AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008
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26.05.2008
 

Global Village

Saubere Stadt

Von Alexander Smoltczyk

In Ponticelli, vor den Toren Neapels, endet die Osterweiterung der EU.

In Ponticelli wird man als Kommunist geboren, sagen die Leute. Hier ist man noch stolz darauf, von unten zu kommen, und Dinge, wenn nötig, selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist ein Vorort von Neapel, mit einer Raffinerie, Tanklagern, derzeit überall herumliegenden Müllhaufen, meist selbstgebauten, unverputzten Häusern - und über allem steht die Silhouette des Vesuvs. Händler verkaufen Artischocken-Bündel von der Kühlerhaube herunter oder Schuhe, das Paar für fünf Euro. Es sei ein Aufstand im Müll gewesen, ein Krieg der Armen gegen die Armen, haben die Zeitungen geschrieben.

In Ponticelli gingen am 12. Mai mehrere illegale Barackensiedlungen in Flammen auf, nachdem das Gerücht umgegangen war, eine Zigeunerfrau hätte einen Säugling gestohlen. Die Roma-Familien aus den Siedlungen wurden unter Polizeischutz in Bussen auf Turnhallen und Schulen der Umgebung verteilt. Der Unterricht fiel so lange aus, und so gab es neue Protes- te von rauchenden, lauten Müttern in billigen Fleece-Anzügen.

"Angeblicher Kindesraub", sagt der Polizist. Er ist erkältet. Zusammen mit seinem Kollegen steht er seit Tagen unter einer Autobahnbrücke an der Via Argine und bewacht das letzte gebliebene Roma-Camp. "Wenn Sie mich fragen, sind das Sündenböcke", sagt der Beamte. Es ist ein trostloser Ort, in einer Landschaft aus Plastiktüten und Dreck. Aus Sperrmüll zusammengenagelte Hütten, als Himmel die donnernde Brücke, Campingkocher, auf dem lehmigen Boden liegen noch Löffel, halbleer gegessene Teller. Wassertonnen, aber in einer Baracke ein sorgfältig justiertes Poolbillard.

Seit drei Jahren hausten hier etwa 150 Roma. Jene Menschen, die an Kreuzungen Scheiben putzen, Tomaten ernten oder mit komatösen Säuglingen betteln gehen. Hier war ihre Siedlung, aus Brettern und Plastikplanen und Müll: ein Slum. Aber die Kinder gingen zur Schule, jeden Tag.

Ansonsten hatte die Stadtverwaltung anderes zu tun. Man ließ hausen. "Was hätten wir tun sollen? Sie fortjagen?" Der Polizist schneuzt sich, zerknüllt das Taschentuch und schaut sich suchend um. Inmitten des Mülls steht, unwirklich wie eine Heiligenerscheinung, eine Biotonne, aus der ein defekter Fernseher ragt. "Sie haben ja niemanden gestört", sagt der Polizist. Dann geht er zur Tonne und wirft sein Taschentuch hinein.

Ponticelli ist über Nacht eine europäische Angelegenheit geworden. Das Parlament in Brüssel schickte eine der beiden Roma-Abgeordneten als Beobachterin herunter. Seit der Osterweiterung sind Roma aus Rumänien keine EU-Ausländer mehr. Minister in Madrid warnten vor dem Rassismus der neuen Regierung in Italien. Die Beobachterin erklärte, die Roma würden von der Polizei gefoltert.

Ein paar Straßen entfernt, in der Via Botteghelle di Portici, hat alles angefangen. Flora M., 26, kam in die Küche und fand den Babysitz leer. Da stand nur eine 16-jährige Romni und hielt das sechs Monate alte Kind in den Armen. So hat es Flora M. berichtet. Ihre Schreie alarmierten die ganze Straße, und das Roma-Mädchen musste von der Polizei in Sicherheit gebracht werden.

Die Nachbarin von Flora M., eine junge Blonde mit Pferdeschwanz und in Gymnastikhosen, hängt ihre Wäsche auf. Hinter ihr hüpfen drei Kanarienvögel im Käfig. Sie sei nicht gegen die Nomaden: "Wir haben denen Kleider gegeben und zu essen. Aber sie haben geklaut und überall ihren Dreck hingeworfen. Und dann die Sache mit dem Baby. Non si tocca ai bambini", sagt sie, Kinder werden nicht angefasst. Das sei das oberste Gesetz in Neapel und Umgebung. Kinder sind tabu.

Die Leute von Ponticelli machten das, was sie auch mit den Müllhaufen tun, um die sich niemand kümmert. Ein paar Jugendlichen wurde zu verstehen gegeben, dass niemand etwas gegen Brandflaschen einzuwenden hätte.

"Aber wir haben gewartet, bis die Kinder weg waren. Non si tocca ai bambini", sagt die Nachbarin. Sie sei froh, dass die Lager jetzt weg seien.

Ponticelli ist eine linke Stadt. Die meisten, die jetzt im Mai ihre Fäuste gegen die Roma geschüttelt haben, hatten bei den Wahlen im April für die Demokratische Partei von Walter Veltroni gestimmt.

"Sehen Sie das?", sagt der Besitzer eines Telefonladens, gleich neben dem Rathaus von Ponticelli. Zu sehen sind ein Polizeibus und ein Haufen Sperrmüll, Tüten, Styroporreste. "Sehen Sie? Die haben uns aufgegeben. Und noch etwas." Er beugt sich durch das Autofenster hinein. "Das sage ich Ihnen, und Sie können das schreiben. Wenn der Staat verschwindet - dann lebt es sich besser mit der Camorra. Mit der Camorra! Das sage ich Ihnen, und ich habe zwei Kinder."

Die Camorra soll hinter dem Müllnotstand stehen. Sie verdient an den Notdeponien. Und auch manches Gelände, auf dem ein Roma-Lager abgebrannt worden ist, gehört Privatleuten mit einem Bebauungsplan in der Tasche.

In der Innenstadt werden währenddessen die Tütenberge zusammengeschoben. Nachts hatten die Haufen wieder gebrannt. Jetzt muss aufgeräumt werden. Der Ministerpräsident kommt. Silvio Berlusconi hält seine erste Kabinettssitzung in Neapel ab. Der Müll und die Roma stehen auf der Tagesordnung. Es wird wieder Sonderdekrete geben und ein Sicherheitspaket. Und alle werden von den modernen Verbrennungsanlagen jenseits der Alpen reden und wie man dort mit Problemen fertig wird.

Deutschland hat seine Hilfe angeboten. Die nächsten zehn Wochen werden jeden Tag Güterzüge nach Norden rollen.


Anmerkung: In der aktuellen Printausgabe des SPIEGEL endet dieser Text mit dem Satz: „In das Land, wo die besten Öfen stehen.“ Der Autor wollte damit das Erschreckende einer „Weg mit...“-Haltung betonen, die gegenüber lästigem Müll und lästigen Menschen nur ans Werfen von Brandflaschen denkt. Zu seinem Bedauern kann dieser Satz als bloßes Wortspiel mit der Erinnerung an die Nazi-Zeit missverstanden werden und wurde deshalb in der Online-Version gestrichen.

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