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Ausgabe 23/2008
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Gesundheit Doppelter Prüfer

Ein führender Wissenschaftler des staatlichen Arzneimittel-TÜVs geht einem lukrativen Zweitjob nach: Er weiht Pharmakonzerne in seine Prüfmethoden ein.

Wenn Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, 58, von ihren größten Erfolgen berichtet, kommt sie gern auf das "Iqwig" zu sprechen, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Seit 2004 geht die in einem Kölner Gewerbegebiet angesiedelte Einrichtung dem Auftrag nach, neue Medikamente und Behandlungsmethoden auf ihren medizinischen Nutzen zu überprüfen. Zum Besten der Beitragszahler: Vom Votum des Pillen-TÜVs hängt maßgeblich ab, welche Arzneimittel von der Krankenkasse bezahlt werden und welche nicht.

Institutsleiter Sawicki: Ungewöhnliche Verquickung
IQWiG

Institutsleiter Sawicki: Ungewöhnliche Verquickung

Entsprechend gefürchtet ist das Kontrollinstitut bei den Pharmalobbyisten, schließlich geht es um einen Milliardenmarkt. Iqwig-Chef Peter Sawicki gilt in der Branche als fachkundiger Gegenspieler, der lästige Pharmavertreter schon in seiner Zeit als Chefarzt am Kölner St. Franziskus-Hospital am liebsten vor die Tür setzte. In jüngerer Zeit beklagten sich führende Industriebosse immer mal wieder im Kanzleramt darüber, dass ihnen Sawicki mit seiner kritischen Art das Geschäft schwermachte.

Umso überraschter waren die Manager mehrerer Pharmakonzerne, als sie an einem Freitagabend Anfang Mai eine E-Mail des Beratungsunternehmens United Biosource Corporation (UBC) erhielten. Auf wunderbare Weise schien sich eine Möglichkeit aufzutun, den Iqwig-Kontrolleuren ein Schnippchen zu schlagen - mit Hilfe eines besonders fachkundigen Informanten.

Sie müssten nur die Dienstleistungen ihrer Firma in Anspruch nehmen, riet UBC den Pharmamanagern. Um die "deutsche Herausforderung" zu meistern, sei "saubere Vorbereitung" vonnöten, hieß es in dem von Detailkenntnis geprägten Schreiben. UBC wolle den Unternehmen gern dabei helfen, dem Iqwig eine "Nutzen-Story" zu präsentieren.

Tatsächlich ist die US-Firma aus der Nähe der Hauptstadt Washington mit den Besonderheiten des deutschen Kontrollverfahrens bestens vertraut. Im September vergangenen Jahres hatte UBC eine Forschungseinrichtung des nordamerikanischen Gesundheitswissenschaftlers Jaime Caro übernommen. Caro gehört seither als "Senior Vice President" zum Führungszirkel des Beratungsunternehmens.

In Deutschland hingegen geht Caro pikanterweise einer ganz anderen Tätigkeit nach: Er ist Vorsitzender des internationalen Expertengremiums beim Iqwig und genießt das besondere Vertrauen deutscher Gesundheitsfunktionäre. Die neue Iqwig-Methode zur Bewertung von Kosten und Nutzen von Arzneimitteln geht maßgeblich auf ihn zurück.

Verständlich, dass die Pharmaindustrie an der Expertise eines solchen Mannes Interesse hat. Bereits im April veranstaltete die Beratungsfirma UBC ein sogenanntes Webinar für Arzneihersteller. Per Internet und Telefonschaltung teilte Caro sein Spezialwissen zum Thema "Wertbasierte Preisbildung in Deutschland" mit. Man hoffe, die "Meinungen und Erfahrungen" des prominenten Referenten seien hilfreich gewesen, hieß es in der Seminar-Nachbereitung von UBC.

Der Nutzen für das Beratungsunternehmen steht dagegen außer Frage. Das vor vier Jahren mit 153 Millionen Dollar Wagniskapital gegründete Unternehmen ist auf Expansionskurs.

Andere indes sind weniger erfreut über die Doppelfunktion des Wissenschaftlers. "Die Verquickung von einem gesetzlichen Auftrag und der Nutzung eines daraus resultierenden Wissensmonopols zu Geschäftszwecken halten wir für ungewöhnlich", heißt es in einem Brief des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Der VFA fürchtet, Caro könne die Bewertungsverfahren für Arzneimittel womöglich extra kompliziert gestalten, um dann "im Hauptgeschäft, der Beratung von Unternehmen, umso stärker zu reüssieren".

Caro selbst weist derlei Anschuldigungen zurück. In einem drei Seiten langen Brief an Instituts-Chef Sawicki begründet er ausführlich, warum er zwischen seiner kommerziellen Beratungstätigkeit und seiner Arbeit als Wissenschaftler jederzeit sauber unterscheiden könne. Von einer "Firewall" ist die Rede, einer Brandmauer also, die Caro zwischen UBC und Iqwig errichtet habe.

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Peter Sawicki scheint geneigt, an seinem Berater festzuhalten. Er zweifle nicht an Caros Darstellung, verkündete Sawicki vergangene Woche intern, der Mann sei fachlich einwandfrei. Wirklich glücklich ist Sawicki aber wohl nicht. Von außen betrachtet sehe die Sache nicht schön aus, räumt er ein.

Tatsächlich muss Sawicki fürchten, dass der Ruf seines Instituts schweren Schaden nimmt. Bereits Ende vergangenen Jahres war das Iqwig in die Kritik geraten, weil es Aufträge im Gesamtwert von etwa 200.000 Euro an eine Firma vergeben hatte, an der Sawickis Frau beteiligt ist. Zwar kamen externe Gutachter zu dem Schluss, dass es sich dabei nicht um Bereicherung, sondern lediglich um einen formalen Fehler gehandelt habe. Doch bei Krankenkassen und Ärzten steht Sawicki seither unter verschärfter Beobachtung.

Seinen Wissenschaftler hingegen scheint das nicht zu stören. Caros US-Arbeitgeber UBC eröffnete unlängst eine neue Dependance, um das Deutschland-Geschäft voranzutreiben.

Das Büro liegt, wie praktisch, in Köln nur wenige Kilometer vom Iqwig entfernt.

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