Von Juan Moreno
Thater zockt nie, das ist das Geheimnis. Sie ist immun gegen die Verführung. Sie mag auch keine Brettspiele oder Roulette, wirft nie eine Münze in die Automaten. Ihr eine Wette vorzuschlagen hat keinen Sinn. "Könnte ja verlieren." Poker ist Arbeit, nicht Emotion, und diese Arbeit besteht darin, Fragen zu beantworten. Sie muss sich überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Ass auftaucht, wer der Fisch ist, ob jemand blufft. Sie kann zwei, drei Stunden, manchmal eine ganze Nacht dasitzen, auf die richtigen Karten warten und Preiselbeersaft trinken, den sie gern mag. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich in der Zeit kaum, sie schaut stur auf die Karten. Manchmal scheinbar gelangweilt, manchmal so kalt, dass einem unwohl wird. Es ist Arbeit, und es heißt nicht, dass sie immer gewinnt. Es heißt, dass sie mehr gewinnt als verliert. Wie viel das ist, möchte sie nicht sagen. Es reicht für die Pferde, eine Rolex und Urlaub in der Karibik.
"Ich nehme Glück nicht persönlich." Ein Fisch glaubt, dass sich das Glück, der Zufall oder Gott gegen einen verbündet habe, wenn es nicht läuft. Für Thater gleicht sich Glück aus, und was Poker betrifft, ist das Glück sehr redlich. Niemand bekommt nur schlechte Karten, niemand nur gute. Karten haben kein Gedächtnis, sagen Spieler. Aber offenbar sind sie auch nicht vergesslich. Alle Spieler werden auf lange Sicht gleich behandelt. "Nur darum kann es ja Weltmeisterschaften geben, es ist kein Glücksspiel", sagt Thater. "Gibt es professionelle Roulettespieler? Professionelle Würfelspieler? Nein, das sind Glücksspiele. Warum sitzen an den Finaltischen so oft dieselben Leute, wenn es Glück ist?"
Poker hat ein Problem. Es ist das gleiche Problem, das Pferdewetten oder Spielautomaten haben. Glücksspiele, sagen Psychologen, können süchtig machen. Die Zahl der Pokersüchtigen in den Fachkliniken nimmt erheblich zu. In Deutschland gilt Poker als Glücksspiel, und so wie Anfänger es spielen, ist das auch richtig. Fische hoffen auf eine bestimmte Karte. Es gibt Leute, die Thater, der Weltmeisterin, Geld schicken, weil sie denken, dass das Glück bringt. Diese Menschen gewinnen wirklich nur, wenn sie Glück haben, weil gegen jede Wahrscheinlichkeit doch das Ass kommt. Dennoch sind Fische wichtig. Wenn alle wie Thater spielen würden, so vorsichtig, so emotionslos, Poker wäre ein Stellungskrieg. Haie neutralisieren sich, sie hören auf, bevor sie viel verlieren. Poker braucht Fische, Menschen, die nicht so stark sind, Poker braucht Fische wie Miro Stankovic, der schon mal 500 Euro an einem Abend verloren hat.
"Wenn du nicht weißt, wer der Fisch am Tisch ist, dann bist du es."
Stankovic' Traum ist es, irgendwann mal bei einem großen Turnier mitzuspielen. Er fragt sich manchmal, wie es sein muss, in Monte Carlo zu spielen, am Mittelmeer, umgeben von Yachten und Autos, die man am Alexanderplatz nicht sieht. Das Antrittsgeld für das Pokerturnier in Monte Carlo vor ein paar Wochen betrug 10 000 Euro. Vielleicht ist es besser, wenn Stankovic' Traum nie in Erfüllung geht.
"Sorry", sagt Katja Thater, "ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, ob der Spieler den Verlust verschmerzen kann oder ob das die Miete ist, die er mir gerade da rüberschiebt." Thater ist in Monte Carlo. Für sie ist es das letzte große Turnier in Europa, bevor sie nach Las Vegas fährt, um ihren Titel zu verteidigen, das wird im Juni sein.
Thater steht auf der Terrasse des Sporting Club, von der man den kleinen Strandstreifen sehen kann, den Monaco hat. 842 Spieler haben sich für das Turnier angemeldet, der Gewinner bekommt rund zwei Millionen Euro. Das größte Pokerturnier, das es jemals in der European Poker Tour gegeben hat.
Sie schaut aufs Meer hinaus. Die Sonne scheint, und die Brise der Côte d'Azur gibt sich alle Mühe, die unfassbaren Immobilienpreise in der Region zu rechtfertigen. Von einem Stankovic hat Thater noch nie gehört. Aber ihn meint sie, als sie sagt: "Wenn du am Tisch sitzt und nach einer halben Stunde nicht weißt, wer der Fisch ist, dann bist du es."
Bevor Thater Weltmeisterin wurde, fuhr sie zu solchen Turnieren, nur um Cash Games zu spielen. Es lief immer ähnlich. Nach einer Weile flogen die Ersten raus. Meist Männer, die 2000, 4000 Euro, manchmal mehr verloren hatten. Nicht die besten Spieler, zudem gekränkt und entschlossen, alles sofort zurückzugewinnen. Thater nahm ihnen den Rest.
Etwas später sitzt Thater wieder am Tisch. Sie will heute noch ein kleines Nebenturnier spielen. Texas Hold'em, 500 Euro Antrittsgeld, keine große Sache. Thater hat den Tisch 38 zugewiesen bekommen. Heute ist sie nicht der Star. Ein paar Tische weiter sitzt jemand, der noch viel bekannter ist als sie. "Neuer Hecht unter den Haien", titelte eine Pokerzeitschrift. Der Mann hat rotblonde Haare, trägt einen braunen Anzug und teure Schuhe. Er stammt aus Leimen. An Tisch 37 sitzt Boris Becker.
Seit einigen Monaten macht Becker Werbung für eine Pokerseite. Diese Seiten verdienen viel Geld im Internet. Die englische Agentur Global Betting and Gaming Consultants schätzt für 2003 den weltweiten Umsatz der Online-Pokerseiten auf 300 Millionen Dollar. 2006 waren es 3,1 Milliarden Dollar. Auch hier wird mehr für die Zukunft erwartet. Beckers Aufgabe ist es, viele Fische anzulocken.
Gestern hat er so schlecht gespielt, dass Stankovic Becker ruiniert hätte. Becker hat Poker gespielt wie früher Tennis in Wimbledon. Aggressiv, wild, zügellos. Die 10 000 Euro, die der Sponsor gezahlt hatte, damit Becker sich an einen Tisch des Hauptturniers setzten konnte, waren innerhalb von Stunden weg.
Heute im Nebenturnier ist Becker schon wieder fast pleite. Es ist 23 Uhr. Bei Thater sieht es gut aus. Sie macht das, was sie immer macht. Gucken, warten, denken. Leider gibt es keinen Preiselbeersaft, ansonsten ist alles in Ordnung.
Bei Becker ist nichts in Ordnung, er muss etwas tun. Er tut das, was Fische immer in solchen Situationen machen. Er geht mit schlechten Karten "All-in". Ein dicker Amerikaner geht sofort mit. Er hat viele Chips, es wird ihn nicht umbringen, wenn er verliert. Becker schon. Bis zum Aufdecken der letzten Karte steht der Amerikaner besser da. Dann kommt eine Zehn, und Becker hat wie durch ein Wunder den Pott gewonnen. Es ist, wie Miro Stankovic gesagt hat: Manchmal kämpft ein Fisch gegen einen Hai, und der Fisch gewinnt.
Boris Becker wird in dieser Nacht nicht gewinnen, er wird triumphieren. Erst wirft er den Amerikaner raus, dann einen Chinesen, dann eine Italienerin, die ein wenig Deutsch spricht und sagt: "Borise Begga hat eine Asch, so groß wie Melone." Sie meint, dass er unglaubliches Glück hat. Es stimmt. Becker spielt Karten, die kaum jemand spielen würde, und meist kommt genau das, was er braucht. Irgendwann sind alle am Tisch so verunsichert, dass sie nicht wissen, wann man ihm glauben kann und wann er blufft. Er schmeißt einen Hai nach dem anderen aus dem Turnier. Becker spielt wie im Rausch.
Boris Becker wird Siebter von 338 Spielern werden, das ist ein phantastisches Ergebnis. Irgendwann hat ihn das Glück verlassen, er machte Fehler, und es ging zu Ende. Monte Carlo ist nicht Wimbledon.
Thater ist lange vor Becker ausgeschieden. Sie hat nicht schlecht gespielt, ist dennoch nur 36. geworden. Das passiert. Kurz bevor sie den Saal verlässt, wirft sie noch einen kurzen Blick auf Becker, dem gerade seine blonde Pressefrau sagt, wie wunderbar er sei. Es ist nur ein flüchtiger, kalter Blick, ein letzter Gruß. "Willkommen im Meer, Fisch."
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