SPIEGEL: Auch einige Ihrer sechs Kinder arbeiten als Schauspieler oder Regisseur. Besuchen Sie die bei Dreharbeiten?
Hoffman: Niemals! Das würden die auch gar nicht erlauben.
SPIEGEL: Haben Sie Ihre Kinder ermutigt, ins Showgeschäft zu gehen?
Hoffman: Weder ermutigt noch davon abgehalten. Kinder haben schon genug auszuhalten - den Druck, so erfolgreich zu sein wie ihre Eltern, sollte man ihnen nicht auch noch zumuten. Bei uns zu Hause hängen keine Szenenfotos von mir an den Wänden, keine Plakate von meinen Filmen. Alle meine Kinder zusammen haben kaum die Hälfte meiner Filme gesehen.
SPIEGEL: Nicht mal Ihre Klassiker? In den siebziger und achtziger Jahren haben Sie Filme mit Stars wie Steve McQueen, Robert Redford, Tom Cruise oder Warren Beatty gedreht, die allesamt als attraktiver gelten als Sie selbst.
Hoffman: Oje, jetzt wird's richtig schmerzhaft.
SPIEGEL: Haben Sie diese Leinwandpartner ausgewählt, um sich an ihnen zu messen?
Hoffman: Jeder, den ich mir als Partner suche, ist attraktiver als ich (lacht schallend). Als ich mich vor den Dreharbeiten von "Die Unbestechlichen" mit dem Regisseur Alan J. Pakula zum Abendessen traf, fragte er mich: "Was wollen Sie in diesem Film wirklich erreichen? Wie kann ich Ihnen dabei helfen?" Ich überlegte kurz und erwiderte: "Also, wenn Sie's genau wissen wollen: Lassen Sie mich besser aussehen als Robert Redford."
SPIEGEL: Sie sind auch ohne Glamour ein großer Star geworden. Reines Glück?
Hoffman: Ich weiß bis heute nicht, warum ich ein Star geworden bin. Falls ich jemals meine Autobiografie schreiben sollte, käme dafür nur ein Titel in Frage: "Bizarrer Betriebsunfall". In den sechziger Jahren habe ich in New York mit meinen Kollegen Gene Hackman und Robert Duvall herumgehangen. Ich habe als Kellner gearbeitet, Bob schob Nachtschichten bei der Post, und Gene arbeitete als Möbelpacker. Wenn uns damals jemand prophezeit hätte, dass wir schon bald Filmstars werden würden, hätten wir ihn ausgelacht. Es fühlt sich manchmal immer noch an wie ein Traum.
SPIEGEL: Anders als früher, als Sie auf der Leinwand immer unter Strom gestanden haben, wirken Sie jetzt völlig entspannt.
Hoffman: Wenn ich so ausgesehen hätte wie Robert Redford oder Steve McQueen, hätte ich damals diese Energie sicher überhaupt nicht aufgebracht. Wenn ich jetzt entspannter wirke, liegt es daran, dass ich mittlerweile weiß: Ich bin der sexyste, bestaussehende Mann der Welt.
SPIEGEL: Zumindest dürften Sie fast überall auf der Welt erkannt werden. Nervt das nicht oft?
Hoffman: Man muss locker mit dem Ruhm umgehen. Ansonsten endet man wie Greta Garbo oder der Schriftsteller J. D. Salinger, der sich seit Jahrzehnten irgendwo im Wald verkriecht. Außerdem hilft die Erkenntnis, dass viele Stars in Wahrheit ganz anders sind als ihr Image.
SPIEGEL: Ein Beispiel bitte!
Hoffman: Als wir im Mai "Kung Fu Panda" beim Filmfestival in Cannes vorgestellt haben, traf ich auf dem roten Teppich Angelina Jolie. Ich kenne sie schon seit 1991, seit den Dreharbeiten zu Steven Spielbergs "Hook". Ihr Vater Jon Voight hatte sie mitgebracht. Damals war Angelina 15 oder 16, schmal, schlaksig, trug eine Zahnspange und sah ziemlich unansehnlich aus. "Was willst du mal werden?", fragte ich sie. "Schauspielerin", gab sie wie aus der Pistole geschossen zurück. Ich ging nach Hause und sagte zu meiner Frau: "Na, für dieses Mädchen wird es noch ein böses Erwachen geben."
SPIEGEL: So viel zu Ihren Fähig- keiten als prophetischer Lehrmeister.
Hoffman: Ja, aber selbst heute, auf dem roten Teppich, ist Angelina Jolie nur eine schwangere junge Frau. Da ist keine Magie. Magie existiert nur auf der Leinwand, sie ist das Ergebnis der harten Arbeit vieler verschiedener Menschen.
SPIEGEL: Gibt es keine natürliche Aura, die einem Menschen Starpotential verleiht?
Hoffman: Wie man's nimmt. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Clint Eastwood traf, trug er viel zu kurze Hosen und zu kurze Hemdsärmel. Er wirkte gar nicht lässig und cool, sondern eher ungelenk. Das erste Wort, das mir zu ihm einfiel, war: scheu. Und ich dachte mir, er wäre viel besser geeignet, einen Tolpatsch zu spielen als einen Revolverhelden. Er ist ein Star geworden, indem er gegen seinen Charakter angespielt hat.
SPIEGEL: Natürliche Magie haben Sie bei einem Menschen also noch nie verspürt?
Hoffman: Doch, ein einziges Mal. Als ich die Schauspielerin Jessica Lange in einer Bar sah, sie ihren Kopf drehte und ich ihr Profil sehen konnte - da war ich völlig gebannt. Ich dachte mir: Wäre Michelangelo noch am Leben, würde er sie sofort als Modell verpflichten. Sie musste nichts tun, sie musste einfach nur da sein. Es gibt also Menschen, die haben eine Aura, eine unerklärliche Anziehungskraft, Starqualität eben. Aber nur ganz wenige. Manchmal sage ich zu mir: Wenn ich aussehen würde wie George Clooney, wäre ich ein Filmstar.
Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Lars-Olav Beier und Martin Wolf
© DER SPIEGEL 27/2008
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