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Ausgabe 23/2008
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02.06.2008
 

Ortstermin

Die armen Reichen

Von Jochen-Martin Gutsch

In München kümmert sich ein Lobbyist um die Sorgen der Millionäre.

Gleich will Yves Gijrath mit der Präsentation beginnen und von Zigarillos in Blattgold schwärmen. Gijrath sitzt vorn auf dem Podium, der Saal ist groß, und Gijrath sieht ein bisschen versunken aus.

Amsterdam lief gut, Shanghai, Cannes. In Moskau stiegen die Reichen sogar in die Badewanne, gefüllt mit Dollar-Scheinen, für ein Geldbad, als wären sie Dagobert Duck. In Moskau wurden Schachspiele angeboten, geschnitzt aus Mammutknochen, gefunden im sibirischen Permafrost. In Moskau geht eigentlich alles. Aber München ist nicht Moskau. Gijrath starrt vor sich hin.

Neben ihm spricht jetzt Klaas Obma, ein Mann mit graugescheiteltem Haar, der das Messeprojekt in München leiten soll. Er ähnelt Blake Carrington aus der Fernsehserie "Denver-Clan". Obma sagt: "China, Russland, Indien, die Zahl der Superreichen nimmt zu." Obma sagt: "Der Wunsch nach Luxus wächst und wächst. Wir erleben eine Zeit des Aufschwungs. Auch in Deutschland." Gijrath schaut auf die 20 Journalisten, die sich in dem Hotelsaal verloren haben.

Womöglich ist der Zeitpunkt schlecht. Gijrath geht es um die Reichen. In Deutschland wird gerade über die Armen geredet. Deutsche Politiker sagen: Der Aufschwung kommt unten nicht an. Die Mittelschicht schrumpft. Es gibt den neuen Armutsbericht, das deutsche Prekariat und Kurt Beck und die Idee einer Reichensteuer.

Alle schauen nach unten.

Gijrath, mit Dieter-Bohlen-Bräune, schaut lieber nach oben. Auf zwei Leinwänden, links und rechts vom Podium, läuft jetzt sein Trailer, tauchen Joan Collins und Elizabeth Hurley auf, Yachten, Diamanten, Gulfstream-Jets, turkmenische Rassepferde und Frauen mit sehr kleinen Hunden im Arm. Am Ende erscheint sein Schriftzug: "Millionaire Fair".

Das ist Gijraths Idee. Seine Erfindung. Seine Millionärsmesse. Sie soll im Oktober zum ersten Mal nach Deutschland kommen. In Deutschland gibt es Messen für fast alles: Sex, Junggeflügel, Weihnachten, Friseure, Metall und Sanitärbedarf. Aber noch nicht für Millionärsbedarf.

Yves Gijrath, Niederländer, 41 Jahre alt, studierte Wirtschaft, arbeitete als Berater und wurde Mitte der neunziger Jahre Verleger. Er brachte das "Joods Journaal" heraus, ein Magazin für Juden. Und im Oktober 2000 das "Miljonair"-Magazin für sehr reiche Reiche. Er hatte, so zeigten die Verkäufe, eine vernachlässigte Zielgruppe gefunden, eine Randgruppe. Obdachlosenzeitungen gibt es viele.

2002 organisierte Gijrath die erste "Millionaire Fair" - in Amsterdam. Seitdem läuft die Messe um die Welt. Jetzt also Deutschland. Hamburg, Düsseldorf, Berlin und München standen zur Wahl, sagt Gijrath. Aber Hamburg ist kalt, Düsseldorf klein und Berlin zu verratzt. München könnte klappen. München hat eine gute Millionärsdichte. Im Umland liegt der Starnberger See. Da wohnen noch mehr Millionäre.

Vor wenigen Wochen fand in München eine Luxusmesse statt, aber die war, nach Gijraths Geschmack, eher was für reiche Mittelschichtler. Für arme Reiche.

Gijrath will höher hinaus, darum ist die Messehalle in München ein Problem. Zu niedrig. Man könne, sagt Gijrath, leider nur eine kleinere Yacht zeigen, aus baulichen Gründen. "Die ganz großen Schiffe kriegen wir nicht rein." Dafür gibt es die Zigarillos in Blattgold. Eine Weltneuheit. In manchen der Zigarilloschachteln sei ein Diamant versteckt, sagt Gijrath. Es klingt so, als würde er vom Überraschungsei sprechen.

Die Frage ist, wer Zigarillos in Blattgold braucht. Und turkmenische Pferde und Mahagoni-Strandkörbe. Gijrath zieht die Schultern hoch. Der Luxusmarkt sei einer der am schnellsten wachsenden Märkte überhaupt. 150 Milliarden Dollar Umsatz 2007. 300 Milliarden Dollar Umsatz in den nächsten Jahren.

Das Gute sei: Die Reichen werden immer mehr. Genauso wie die Armen.

Hört man Gijrath eine Weile zu, dann liegen die Dinge klar und einfach. Die Welt ist aufgeteilt in oben und unten. Oben ist es angenehmer. Wer unten ist, will nach oben. So ist der Lauf der Dinge, seit Ewigkeiten. Um die Leute unten kümmern sich der Paritätische Wohlfahrtsverband, seit neuestem auch Kurt Beck und der Arbeitnehmerflügel der CDU. Um die Leute oben kümmert sich Gijrath, er ist so etwas wie ihr Lobbyist.

Der Reiche ist, im Gegensatz zum Armen, kaum erforscht. Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird der Reichtum immerhin definiert. Es gibt eine Zahl. Reich ist, wer, alleinlebend, mehr als 3418 Euro netto bekommt.

Aber echter Reichtum, sagt Gijrath, beginnt erst ab fünf Millionen Euro, netto.

Gijrath, von Messe zu Messe schlauer, kennt sich aus in der Welt der Reichen. Der Chinese, sagt er, liebe Luxus, könne ihn aber aus politischen Gründen nicht so zeigen. Der Russe sei zeigefreudig, neige aber zum Protz, er verstehe nicht, dass es beim Luxus nicht nur ums Geld gehe. Beim Inder müsse man abwarten, dort sei die "Millionaire Fair" erst 2009. Der Deutsche, hofft Gijrath, ist wie der Niederländer: zunächst zurückhaltend - und kommt dann in Fahrt.

Wie ein Dieselauto, sagt Gijrath.

Die Zukunft des Reichtums aber, das ist die "Billionaire Fair". Die Milliardärsmesse. Nicht in Deutschland, sondern in Dubai. Die Frage wird sein, was man da noch anbieten will. Rassepferde in Blattgold?

Alles ist denkbar, sagt Yves Gijrath und verlässt schnell den fast leeren Saal.

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