Wirtschaft


AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2008
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Gesundheit Heiße Luft

2. Teil: "Das Geschäftsmodell der Privaten stößt an seine Grenzen"


Das muss zwar extra begründet werden, doch das fällt kreativen Ärzten nicht besonders schwer. Hat sich der Patient vor der Operation etwas schlapp gefühlt? Prompt taucht in der Rechnung das Wort "Kreislaufdysregulation" auf. Oder war der Patient, im Gegenteil, eher hibbelig? Das könnte an "intermittierendem Vorhofflimmern" gelegen haben. Wegen der angeblichen Komplexität wird der 3,5fache Höchstsatz in Rechnung gestellt.

Wie dreist die schwarzen Schafe vorgehen, hat auch PKV-Geschäftsführer Patt erfahren - am eigenen Leibe. Als er kürzlich seinen Arzt aufsuchte, um sich kurz nach einem Laborbefund zu erkundigen, sollte er sich erst mal für ein EKG frei machen, das schade nie. Auf Patts Rechnungen taucht immer wieder der 3,5fache Satz auf, weil der Patient, so die Begründung, womöglich an Hypertonie leide.

In Wahrheit ist der Verdacht auf Bluthochdruck längst ausgeräumt. Bei Patt ist alles in Ordnung. Doch davon lässt sich die Abrechnungs-Software nicht beirren.

Auf einen besonders pfiffigen Trick sind auch einige Krankenhausbetreiber gekommen, allen voran der Helios-Konzern. An vielen seiner bundesweit 60 Spitäler hat das Unternehmen Privatkliniken ausgegründet. Die medizinischen Leistungen unterscheiden sich nicht von denen im Haupthaus, die behandelnden Ärzte sind dieselben. Oft wurde einfach nur ein Schild aufgehängt, um eine ganz normale Station zur Privatklinik zu veredeln.

Große Unterschiede ergeben sich freilich bei der Rechnungslegung. Die Pseudo-Privatkrankenhäuser kassieren für eine durchschnittliche Behandlung knapp 4000 Euro statt der sonst üblichen 2600 Euro. Insgesamt geht es nach Schätzung des PKV-Verbandes um einen Betrag von 100 Millionen Euro im Jahr.

Den Privatpatienten werde heiße Luft teuer verkauft, heißt es bei den Versicherungen. Helios spricht lieber von einem "differenzierteren speziellen Angebot für privat Vollversicherte".

Die Gelackmeierten sind am Ende die Patienten. Die Abrechnungstricks der Ärzte treiben ihre Prämien in die Höhe. In den vergangenen 20 Jahren sind die Gesundheitsbeiträge von Privatpatienten etwa doppelt so stark gestiegen wie die Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung. Anfang des Jahres schlugen die Versicherungsunternehmen für ihre Altkunden im Schnitt noch einmal mehr als zehn Prozent auf.

Die Branche steht den Betrügereien ziemlich hilflos gegenüber. Anders als die gesetzlichen Krankenkassen schließen sie mit den Ärzten noch keine direkten Verträge ab. Um tricksenden Medizinern auf die Schliche zu kommen, sind sie auf die Mitarbeit ihrer Versicherten angewiesen.

Doch die Patienten sind in einer Zwickmühle. Einerseits ärgern sich viele über aufgemotzte Rechnungen - zumal dann, wenn sie über Selbstbehalte und entgangene Beitragsrückerstattung einen persönlichen finanziellen Nachteil haben.

Doch gleichzeitig haben viele keine Lust, sich mit ihrem Arzt über Geld zu streiten. Zwar übernehmen viele Versicherungen die Prozesskosten. Aus Patientensicht bleibt aber die berechtigte Sorge, dass das Vertrauensverhältnis zum Doktor Schaden nimmt.

Dabei wächst unter den Privatpatienten die Unzufriedenheit. So schön es sein mag, an der Schlange im Wartezimmer vorbeieilen zu dürfen, so sehr nervt der Streit ums Geld.

Als Seismograf für die miese Stimmung gilt der PKV-Ombudsmann, ein von den Unternehmen bezahlter Streitschlichter der Branche. Nie hatte er so viel zu tun wie zurzeit: Die Zahl der Beschwerden hat sich in den vergangenen sechs Jahren auf 4000 verdoppelt.

Und auch in den Verwaltungszentralen der Versicherungsunternehmen ist die Stimmung schlecht. Die Abzocke einiger Ärzte führt den Managern deutlich vor Augen, dass sie nur wenig Möglichkeiten haben, ihre Ausgaben zu steuern. Während die großen gesetzlichen Krankenkassen anfangen, Preisverhandlungen mit Ärztenetzen, Pharmaherstellern und Kliniken zu führen, reichen die privaten Versicherungen einfach nur das Geld raus.

