Von Hilmar Schmundt
Ceci n'est pas une pipe", sagt Ulrike Flemming und schiebt sich das Rauchutensil aus Plastik, das aussieht wie ein Kinderspielzeug, in den Mund. Dies soll also keine Pfeife sein? Was denn dann? Ein Scherzartikel? Ein Filmrequisit?
Vorn, wo eigentlich die Glut rauchen müsste, glimmt eine rote Leuchtdiode. Aber wenn die Frau am Mundstück zieht, quellen echte Wölkchen aus ihrem Mund.
Immer wieder drehen sich vorbeigehende Gäste nach Flemming mit ihren feuerroten Haaren und der Elektropfeife um. Ihr rubinfarbenes Amulett und die schwarze Kleidung verleihen der Diplomkauffrau um die fünfzig etwas Geheimnisvolles.
Vor ihr auf dem groben Holztisch in einem Biergarten in Berlin-Treptow türmt sich ein ganzes Arsenal an geheimnisvollen Gerätschaften wie die Disneyversion einer Alchimistenküche: bunte Chemie-Fläschchen, Pappkartons mit chinesischen Schriftzeichen, Netzgeräte, Zigarren aus Plastik, Zigarettenhalter, chipgesteuerte Verdampfer, verkabelt mit Drähten und Akkus. Jeder an ihrem Tisch nuckelt an irgendeinem dieser skurrilen Geräte und bläst scheinbar Rauchwolken in die Luft. "Wir rauchen nicht", korrigiert Flemming sanft, "wir dampfen." Aha.
Das soll die Zukunft des Nikotinkonsums sein, findet das versprengte Trüppchen von sechs Interessierten, das sich Mitte Juli versammelt hat zum "Ersten Berliner E-Dampfer-Treffen" - einer Art Stammtisch für simuliertes Schmöken.
Die E-Dampfer sehen sich als Pioniere an der Genussfront, als technische Vorhut, als Raucher 2.0 sozusagen. "Tabakrauch stinkt einfach bestialisch", sagt Maja Reinke und nuckelt an ihrer elektrischen Zigarette. "Seit ich dampfe, schmecke und rieche ich wieder viel intensiver", schwärmt die 40-jährige Büroangestellte. "Allein dafür lohnt es sich schon, keine Pyros mehr zu rauchen."
Pyros, so nennt man hier die herkömmlichen Rauchwaren, in Anlehnung an das griechische Wort für "Feuer". E-Dampfer dagegen brauchen kein Feuerzeug, denn in E-Zigaretten wird kein Tabak verbrannt, sondern lediglich Nikotin zerstäubt - ähnlich wie in einem Inhalator für Asthmakranke (siehe Grafik).
Der Zerstäuber wird von einer Batterie betrieben und von einem Mikrochip gesteuert: Wenn man zu heftig saugt, beginnt die Glut-Diode zu blinken, und die Fluppe schaltet sich vorsorglich von selbst ab.
Der größte Vorteil beim Rauchen ohne Rauch: Während beim Verbrennen von Tabak Hunderte hochgiftige Substanzen freigesetzt werden - rund 50 davon sind krebserregend -, liefert die E-Zigarette pro Zug lediglich ein kleines Dampfwölkchen, das vor allem aus Wasser, Propylenglykol und Nikotin besteht.
Passivraucher gibt es bei den Nikotin-Inhalatoren auch nicht, denn der giftige, stinkende Nebenstrom wie beim klassischen Glimmstengel entfällt. Selbst der direkte Sitznachbar riecht nichts, und etwaige Nikotinausdünstungen beim Ausatmen bleiben meist unterhalb der Nachweisgrenze. Das hat zumindest eine neuseeländische Studie festgestellt, die bislang umfassendste ihrer Art (mehr Informationen unter www.spiegel.de/e-rauchen).
All das klingt recht harmlos. Und dennoch gibt es derzeit um den elektrischen blauen Dunst viel dicke Luft zwischen Ärzten, Gesundheitsministerien, Zollbehörden und Herstellern. Die einen loben das Elektrodampfen als die allerletzte Zigarettung für Nikotinsüchtige; die anderen verdammen es als brandgefährliches Laster. Die Streitfrage lautet: Ist das dampfende Plastikteil eine Art Pfeife oder nicht?
Konkreter ausgedrückt: Kann man mit den digitalen Glimmersatzstengeln die neuen, strengen Rauchverbote umgehen? Hier scheiden sich die Geister. Nicht einmal am E-Dampfer-Stammtisch in Berlin ist man sich darüber einig. Die einen haben schon im Flugzeug gedampft oder in der Semperoper. Andere setzen auf unauffällige Pen-Zigaretten, die aussehen wie ein Kugelschreiber, und gehen sogar in Winternächten zum Inhalieren vor die Kneipentür, um keinen Ärger zu provozieren.
Viele E-Zigarettenhändler im Internet bewegen sich in einer gesetzlichen Grauzone, in einem Nebel aus wilden Übertreibungen und vollmundigen Versprechungen: "Gesünder rauchen, an jedem Ort", "Enjoy healthy smoking whenever and wherever you wish", "Ma cigarette électronique, économique, écologique".
Doch wie sparsam, ökologisch, gesund ist der Digitaldampf wirklich? Der Markt ist unübersichtlich, es wird gemogelt, geblendet und gepfuscht. Die Schweizer Firma Nicstic hat im März Konkurs angemeldet. Die Behörden werfen den Gründern vor, die Investoren um viele Millionen Franken betrogen zu haben. Gegen einen österreichischen E-Zigaretten-Importeur ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Selbst gutinformierte Dampfer haben Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten im Gewirr von Firmen und Marken wie Freesmoke, Partysmoker, Smuke, Sedansa, Loongtotem, Rutoo, Vinirette. Die Preise für ein Einsteigerpaket E-Zigaretten schwanken erheblich, von unter 20 bis weit über 150 Euro.
Ein Flüssigkeitsdepot soll so viel Nikotin enthalten wie eine oder zwei Packungen normale Zigaretten; aber woraus genau das "Liquid" besteht, ist oft unklar, denn eine unabhängige Qualitätskontrolle gibt es nicht. Teils machen die Akkus schon nach wenigen Zügen schlapp, oder der Verdampfer schmort durch. Und manchmal greift die Garantie nicht, frei nach dem Motto: Let's go Wild West.
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