Die direkten Folgen: Die Kunden flohen, die Gewinne bröckelten, der Aktienkurs ging wieder bergab. Als im April 2006 auch noch der US-Investor Blackstone als Großaktionär bei der Telekom einstieg, wurde die Kritik immer lauter.
Immer häufiger machten in der Presse Spekulationen über die Ablösung des entscheidungsschwachen Telekom-Chefs die Runde - gewürzt mit Interna aus Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen, die alle nur eines belegen sollten: Ricke ist ein Zögerer und Zauderer.
Sein Ende als Vorstandschef kam dann schnell. In einer Hauruckaktion zwang Aufsichtsratschef h den glücklosen Top-Manager zum Rücktritt und hob Obermann auf den Posten.
Das war im November 2006. Just bis dahin soll die Berliner Sicherheitsfirma für den Konzern Telefondaten über Freunde und Feinde abgeglichen haben. Davon geht zumindest die Telekom derzeit aus.
Das Fax aus Berlin behauptet dagegen, dass "wir nachweislich auch nach November 2006 noch im Projekt 'Clipper' tätig waren". Man müsse ja nur mal Leute wie Zumwinkel oder Ricke fragen.
Beide Manager dementierten Ende vergangener Woche zumindest scharf, von konkreten Lauschattacken gewusst zu haben. Ex-Chef Ricke bestritt aber auch nicht, dass die Telekom während seiner Ära immer wieder versucht hat, die undichten Stellen im Unternehmen zu finden: "Die Telekom war ja löcherig wie ein Schweizer Käse."
Besonders in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit seien immer wieder interne Papiere in die Öffentlichkeit gelangt, "die zum Teil börsenrelevante Informationen enthielten" - etwa über geplante Akquisitionen im Ausland oder geplante Stellenstreichungen.
Ricke vergangenen Freitag zum SPIEGEL: "Wir haben im Vorstand des Öfteren darüber gesprochen und beschlossen, aktiv dagegen vorzugehen."
In Absprache mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Zumwinkel sei dann die Konzernsicherheit, die damals in das Ressort von Arbeitsdirektor Heinz Klinkhammer fiel, "etliche Male mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt" worden.
Um die Informanten zu enttarnen, seien unter anderem alle Vorstandsvorlagen mit individuellen geheimen Kürzeln versehen worden. Bisweilen seien im Vorfeld von Vorstandssitzungen auch gezielt Dokumente mit falschen Informationen verteilt worden, um so feststellen zu können, "welche Informationen bei welchen Presseorganen ankommen".
In Einzelfällen sei die von Klinkhammer geleitete Konzernsicherheit dann "nach detektivischer Puzzlearbeit auch fündig geworden". Mit welchen Methoden die einige hundert Mitarbeiter umfassende Abteilung dabei vorgegangen sei, habe er allerdings nicht gewusst, versichert Ricke und betont: "Ich habe niemals illegale Aufträge erteilt und erst recht zu keinem Zeitpunkt angeordnet, Telefonverbindungsdaten auszuspähen."
Ähnlich ließ sich ein Sprecher von Ex-Oberkontrolleur Zumwinkel ein: "Ein Aufsichtsratsvorsitzender kann Mitarbeitern des Unternehmens keine Anweisungen geben. Die behaupteten Datenspeicherungen sind, wenn sie geschehen sind, nicht mit dem Einverständnis des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden erfolgt."
Und weiter: "Es ist gut, dass die behaupteten Vorgänge und Abläufe untersucht werden."
Wirklich harte Dementis klingen anders. Beide wollen also nicht ausschließen, dass es solche Schnüffeloperationen gab. Sie möchten nur klarstellen, dass sie von illegalen Machenschaften nichts gewusst haben.
Die schmutzige Datenattacke der Telekom fliegt ausgerechnet in einem Moment auf, in dem der Staat höchste Ansprüche an den Bonner Konzern stellt, an dessen Vertraulichkeit wie auch Vertrauenswürdigkeit. Denn seit dem 1. Januar müssen die Telefon- und Internet-Anbieter in Deutschland alle Verbindungsdaten ein halbes Jahr lang speichern. So hatte es die EU nach den Terroranschlägen von Madrid 2004 beschlossen, und so hatten es sich auch deutsche Ermittler gewünscht.
Andernfalls, so ihre Sorge, könnten bereits alle Beweise gelöscht sein, wenn sie Monate nach einer Straftat auf einen Verdächtigen stoßen und dann das Komplizennetz aufrollen wollen.
Damit aber ist gerade der Branchenprimus Telekom heute mehr denn je eine Art Hilfspolizist des Staates. Umso peinlicher, dass der Konzern nun in den Verdacht gerät, sich in eigener Sache wie ein halbseidener Schnüffler an diesem Datenschatz vergriffen zu haben.
Wie sensibel die gespeicherten Verbindungsdaten der Telekom und vergleichbarer Unternehmen sind, hat das Bundesverfassungsgericht erst im März klargestellt, als es die neuen Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung gleich wieder einschränkte: Nur bei schweren Straftaten, bei denen mehr als fünf Jahre Haft drohen, kommen die Fahnder noch an die Verbindungsnummern von Verdächtigen heran. In allen an-deren Fällen bleibt die Telekom Geheimnisträger für ihre Kunden und gegen den Staat, der ja zugleich noch immer Großaktionär des Bonner Konzerns ist.
Nun aber steht zumindest das alte Management der Telekom unter Verdacht, dass ihm lange Jahre mehr zuzutrauen als zu trauen war - und das nicht nur, weil Schindluder mit den Daten der eigenen Aufsichtsräte und Manager getrieben wurde. Auch der Versuch, sie mit Journalistendaten abzugleichen, lässt zumindest in der Vergangenheit einen Mangel an Demokratieverständnis und ein Übermaß an Dummheit erkennen.
Mehrfach nämlich haben Gerichte in der Vergangenheit Ermittler zurückgepfiffen, die Journalisten mit dem Ziel überwachten, ihre Quellen in Regierungs- oder Justizbehörden aufzuspüren. So erklärte das Bundesverfassungsgericht die Durchsuchung der "Cicero"-Redaktion im Jahr 2005 ebenso für illegal wie den Versuch sächsischer Behörden, den Informanten eines Reporters der "Dresdner Morgenpost" mit dessen Verbindungsdaten ausfindig zu machen.
Und nachdem schon 2006 herausgekommen war, dass der Bundesnachrichtendienst bei einer Maulwurfjagd in den eigenen Reihen jahrelang illegal Journalisten überwacht hatte, musste sich die Bundesregierung erst vor wenigen Wochen öffentlich entschuldigen, dass der Dienst bei der SPIEGEL-Reporterin Susanne Koelbl rückfällig geworden war.
Deshalb muss auch den Telekom-Managern klar gewesen sein, dass sie beim Abgleich mit Journalisten-Nummern nicht nur in einem Graubereich operierten, sondern in der verbotenen Zone. Dort geht es offenkundig gefährlich zu, wenn man dem Chef der Berliner Sicherheitsfirma Glauben schenkt.
Die Situation sei für ihn und seine Firma "äußerst bedrohlich" geworden. Wenn sein Fax neben Telekom-Chef Obermann noch an Dritte weitergegeben werde, müsse er das "als Kriegserklärung werten". Er will sich nicht die Möglichkeit verbauen, sich "notfalls medienwirksam zu wehren".
Dazu dürfte er bald Gelegenheit bekommen.
Dieser Text wurde von Beat Balzli, Jürgen Dahlkamp, Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk verfasst und als einer von vier Artikeln zur Telekom-Affäre für den Nannen-Preis 2009 in der Kategorie "Beste investigative Leistung" nominiert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Spitzelaffäre bei der Telekom | RSS |
© DER SPIEGEL 22/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH