beat Balzli,
Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk und Thomas Schulz

Ergebnisse einer umfangreichen Recherche über das deutsche Vorzeigeunternehmen Deutsche Telekom, das Journalisten sowie eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzeln ließ:

(insgesamt vier Veröffentlichungen im SPIEGEL
zwischen 26. Mai und 13. Oktober 2008)

Das System Poggendorf von Ulrich Gaßdorf
Über den Geschäftsführer des Hamburger Tierschutzvereins Wolfgang Poggendorf, der sich aus Zuwendungen an den Verein persönlich bereichert hat.
(mehr als 100 Einzelveröffentlichungen im "Hamburger Abendblatt", zusammengefasst in Dossier am 31. Oktober 2008)


BESTE DOKUMENTATION - ausgezeichnet:

Der Bankraub
von Klaus Brinkbäumer, Ullrich Fichtner, Beat Balzli, Hauke Goos, Frank Hornig, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip und Jochen Brenner
Umfassende Recherche und Darstellung von Beginn und Verlauf der Finanzkrise, erzählt an verschiedenen Schauplätzen, Akteuren und Betroffenen entlang. mehr...

(DER SPIEGEL vom 17. November 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Wo ist das Geld geblieben?
von Kerstin Kohlenberg und Wolfgang Uchatius
Schnitzeljagd nach den 2,8 Billionen Dollar, die in der Finanzkrise "verpufft", "verdampft", "verschwunden" sind.
("Die Zeit" vom 27. November 2008)

Das Monster von Genf von Malte Henk
Über den Cern-Beschleuniger in der Schweiz und das Netzwerk von 2000 Wissenschaftlern, die in vereinter Anstrengung versuchen, noch unbekannte Elementarteilchen zu entdecken.
("Geo kompakt" vom 1. 3. 2008)


BESTE HUMORVOLLE BERICHTERSTATTUNG - ausgezeichnet:

Ich bin dann mal Ertugrul von Oliver Maria Schmitt
Selbstbeschreibung des schrägen Undercover-Versuchs, als unbekannter türkischer Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse eine osmanische Mixtur aus "Ich bin dann mal weg" und "Feuchtgebiete" an den Mann zu bringen.
("Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 18. Oktober 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

"11 Freunde"-Liveticker von Andreas Bock, Dirk Gieselmann, Fabian Jonas und Lucas Vogelsang
Live-Reportagen im Internet zu jedem wichtigen Fußballspiel und dabei hintergründige, skurrile oder hammerharte Kommentare und Anmerkungen zum Geschehen rund um die schönste Pille für den Mann. www.11freunde.de/liveticker

Pamelas Prinz von Alexander Osang
Über einen Pforzheimer Bordellkönig und seine champagnerspritzende Luxus-Rallye entlang der Côte d'Azur mit Rolls-Royce unterm Hintern, Rolex am Handgelenk und Busenwunder Pamela Anderson auf dem Beifahrersitz. mehr...

(DER SPIEGEL vom 29. September 2008)


BESTE REPORTAGE (KISCH-PREIS) - ausgezeichnet:

Rolf, ich und Alzheimer von Katja Thimm
Über zwei Paare und ihren vergeblichen Kampf gegen die fortschreitende Vergesslichkeit, Verwirrung und Vernichtung von Orientierung und Lebenssinn, die man mit dem Begriff Alzheimerkrankheit bezeichnet. mehr...

(DER SPIEGEL vom 23. Juni 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Ein tödlicher Text von Jochen-Martin Gutsch
Über den Fall eines 23-jährigen Afghanen, der an seiner Universität eine Internetseite über den Propheten Mohammed zirkulieren ließ und wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde. mehr...

(DER SPIEGEL vom 19. Mai 2008)

Die Unbekannte von Lorenz Wagner
Über Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, die in der Öffentlichkeit unbekannt war, bis sie auf einen Mann hereinfiel, der sie verführte und erpresste und schließlich zu einer Anzeige veranlasste.
("Financial Times Deutschland", 21. November 2008)


BESTE FOTOGRAFISCHE LEISTUNG - ausgezeichnet:

Die starke Kraft des Glaubens von Yan Yankang
Nachhaltige Eindrücke vom tibetischen Buddhismus, seiner archaischen Poesie und Formenvielfalt, aber auch seiner Stärke und seiner Beharrungskraft gegenüber den Machthabern in Peking. ("Geo" vom 1. Mai 2008)

In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:

Der letzte Mohikaner von Armin Smailovic
Beobachtung des erfolgreichsten deutschen Entertainers Thomas Gottschalk während einer Vorbereitung von "Wetten, dass..?" und gleichzeitig Blick hinter die Fassade eines gealterten Sonnyboys.
("Zeit Magazin Leben" vom 19. März 2008)

Das menschliche Antlitz Chinas
von Mathias Braschler, Monika Fischer
Porträts von Chinesen, die während einer siebenmonatigen Reise im Vorfeld der Olympischen Spiele entstanden.
("Stern" vom 17. Juli 2008)

Burn out - Ansichten einer Krise von Martin Specht
Das Frankfurter Bankenviertel als Schattenreich, düstere Schwarz-Weiß-Impressionen der Katastrophe, die die Finanzwelt getroffen hat. ("Zeit Online" vom 29. Oktober 2008)

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