Von Jörg Blech
Als der Geschäftsmann Michael Deluca den anstrengendsten Teil seiner Reise antritt, ist er auf Befehle, Stress und Hektik gefasst. Stattdessen ertönen aus sechs Lautsprechern Rufe von Möwen, Meeresrauschen und esoterische Klänge.
Er geht an Stellwänden vorbei, die blau und violett leuchten. Wo die Fluggäste anstehen müssen, ist sogar eine Bank zum Ausruhen aufgestellt. Und als Deluca, 53, für eine Leibesvisitation ausgesucht wird, berührt niemand seinen Körper: Er braucht bloß in eine Kammer aus Plexiglas zu treten, wo ihn harmlose Strahlen abtasten und in zehn Sekunden ein Bild von seinen Konturen erstellen - schon hat er den Sicherheitscheck überstanden.
Die Kontrolle zum Wohlfühlen wird seit Ende April im Terminal B des Flughafens von Baltimore, Maryland, getestet und könnte nach Ansicht der zuständigen Transportation Security Administration (TSA) das Sicherheitskonzept auf Flughäfen in aller Welt grundlegend ändern. Wenn die Leute den Sicherheitscheck entspannt und gelassen durchliefen, behauptet TSA-Chef Kip Hawley, fielen Nervöse besonders auf - wie jene zum Beispiel, die einen Anschlag planen.
Die zwei Millionen Passagiere, die jeden Tag auf US-Flughäfen eine Maschine nehmen, dürften die Charme-Offensive begrüßen. Denn in keinem Land der westlichen Welt ist der Flugreisende so willkürlichen Bestimmungen und so überfordertem Sicherheitspersonal ausgesetzt wie in den USA.
Wer hier ein Flugzeug besteigen will, muss auf Socken oder barfuß vor einen uniformierten TSA-Mitarbeiter treten und nochmals die Bordkarte vorzeigen. Der Laptop muss aus der Tasche und gesondert durch die Röntgenuntersuchung.
Gern lassen TSA-Mitarbeiter die Passagiere, denen sie eigentlich dienen sollen, ihre Macht spüren. Als vor einiger Zeit ein Fluggast sein Recht auf freie Meinungsäußerung gebrauchte und mit schwarzem Filzstift "Kip Hawley ist ein Idiot" auf seinen Plastikbeutel im Handgepäck schrieb, wurde er auf dem
Flughafen von Milwaukee erst einmal festgesetzt.
Alte und kranke Menschen sind körperlich oft gar nicht in der Lage, den mitunter absurden TSA-Anweisungen zu folgen. John Dingell aus Michigan, damals 75, löste den Metalldetektor aus, weil er seit einem Unfall einige Implantate aus Stahl hat: ein künstliches Hüftgelenk sowie Nägel am Knöchel.
Die TSA-Mitarbeiter glaubten dem Herrn das nicht und zwangen ihn, sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Sodann hätten sie ihn "von oben bis unten befühlt wie einen Mastochsen", berichtete Dingell, dessen Striptease vor dem Abheben nur deshalb bekannt wurde, weil er sich als Abgeordneter im US-Kongress Gehör verschaffen konnte.
Vor allem Frauen empfinden es als erniedrigend, wenn TSA-Mitarbeiterinnen sie beim Abtasten zwischen den Brüsten, im Schritt oder am Po anfassen und sie auffordern, die Bluse auszuziehen. Im Februar haben Sicherheitsmänner eine 37 Jahre alte Frau auf dem Flughafen in Lubbock festgehalten, weil diese Ringe in den Brustwarzen trug. Erst nachdem die verstörte Frau den Metallschmuck mit einer Zange entfernt hatte, ließ die feixende TSA-Meute sie zu ihrem Flug. Nun, nach Abertausenden Beschwerden, ist es den Verantwortlichen offenbar aufgegangen, dass es so nicht weitergehen kann.
"Unsere Kontrollen sind laut, anstrengend, und die Leute verstehen nicht ganz, was mit ihnen geschieht", räumt TSA-Chef Hawley ein. Das Chaos am Checkpoint frustriere nicht nur die unbescholtenen Fluggäste, sondern erleichtere es Attentätern, mit ihrer eigenen Nervosität in der aufgeladenen Atmosphäre nicht weiter aufzufallen.
Diese Tarnung soll in Baltimore nun durch die musikalische Berieselung, die beruhigenden Blautöne und andere Wohlfühlelemente genommen werden. Beispielsweise schreien sich die TSA-Angestellten ihre Kommandos nicht mehr zu, sondern sprechen leise über Kopfhörer und Mikrofon.
Das früher übliche Abtasten wird durch die Untersuchung in dem Ganzkörper-Scanner ProVision des US-Herstellers L-3 Communications ersetzt, der in ungefähr zehn weiteren US-Flughäfen, in Amsterdam, im Irak und in Israel ebenfalls seit kurzem im Einsatz ist. Ein Gerät kostet je nach Ausstattung bis zu 200.000 Dollar, kann durch die Kleider hindurchsehen und am Körper verborgene Gegenstände erkennen: etwa ein angeklebtes Plastikmesser.
Um die Privatsphäre zu respektieren, wird das Gesicht nach TSA-Angaben elektronisch unkenntlich gemacht. Überdies sitzt der Betrachter in einem geschlossenen Raum und kann das Bild des Nackten auf seinem Monitor nicht mit dem echten Menschen in Verbindung bringen. Auch werde jedes unauffällige Bild nach wenigen Sekunden gelöscht, beteuert die TSA.
Die berührungsfreie Untersuchung und die anderen Maßnahmen sollen TSA-Mitarbeitern wie Bryan Koogle die Arbeit leichter machen. Der Mann mit kurzgeschorenem Haar, 38, achtet auf das Verhalten von Fluggästen und verwickelt diese in scheinbar belanglose Gespräche, wenn sie ihm nervös oder sonst wie auffällig erscheinen.
An diesem Tag verläuft Koogles Frühschicht ohne besondere Vorkommnisse. David Singer, mit kleinem Sohn und Kinderkarre nach Chicago unterwegs, sagt nach der Kontrolle, er sei froh, dass er nicht lange warten musste. "Völlig schmerzfrei", bewertet auch Michael Deluca seine Abfertigung.
Beide sind heute zum ersten Mal durch die Sicherheit im Terminal B gegangen. Das bläuliche Leuchten und die esoterische Musik hat keiner von ihnen bemerkt.
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