SPIEGEL: Ein zentraler Punkt ist offenbar die Immunität der US-Truppen.
Maliki: Dass es meinem Land nicht möglich sein soll, Vergehen oder Verbrechen der US-Soldaten an unserer Bevölkerung zu ahnden, ist ein grundsätzliches Problem für uns. Die anderen sind aber nicht minder wichtig: Wie lange bleiben diese Soldaten noch? Welche Befugnisse haben sie? Wer regelt, wo wie viele Soldaten in das Land ein- und ausreisen?
SPIEGEL: Wann wird der Großteil der US-Truppen den Irak endgültig verlassen?
Maliki: Was uns angeht, so bald wie möglich. Der US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama spricht von 16 Monaten. Das, finden wir, wäre der richtige Zeitraum für den Abzug, geringe Abweichungen vorbehalten.
SPIEGEL: Ist das eine Empfehlung für die US-Präsidentschaftswahl im November - versteht der Zivilist Obama den Irak am Ende besser als sein Rivale, der Kriegsheld John McCain?
Maliki: Wer im Irak heute mit kurzen Fristen rechnet, ist näher an der Wirklichkeit. Die Zeit der US-Truppen künstlich zu verlängern würde Probleme bereiten. Womit ich selbstverständlich keine Wahlempfehlung abgeben möchte; die Wahl ihres Präsidenten ist eine Sache der Amerikaner. Die Sache der Iraker aber ist es zu sagen, was sie wollen. Und da sind sich Volk und Regierung ziemlich einig. Die Zeit der Koalitionstruppen im Irak soll begrenzt sein.
SPIEGEL: Was hat am meisten zur Beruhigung im Land beigetragen?
Maliki: Das sind viele Faktoren, aber meine Reihenfolge geht so: erstens die politische Annäherung, die uns im Zentralirak gelungen ist - damit haben wir vor allem der Qaida im Irak den Hahn abgedreht; zweitens die Fortschritte unserer Sicherheitskräfte; drittens die tiefe Ablehnung, mit der die Bevölkerung auf die Grausamkeit der Qaida und der Milizen reagiert hat; und zuletzt natürlich der wirtschaftliche Aufschwung.
SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, Sie schlügen im Kampf gegen die Mahdi-Armee des Schiitenführers Muktada al-Sadr hart zu, schonten aber die Badr-Miliz seines Rivalen Abd al-Asis al-Hakim.
Maliki: Falsch. Wir gehen mit der gleichen Härte gegen jeden vor, der das Gesetz bricht. Wir hatten gerade vor ein paar Tagen einen Zwischenfall mit einer Gruppe, die den Badr-Leuten nahestand. Die Armee ging sofort dazwischen und hat sie alle festgenommen. Niemand wird geschont. Die Strafe bemisst sich nur an der Art des Verbrechens, nicht daran, wer der Verbrecher ist.
SPIEGEL: Im Südirak, Ihrer Heimat, hat man Ihre Härte mit der von Saddam Hussein verglichen.
Maliki: So etwas sagen Leute, die nicht verstehen, wie dringend der Irak Stabilität braucht - oder diese Leute ziehen Instabilität vor. Wir wollen nicht Angst und Schrecken im Irak verbreiten, wir haben etwa den Milizen mehrmals Fristen eingeräumt, ihre Waffen abzugeben. Ihr Widerstand war enorm, also mussten wir mit enormer Kraft dagegenhalten.
SPIEGEL: Welche Rolle sehen Sie für Ihren großen Rivalen, den Schiitenführer Muktada al-Sadr? Kann es ohne seine Beteiligung je nationale Versöhnung geben?
Maliki: Versöhnen kann man sich mit jedem, der das von sich aus möchte. Seine Exzellenz Muktada al-Sadr kann ein politischer Partner sein, vor allem wenn er dafür das große ideelle Erbe fruchtbar macht, das ihm seine Ahnen hinterlassen haben. Er hat verstanden, dass seine Anhängerschaft zuletzt von Kriminellen unterlaufen war - von Männern des ehemaligen Regimes, von Qaida-Leuten und anderen. Dass er nun dabei ist, sich systematisch von diesen Elementen zu trennen, macht ihn als politischen Partner noch stärker. Als Politiker wohlgemerkt, nicht als Milizenführer.
SPIEGEL: Sie haben einen Teil Ihres Exils in Iran verbracht, Sie haben das Land mehrmals besucht, seit Sie im Amt sind. Erklären Sie uns, was die Führer in Teheran umtreibt. Bauen sie eine Atombombe? Halten Sie das für eine große Gefahr?
Maliki: Ich bin nicht in die Details des iranischen Nuklearprogramms eingeweiht. Iranische Vertreter versichern uns aber, dass dieses Programm friedlichen Zwecken dient. Selbst wenn Teheran eine Nuklearwaffe entwickeln wollte, würde das rein technisch noch sehr lange dauern. Es liegt auf der Hand, dass unsere Region viel zu fragil ist, als dass auch nur ein einziges Land Nuklearwaffen besitzen sollte. Denn für andere Länder wird darin immer ein Anreiz liegen, auch welche zu bauen.
SPIEGEL: Vor genau 50 Jahren wurde im Irak die Monarchie gestürzt und die Republik ausgerufen - wir haben keine Fahnen, keine Feiern gesehen. Was bedeutet dieser Tag in der Geschichte des Landes?
Maliki: Es mag schon Leute geben, die ihn gefeiert haben. Doch das gilt nicht für alle Iraker. Am 14. Juli 1958 ging eine Ära zu Ende, doch was danach kam, entsprach nicht unseren Erwartungen und Hoffnungen. Was kam, waren Jahrzehnte der Militärputsche und der Diktatur. Und mit deren Folgen kämpfen wir noch heute.
SPIEGEL: Sie haben den wohl gefährlichsten Job, den ein Politiker haben kann. Wie halten Sie die ständige Todesgefahr durch Terroristen aus, und was tun Sie, um das Leben erträglich zu machen?
Maliki: Ich führe ein ziemlich einfaches, von äußeren Zwängen bestimmtes Leben, wie uns Irakern das offenbar vom Schicksal so bestimmt ist. Allzu viel hat sich da für die meisten in den vergangenen Jahrzehnten der Diktatur gar nicht geändert. Was hält mich aufrecht? Die dauernde Anstrengung, in der ich mich befinde, und die Erfolge, die wir inzwischen haben. Es bedeutet mir sehr viel, um wie viel näher wir einem demokratischen, die Menschenrechte achtenden Irak heute sind als noch vor wenigen Monaten.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Mathias Müller von Blumencron und Bernhard Zand
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© DER SPIEGEL 30/2008
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