SPIEGEL: War das jahrzehntelange Lügen der Radsportwelt also eigentlich sinnvoll, um die Transzendenz zu erhalten?
Sloterdijk: Der Radsport ist auch hierin strukturell katholisch: ohne Heuchelei nicht überlebensfähig. Eine Reformation der Tour de France bleibt unvorstellbar, weil man dann lauter Ernüchterte auf die Piste schicken würde, das wäre der Natur des Ereignisses nicht gemäß. Die Tour ist einer der wenigen Mythen des 20. Jahrhunderts, der bis vor kurzem noch halbwegs funktionierte.
SPIEGEL: Deutsche Radsport-Teams versuchen, den Sport zu säubern. Geht das?
Sloterdijk: Rolf Aldag wurde im vergangenen Jahr mit einem Bonmot zitiert: Man sollte diesmal den letzten drei die Medaillen geben. Das drückt eine ziemlich tiefe Einsicht in die moralische Situation der Tour aus. Nur: Wenn die Letzten die Ersten sein sollen, dann treiben wir nicht mehr Sport, sondern eine Barmherzigkeitsübung. Aus Niederlagen Siege zu machen ist und bleibt eine kulturell unwahrscheinliche Operation. In Italien hat man die Bestrebungen der Deutschen mit einem maoistischen Umerziehungslager verglichen, durch das die geständigen Fahrer hindurchgegangen seien.
SPIEGEL: Es gab in der Bundesrepublik lange die Illusion, dass nur die anderen, die Russen, die DDR, die Amerikaner dopingmäßig die Bösen sind.
Sloterdijk: Die Chemisierung der Gesellschaft ist ein globales Phänomen - und vor allem: Sie hat die breite Mitte erfasst. Man muss hierzu das Buch "No Limit" von Ines Geipel lesen, der ehemaligen DDR-Weltrekordlerin in der Sprintstaffel: Das zeigt, wie die Dinge, die im nächsten Monat in Peking passieren werden, in einen weltweiten Trend eingebettet sind. Mir hat mein Trainer schon vor ein paar Jahren erzählt, dass man in kaum einer Disziplin mehr ohne Doping auch nur über die Bezirksebene hinauskommt - und alle sind sich darüber völlig im Klaren. Nur Berufsheuchler wie Rudolf Scharping mussten so tun, als bräche für sie die Welt zusammen, als Jan Ullrich sich erwischen ließ. Was für ein Unfug! Seit langem ist doch jedem klar, dass ein Sportprofi immer einen zweiten Beruf ausüben muss, den des Vorbilddarstellers. Die Professionalisierung macht vor der Lüge nicht halt. Wer nicht heucheln kann, kann auch nicht Rad fahren.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass gedopte Sportler uns Normalsterbliche verachten, weil wir uns unserer Beschränktheit ergeben, die Grenzen unseres Körpers und die Grenzen der Schöpfung akzeptieren, während sie erkannt haben, wie man aus ihnen heraustreten kann?
Sloterdijk: Exzellente Frage. Können die Trainierten den Graben zwischen sich und den Untrainierten nur mit Verachtung auffüllen? Viel spricht dafür. Immer wenn ein sehr gesteigerter Mensch zwischen Nichtskönnern herumläuft, klafft eine unbehagliche Diskrepanz auf. Deswegen legen sich Sportler neben der Nie-gedopt-Lüge oft noch eine zweite Heuchelei zu: Sie wollen um alles in der Welt so tun, als wären sie ganz normale Leute. Ihr zweiter Zusatzsport ist die Simulation von Normalität. Kommunistische Intellektuelle hatten die Nummer seinerzeit auch im Repertoire.
SPIEGEL: Sind Fahrer wie Jörg Jaksche, die alles bekennen, heldenfähig?
Sloterdijk: Er gehört zu denen, die in das protestantische Lager übergewechselt sind - und die neuen Protestanten sind zurzeit noch eine unwillkommene Minderheit. In den nächsten 100 Jahren werden wir immer Doppelsport haben. Zuerst den Wettkampf selbst und dann die Enttarnung der Schwindler. Auf diese Weise kriegen wir zwei Programme gleichzeitig geboten. Auch deswegen erinnert die Situation der Anti-Doping-Partei an die der Christen in der römischen Arena. Sie werden zwar weiterhin zum Vergnügen des Publikums von den Löwen gefressen, aber aus dem Maul des besten Löwen hängt schon ein Arm mit erhobenem Zeigefinger heraus - mit einer unangenehmen Botschaft: Wenn ihr so etwas sehen wollt, dann seid ihr moralisch am Ende!
SPIEGEL: Es gibt Hobbyfahrer, die schlucken Paracetamol oder Voltaren, auch Epo, bevor sie auf Tour gehen. Sie auch?
Sloterdijk: Ich hätte keine prinzipiellen Hemmungen, aber ich setze auf innere Regulierungen. Der menschliche Körper ist ein endokrinologisches Gesamtkunstwerk, man muss ihn nur richtig stimulieren, und er dankt es dir mit einer Symphonie von Innen-Drogen.
SPIEGEL: Tragen Sie eigentlich das Gelbe Trikot, das Ihnen die Kollegen zum Geburtstag geschenkt haben?
Sloterdijk: Sehr gerne sogar. Erstens passt es mir halbwegs, zweitens hat man das Gefühl, als fahre man wie ein lebendes Alarmsignal durch die Landschaft.
SPIEGEL: Außerdem ist man den Göttern damit ein Stück näher, oder?
Sloterdijk: Ach, man wird schnell entzaubert. Da draußen fährt jeder Zweite in Gelb.
SPIEGEL: Herr Sloterdijk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Lothar Gorris und Dirk Kurbjuweit
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