Von Steffen Winter
Man muss sich Ernst-Adolf von der Ohe als glücklichen Menschen vorstellen. Gutgelaunt steht der Bauer auf einem Kartoffelacker im niedersächsischen Groß Oesingen und blickt versonnen auf ein grünes Ungetüm aus Stahl. Neben einer gewaltigen Fuhre Hühnermist und direkt vor dem Gerstenfeld wippt eine Förderpumpe der ExxonMobil. Alle sieben Sekunden bewegt sich das Gestänge erst nach oben, dann nach unten, alle sieben Sekunden verdienen von der Ohe und mit ihm die Bauern der Region ihr Geld in einem artfremden Gewerbe: der Erdölförderung.
Mehr als tausend Meter unter Groß Oesinger Kartoffeln und Braugerste sitzt ein üppiges Ölvorkommen. Es wurde schon 1933 angebohrt, doch noch nie war die Förderung so lohnend wie heute: Der Preis für die Tonne Rohöl ist von unter 100 Euro auf rund 600 Euro gestiegen. Die Landbesitzer in Groß Oesingen, die Ernst-Adolf von der Ohe als Erster Bevollmächtigter gegenüber Exxon vertritt, können sich - nach Jahrzehnten eher spärlicher Erlöse - dauerhaft auf einen stattlichen Nebenerwerb verlassen. Je nach Ackergröße können dabei fünfstellige Beträge herauskommen.
Die niedersächsischen Ölbauern sind nicht die Einzigen in der deutschen Provinz, die von explodierenden Preisen auf den Weltmärkten profitieren. Was in Zeiten hoher Personalkosten und günstiger Transportwege kaum noch denkbar schien, gewinnt nun an Attraktivität: Für Rohstoffe aller Art lohnt sich plötzlich wieder der Abbau in Deutschland. Kupfer, Zinn, Erdöl, Erdgas, Flussspat, Wolfram, Zink, Molybdän, Kalisalz, Braunkohle, Silber und Gold - alles, so scheint es, lässt sich mit ordentlicher Rendite aus dem Boden holen. Landauf, landab sind moderne Schatzjäger unterwegs, Investoren aus aller Welt sichten alte Erkundungskarten und versprechen sich Milliardengeschäfte.
Thomas Gutschlag hat den Rohstoffbedarf schon vor zwei Jahren als Chance begriffen - und zur Geschäftsidee gemacht. Der 44-jährige Finanzexperte, einst Direktor an der Deutschen Börse, gründete mit einem Fachmann für Bodenschätze in Heidelberg die Deutsche Rohstoff AG (Drag) und sicherte sich inzwischen Suchrechte in zahlreichen Ecken der Republik. Gutschlag rechnet mit einem sogenannten Superzyklus, der die Preise auch die kommenden 15 Jahre oben halten wird. Bekannte, aber bisher unrentable Lagerstätten, so die Unternehmensstrategie, können nun wirtschaftlich genutzt werden.
Im sächsischen Erzgebirge will die Drag eine 800 Jahre alte Bergbautradition wieder aufleben lassen. In Ehrenfriedersdorf etwa, wo das Zinnbergwerk direkt nach der Wende geschlossen wurde und sich heute Asthmakranke mit Liegekuren in 110 Meter Tiefe bei sieben Grad Celsius und 100 Prozent Luftfeuchte Linderung erhoffen, will Gutschlag wieder Presslufthämmer anwerfen. Mit mehr als 100.000 Tonnen Zinn und Zink rechnen Fachleute unter Tage, der Marktwert liegt bei 1,3 Milliarden Dollar.
Für eine andere Lagerstätte im Erzgebirge hat das sächsische Oberbergamt bereits eine Abbaugenehmigung erteilt. Die Freiberger Geos GmbH wird am Fichtelberg Fluss- und Schwerspat abbauen. Mehrere Millionen Tonnen der inzwischen teuren Mineralien, die vor allem in der chemischen Industrie Verwendung finden, vermuten Geologen im Berg.
