Von Manfred Dworschak
Es war einer der gruseligsten Befunde über die Gefahren des Mobilfunks. Handystrahlen, so hieß es, zerbrächen die zarten Fädchen des Erbguts in den Zellen. Mögliche Folge: Krebs.
Eine Forschergruppe an der Medizinischen Universität Wien hatte die Schreckensbotschaft verkündet. Man schrieb das Jahr 2005. Mobilfunkgegner freuten sich über die neue Munition. Mit frischem Mut forderten sie drastisch gesenkte Grenzwerte.
Jetzt stellt sich heraus: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist alles ein Schwindel. Eine Labortechnikerin hat einfach reihenweise Daten erfunden.
Elisabeth K. stand schon eine Weile unter Verdacht - auch eine aktuelle Studie, der sie zugearbeitet hatte, war mit befremdlichen Daten aufgefallen. Schütz ließ deshalb die Angestellte im April zwei Wochen lang heimlich beobachten.
Ergebnis: Elisabeth K. habe ihre Daten "offenkundig fabriziert", sagt Schütz. "Es ging ihr um die Erzeugung vorgefasster Ergebnisse." Der tatsächliche Verlauf ihres Experiments hingegen war der Labortechnikerin ziemlich gleichgültig: "Die hat gar nicht ins Mikroskop geschaut", berichtet der Rektor sichtlich verblüfft.
Gleich zwei vieldiskutierte Studien sind nach dem Geständnis praktisch wertlos geworden; die Uni fordert, dass sie zurückgezogen werden. Bei der älteren aus dem Jahr 2005 ging es um Mobilfunkwellen, wie sie im gewöhnlichen GSM-Netz verwendet werden. Die Schäden am Erbgut, die der Wiener Forschergruppe damals aufgefallen waren, traten zwar nur bei isolierten Zellen in der Petrischale auf - dafür aber schon bei einer Belastung weit unterhalb der Grenzwerte.
Die zweite Studie, erschienen in diesem Frühjahr, kam zu einem ähnlichen Ergebnis, diesmal bei den Funkwellen der modernen UMTS-Netze.
Dass Handys "Strangbrüche" im Erbgut verursachen, gehört zum eisernen Arsenal der Mobilfunkgegner. Bereits 2003 hatte das vielzitierte EU-Forschungsprojekt "Reflex" einen ähnlichen Befund gemeldet. Dessen Koordinator, der Münchner Professor Franz Adlkofer, war nun auch an den zweifelhaften Wiener Studien beteiligt.
Adlkofer blickt auf eine illustre Biografie zurück: Er war fast zwei Jahrzehnte lang als leitender Wissenschaftler in einem Lobbyverband der Zigarettenindustrie tätig. Mit diversen Handystudien aber gelang ihm in den vergangenen Jahren die Konversion zum Volkshelden, zumindest unter den Mobilfunkgegnern.
Sein Wiener Mitautor Hugo Rüdiger, ehemals Professor in der Abteilung für Arbeitsmedizin, sieht das anders. Rüdiger, der inzwischen emeritiert ist, will von den Arbeiten nach wie vor nicht abrücken.
Bei den älteren Daten sieht auch Adlkofer "keine Veranlassung, das Ergebnis zu bezweifeln". Gleichwohl müsse die Studie von 2005 nun "wiederholt werden - und zwar außerhalb Wiens, das ist klar".
Schuld sei, beteuert der Forscher, allein Rüdigers Assistentin, die Labortechnikerin. Sie führte maßgeblich die Experimente aus, viele Daten stammen von ihr. Aber aus welchem Grund sollte sie geschummelt haben? Adlkofer: "Das war wohl psychopathologisch begründet." Auf Deutsch: Sie hatte einen Knall.
Die Frage ist aber: Wie konnte eine einfache technische Hilfskraft, ob bei Sinnen oder nicht, mit gröblich zusammengeschusterten Daten gestandene Lehrstuhlinhaber überlisten?
"Das stellt mich vor ein großes Rätsel", sagt Alexander Lerchl, Professor für Biologie an der Bremer Jacobs University. "Ein erfahrener Wissenschaftler müsste sofort sehen, dass da was faul ist."
Lerchl war es, der den Fall ins Rollen brachte. Ihm war aufgefallen, dass die angeblich beobachteten Daten einander viel zu stark ähnelten. "Das ist ein häufiger Fehler, wenn Leute Resultate fälschen", sagt Lerchl. Also rechnete er nach. Und fand: "Es ist statistisch und logisch unmöglich, dass diese Daten aus echten Experimenten stammen."
Der Biologe erforscht selbst seit Jahren mögliche Auswirkungen des Mobilfunks auf den Organismus. Die Wiener Studien waren ihm schon länger suspekt. "Es gibt einfach keinen vorstellbaren Wirkmechanismus, der Erbgutschäden bei so energiearmen Wellen erklären kann", sagt er.
Auf Lerchls Insistieren hin wurde die Wiener Universität tätig. Nun harrt noch die unrühmliche Rolle der Professoren Adlkofer und Rüdiger einer Klärung. "Das werden wir als Nächstes untersuchen", sagt Wolfgang Schütz.
Dem Rektor ist die menschliche Dimension solcher Dramen nicht fremd: "Das ist ganz typisch für wissenschaftliche Betrugsdelikte", sagt Schütz. "Nicht selten steckt dahinter eine junge Mitarbeiterin, die sich mit ihrem Chef sehr gut stellen will."
© DER SPIEGEL 22/2008
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