AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2008
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Verbrechen Der Warhol der Geldfälscher

4. Teil: Geldfälscher sind auch nur Männer

Die Herren in den schwarzen Anzügen haben zwei Aufgaben. Erstens: das Leben des amerikanischen Präsidenten zu schützen. Zweitens: den Kampf gegen Dollar-Fälscher. Sieben Undercover-Büros unterhält der Secret Service in Europa, eines davon befindet sich in Frankfurt, sobald falsche Dollar gefunden werden, benachrichtigt das BKA die US-Geheimdienstler, vier- bis fünfmal im Jahr, es ist Routine. Doch dieser Fall ist anders, größer, irrer.


Ob es Sinan war, der "Albaner", oder der schusselige "Manni", oder Kuhl selbst - jedenfalls haben die Geldfälscher versehentlich einen Brief, adressiert an Kuhl, geschreddert und in die Tüte gestopft. Somit haben die BKA-Leute Kuhls Adresse, am folgenden Tag steht die gesamte Fälschertruppe unter Überwachung, sämtliche Telefone, die Werkstatt, die BKA-Leute sammeln Indizien. Im Zimmer 260, im Gebäude der Kölner Staatsanwaltschaft, sitzt Oberamtsanwältin Petra Schumacher, eine zierliche Frau, freundlich, die Stimme heiser geraucht. Sie ist es, die die lückenlose Überwachung der Männer anlaufen lässt. Über jedes Telefonat, das Kuhl und Co. führen, gibt es von nun an einen Aktenvermerk, jeder Anruf wird gespeichert, und die Gangster quasseln viel in den kommenden acht Monaten, denn so lange währt die Observation, 16.000 Telefonate.

Die BKA-Leute warten auf die Abnehmer, sie wollen den ganzen Ring ausheben.

Das Problem ist nur, dass es keine Abnehmer gibt. Zwar schwärmen Kuhls Mitstreiter nach allen Seiten aus, werben eifrig im Milieu für ihre ausgezeichnete Ware - doch ihnen fehlen die ausgezeichneten Kontakte. Zahllose Telefonate, in denen Kuhls Komplizen geheimnistuerisch von "Bildchen" und "grüner Strukturtapete" plappern, aber ohne Käufer zu finden. Kuhl ist mehr und mehr genervt, er will, dass die verdammte Chose beendet wird, und er will endlich Geld, echtes Geld.

Die BKA-Leute entschließen sich zum nächsten Schritt, eine verdeckte Ermittlerin, eine Undercover-Agentin.

Eine BKA-Frau, Mitte 30, hübsch, rothaarig, wird in ein beigefarbenes Businesskostüm gesteckt. Sie kriegt eine Legende, einen schwarzen 5er-BMW und Visitenkarten, die sie als "Marie Sophie Susann Falkenthal" ausweisen, ein Name wie aus einer ZDF-Vorabendserie.

Susann Falkenthal macht sich an Kuhl heran. Sie gibt sich als Unternehmensberaterin aus und wünscht sich Einladungskarten und Poster für ein Geschäftsevent in Litauen.

Kuhl beißt an.

Susann Falkenthal lässt den Mann in dem Glauben, der Aktive zu sein. Es kommt zu mehreren Treffen. Falkenthal spielt die Schwärmerische, die ihr Glück kaum fassen kann, an einen Künstler geraten zu sein. Sie wünscht sich, erklärt sie Kuhl, Dollar-Abbildungen auf den Einladungskarten. Ach, das könne er besonders gut, deutet Kuhl an.

Wieso?

Weil er - nun ja, mit Dollar habe er sich schon befasst, es gebe sogar etwas, was er ihr zeigen könne.

Hm, sagt Susann Falkenthal, in Litauen, da gebe es natürlich Leute, die sich interessieren ...

Kuhl geht fröhlich nach Hause, süß, die Kleine, und er hat die Sache pfiffig angeleiert, findet er.

Am 13. April 2007 kauft Susann Falkenthal von Kuhl 250.000 gefälschte Dollar, zum Preis von 21.600 Euro. Es ist ein Testkauf, Kuhl soll in Sicherheit gewiegt werden.

Ihre litauischen Geschäftspartner waren begeistert, erzählt Susann Falkenthal Wochen später dem geschmeichelten Kuhl. Ob sie demnächst ein bisschen nachkaufen könne - oder ein bisschen mehr?

Wie viel mehr?, will Kuhl wissen.

Warum nicht fünf oder sechs Millionen?

Na ja, sagt Kuhl. Ach, und die Typen in Litauen, die waren angetan?

Ab-so-lut! Es sei großartige Arbeit, sagt Susann Falkenthal, die er geleistet habe, mit einem Wort: genial. Geldfälscher sind auch nur Männer.

Am 22. Mai 2007, mittags, soll die Übergabe stattfinden, ein sonniger Tag. Kuhl und seine Spezis haben Vorsichtsmaßnahmen getroffen, sie haben Susann Falkenthal bespitzelt, beziehungsweise sie haben es versucht - um 13.08 Uhr gibt "Manni" A. mit markiger, agentenmäßiger Stimme durch, dass "die Mutter kommt", gemeint ist Susann Falkenthal, und dass sie "allein und sauber" sei.

Doch "die Mutter" ist weder sauber noch allein: Zwei Minuten später werden die Fälscher von einer GSG-9-Einheit überwältigt bei dem Versuch, der verdeckten Ermittlerin 6,5 Millionen Dollar zu verkaufen. Kuhl wird mit Kabelbinder gefesselt, man holt ihm später sogar einen Stuhl aus der Werkstatt, ein GSG-9-Mann steht die ganze Zeit daneben und fühlt Kuhls Puls - falls der alte Herr vor Aufregung kollabiert, ist schon vorgekommen.

Im Wagen von "Manni" A. finden die Ermittler eine M-43-Firestar-Pistole, einen Revolver Arminius. Im Keller des Albaners Sinan E. stellen sie 8,2 Millionen Dollar, eine Derringer-Pistole, Kaliber .38, eine Walther-Sportpistole, Kaliber .22, sicher. Insgesamt beschlagnahmen sie 16,5 Millionen Dollar, die Kollegen vom Secret Service sind begeistert, es ist der zweitgrößte Falschgeld-Dollar-Fund der Welt, der größte in Deutschland. Die Qualität der Blüten ist exzellent.

Die Freiheitsstrafen liegen zwischen zwei und sechs Jahren. Kuhl kriegt sechs.

Euskirchen bei Köln, Nieselregen. Der Wind biegt die Alleebäume. Von den Feldern steigen Krähen auf, ein Traktor rattert vorbei. Kuhl steht vor der Schranke der Justizvollzugsanstalt. Er tritt seine Zigarette aus, er nimmt die Tasche auf, lang, dünn, steifhüftig marschiert er zur Anmeldung, zum Strafantritt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama

© DER SPIEGEL 28/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP