Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



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26.05.2008
 

Mobilfunk

Beim Tricksen ertappt

Von Manfred Dworschak

Zwei aufsehenerregende Studien über die Gefahren der Handystrahlen sind offenbar das Werk einer Schwindlerin - was wussten die leitenden Professoren?

Es war einer der gruseligsten Befunde über die Gefahren des Mobilfunks. Handystrahlen, so hieß es, zerbrächen die zarten Fädchen des Erbguts in den Zellen. Mögliche Folge: Krebs.

Eine Forschergruppe an der Medizinischen Universität Wien hatte die Schreckensbotschaft verkündet. Man schrieb das Jahr 2005. Mobilfunkgegner freuten sich über die neue Munition. Mit frischem Mut forderten sie drastisch gesenkte Grenzwerte.

Jetzt stellt sich heraus: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist alles ein Schwindel. Eine Labortechnikerin hat einfach reihenweise Daten erfunden.

DER SPIEGEL 22/2008


TITEL
Tausendmal probiert ... und nie ist was passiert
Das Geschäft mit der Sehnsucht nach dem Kind

Mehr noch: Die Frau trickste danach offenbar jahrelang weiter vor sich hin - bis es nun einer Untersuchungskommission der Wiener Universität gelang, sie auf frischer Tat zu ertappen. "Frau K. hat sofort gestanden", sagt Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität. "Wir haben das Arbeitsverhältnis beendet."

Elisabeth K. stand schon eine Weile unter Verdacht - auch eine aktuelle Studie, der sie zugearbeitet hatte, war mit befremdlichen Daten aufgefallen. Schütz ließ deshalb die Angestellte im April zwei Wochen lang heimlich beobachten.

Ergebnis: Elisabeth K. habe ihre Daten "offenkundig fabriziert", sagt Schütz. "Es ging ihr um die Erzeugung vorgefasster Ergebnisse." Der tatsächliche Verlauf ihres Experiments hingegen war der Labortechnikerin ziemlich gleichgültig: "Die hat gar nicht ins Mikroskop geschaut", berichtet der Rektor sichtlich verblüfft.

Gleich zwei vieldiskutierte Studien sind nach dem Geständnis praktisch wertlos geworden; die Uni fordert, dass sie zurückgezogen werden. Bei der älteren aus dem Jahr 2005 ging es um Mobilfunkwellen, wie sie im gewöhnlichen GSM-Netz verwendet werden. Die Schäden am Erbgut, die der Wiener Forschergruppe damals aufgefallen waren, traten zwar nur bei isolierten Zellen in der Petrischale auf - dafür aber schon bei einer Belastung weit unterhalb der Grenzwerte.

Die zweite Studie, erschienen in diesem Frühjahr, kam zu einem ähnlichen Ergebnis, diesmal bei den Funkwellen der modernen UMTS-Netze.

Dass Handys "Strangbrüche" im Erbgut verursachen, gehört zum eisernen Arsenal der Mobilfunkgegner. Bereits 2003 hatte das vielzitierte EU-Forschungsprojekt "Reflex" einen ähnlichen Befund gemeldet. Dessen Koordinator, der Münchner Professor Franz Adlkofer, war nun auch an den zweifelhaften Wiener Studien beteiligt.

Adlkofer blickt auf eine illustre Biografie zurück: Er war fast zwei Jahrzehnte lang als leitender Wissenschaftler in einem Lobbyverband der Zigarettenindustrie tätig. Mit diversen Handystudien aber gelang ihm in den vergangenen Jahren die Konversion zum Volkshelden, zumindest unter den Mobilfunkgegnern.

MOBILFUNK: FREQUENZEN, STRAHLUNG UND WÄRME

Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch beispielsweise schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
Nun zeigt sich Adlkofer zerknirscht. Er spricht von einer "Sauerei". Bei der Studie von 2008 sei es "nicht mit rechten Dingen zugegangen", sagt er. "Man hat uns hinters Licht geführt. Ich bin entsetzt."

Sein Wiener Mitautor Hugo Rüdiger, ehemals Professor in der Abteilung für Arbeitsmedizin, sieht das anders. Rüdiger, der inzwischen emeritiert ist, will von den Arbeiten nach wie vor nicht abrücken.

Bei den älteren Daten sieht auch Adlkofer "keine Veranlassung, das Ergebnis zu bezweifeln". Gleichwohl müsse die Studie von 2005 nun "wiederholt werden - und zwar außerhalb Wiens, das ist klar".

Schuld sei, beteuert der Forscher, allein Rüdigers Assistentin, die Labortechnikerin. Sie führte maßgeblich die Experimente aus, viele Daten stammen von ihr. Aber aus welchem Grund sollte sie geschummelt haben? Adlkofer: "Das war wohl psychopathologisch begründet." Auf Deutsch: Sie hatte einen Knall.

Die Frage ist aber: Wie konnte eine einfache technische Hilfskraft, ob bei Sinnen oder nicht, mit gröblich zusammengeschusterten Daten gestandene Lehrstuhlinhaber überlisten?

"Das stellt mich vor ein großes Rätsel", sagt Alexander Lerchl, Professor für Biologie an der Bremer Jacobs University. "Ein erfahrener Wissenschaftler müsste sofort sehen, dass da was faul ist."

Lerchl war es, der den Fall ins Rollen brachte. Ihm war aufgefallen, dass die angeblich beobachteten Daten einander viel zu stark ähnelten. "Das ist ein häufiger Fehler, wenn Leute Resultate fälschen", sagt Lerchl. Also rechnete er nach. Und fand: "Es ist statistisch und logisch unmöglich, dass diese Daten aus echten Experimenten stammen."

Der Biologe erforscht selbst seit Jahren mögliche Auswirkungen des Mobilfunks auf den Organismus. Die Wiener Studien waren ihm schon länger suspekt. "Es gibt einfach keinen vorstellbaren Wirkmechanismus, der Erbgutschäden bei so energiearmen Wellen erklären kann", sagt er.

Auf Lerchls Insistieren hin wurde die Wiener Universität tätig. Nun harrt noch die unrühmliche Rolle der Professoren Adlkofer und Rüdiger einer Klärung. "Das werden wir als Nächstes untersuchen", sagt Wolfgang Schütz.

Dem Rektor ist die menschliche Dimension solcher Dramen nicht fremd: "Das ist ganz typisch für wissenschaftliche Betrugsdelikte", sagt Schütz. "Nicht selten steckt dahinter eine junge Mitarbeiterin, die sich mit ihrem Chef sehr gut stellen will."

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