"Das Vorkommen war schon zu Zeiten der DDR bekannt, man hielt es jedoch als eiserne Reserve zurück", sagt André Baumann, der für Geos das 14-Millionen-Euro-Projekt betreut. Die Freiberger Bergexperten müssen es wissen: Die Firma ging aus dem VEB Geologische Forschung und Erkundung hervor, der im Osten das Monopol für die geheime Fahndung nach Bodenschätzen hatte. Seit sich der Abbau wieder lohnt, sind die ostdeutschen Geheimnisträger gefragte Geschäftspartner in aller Welt.
Umfangreiche Kupfervorkommen haben Unternehmen aus Polen und Panama in die Lausitz gelockt. 1,5 Millionen Tonnen werden in Brandenburg und Sachsen vermutet, es ist eine der größten Ressourcen in Europa - weshalb sich weitere Interessenten einen erbitterten Streit um die Bergrechte liefern. Das Geschäft dürfte sich lohnen: Die Preise für Kupfer haben sich in den vergangenen Jahren vervierfacht.
Nicht minder attraktiv scheinen Vorkommen seltener Metalle und Minerale wie Wolfram, Molybdän, Niob und Apatit, denen derzeit in der Nähe von Delitzsch nachgegangen wird. Die Ludwigshafener BASF hat sich bereits in der Erkundungsphase mit Zukunftskapital in das Projekt eingekauft - um sich als Chemiefabrikant mittelfristig abzusichern vor den steigenden Weltmarktpreisen der begehrten Ingredienzen. Erwartet wird im nördlichen Sachsen ein Milliarden-Dollar-Vorkommen.
Kaum eine deutsche Region, in der Erkundungstrupps in diesen Tagen des Rohstoffbooms nicht unterwegs sind: Im norddeutschen Wattenmeer will RWE nach neuen Ölreserven bohren, Wintershall sucht im Alpenvorland, die österreichische OMV rechnet mit Erdgasvorkommen im Allgäu, und Rhein Petroleum fahndet im südlichen Schwaben. Allein das bayerische Bergamt Süd hat zehn Genehmigungen für Probebohrungen vergeben. Nach Erkenntnissen des Wirtschaftsverbands Erdöl- und Erdgasgewinnung hat die Branche ihre Investitionen zur Erkundung deutscher Ressourcen allein im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt.
Sogar mit Salz aus deutschem Abbau lässt sich seit neuestem prächtig Geld verdienen: Im vergangenen Jahr kostete die Tonne Kali 210 Dollar, jetzt sind es 625. Und Finanzexperten sehen in den kommenden drei Jahren einen Anstieg auf 1350 Dollar je Tonne voraus - weil sich Landwirtschaft wieder rentiert, wird Dünger vermehrt gebraucht.
Schon träumt der Osten von einer Wiederbelebung der alten Kalischächte, die wie in Bischofferode Anfang der neunziger Jahre unter teils massiven Protesten stillgelegt worden waren. So bietet der Bund derzeit das alte Bergwerksfeld Roßleben in Thüringen und Sachsen-Anhalt zum Verkauf an; 200 Millionen Tonnen Salz lagern dort. Laut der zuständigen Verwaltungsgesellschaft sind bereits "eine Reihe aussichtsreicher Interessenbekundungen" eingegangen.
Und da der Preis für die Feinunze Gold im Frühjahr auf mehr als tausend Dollar emporschnellte, wird in der deutschen Provinz nun sogar nach dem begehrtesten aller Edelmetalle gesucht: Lange war es eher das Vergnügen einiger Geologiestudenten, bei ihren Exkursionen im ostbayerischen Gütting Gold zu waschen. Seitdem die angehenden Akademiker statt der üblichen ein bis zwei Goldkörnchen pro Waschpfanne bis zu 81 fanden, herrscht indes Goldfieber in der Oberpfalz. Der funkelnde Bach, so stellte sich heraus, kommt direkt aus einem alten Stollen.
Seit April hat die Deutsche Rohstoff AG die ministeriale Erlaubnis, in Gütting offiziell nach dem Gold zu suchen. Man rechnet vor Ort mit einem zwei Kilometer langen Vorkommen - und mit sieben Gramm Gold pro Tonne Gestein.
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