"Das Geschäftsmodell der Privaten stößt an seine Grenzen", sagt Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg. "Ihr Mitgliederkreis ist zu klein, um die Gesundheitsversorgung zu gestalten."

Private Versicherungsmanager machen die frustrierende Erfahrung, dass es ihrem Geschäft bisweilen sogar schaden kann, wenn sie die Rechnungen allzu penibel kontrollieren. Die DKV etwa hatte es sich zwischenzeitlich zum Ziel gesetzt, selbst läppische Rechnungen im zweistelligen Bereich zu überprüfen und scharf gegen Abrechnungsbetrüger vorzugehen.

Großen Nutzen hat das Unternehmen damit nicht erzielt - im Gegenteil. Die Kontrollen trieben die Verwaltungsausgaben in die Höhe. Lädiert war aber das Image der DKV. Die kontrollierten Ärzte rächten sich, indem sie ihre Patienten gegen die Versicherung aufwiegelten.

Inzwischen ist das Unternehmen von seiner scharfen Kontrollpraxis wieder abgerückt. Zwar hat der Mutterkonzern Ergo 250 Millionen Euro für ein neues Computersystem ausgegeben, das unter anderem automatisch jede Arztrechnung auf Unplausibilitäten überprüft. Doch einschreiten will das Unternehmen nur, wenn der Rechnungsbetrag einen kritischen Schwellenwert überschreitet.

Wo genau dieser Schwellenwert liegt, ist ein Firmengeheimnis. In Ärztekreisen jedoch hat es sich schon herumgesprochen: Wer bei seinen Tricksereien einen mittleren dreistelligen Euro-Betrag nicht überschreitet, muss offenbar keine große Angst haben, als Betrüger entlarvt zu werden.

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insgesamt 260 Beiträge
kdshp 28.07.2008
Hallo, war das nicht immer schon so ? Warum sind den privat versicherte bei ärzten beliebter ? Es heißt doch auch imemr das die an denen mehr verdienen und deswegen haben die doch auch einen besseren service. Nix neues im [...]
Zitat von sysopPatienten, die sich privat versichert haben, werden ungeniert von manchen Ärzten, Therapeuten und Kliniken systematisch ausgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie?
Hallo, war das nicht immer schon so ? Warum sind den privat versicherte bei ärzten beliebter ? Es heißt doch auch imemr das die an denen mehr verdienen und deswegen haben die doch auch einen besseren service. Nix neues im Westen.....
Kann ich so unterschreiben. Aber noch viel schlimmer werden die privaten Krankenversicherungen regelrecht betrogen. Und hier sind Patienten, Ärzt oft auch Apotheker Täter. Es ist ein Milionenspiel....
Kann ich so unterschreiben. Aber noch viel schlimmer werden die privaten Krankenversicherungen regelrecht betrogen. Und hier sind Patienten, Ärzt oft auch Apotheker Täter. Es ist ein Milionenspiel....
abita 28.07.2008
schaue ich auch etwas verblüfft auf die Abrechnung. Die gesetzlich Krankenversicherten bekommen ja überwiegend nicht mit, was ihr Arzt mit der GKV abrechnet. Eine ältere erfahrenen Ärztin sagt vor gar nicht langer Zeit zu mir, [...]
schaue ich auch etwas verblüfft auf die Abrechnung. Die gesetzlich Krankenversicherten bekommen ja überwiegend nicht mit, was ihr Arzt mit der GKV abrechnet. Eine ältere erfahrenen Ärztin sagt vor gar nicht langer Zeit zu mir, dass früher das Verhältnis von gesetzlich Versicherten und privat Versicherten 60 zu 40 war, um finanziell über die Runden zu kommen, und heute ist es genau umgekehrt. Im Übrigen muss aber einmal deutlich gesagt werden, dass das ganze Rumgemurkse an der sog. Gesundheitsreform, die schon bei Seehofer Schiffbruch erlitten hat, eine wesentliche Ursache für die gestiegenen Kosten sind. Und Frau Schmidt macht es auch nicht besser.
jmschli 28.07.2008
Na endlich, der Sommer ist heiß und es gibt keine anderen wirklich brennenden Probleme. Was bleibt bei solch einem Sommerloch dem seriösen Journalismus? Draufhauen und die Neiddebatte anheizen. Immer zu. Mit diesem Artikel ist es [...]
Na endlich, der Sommer ist heiß und es gibt keine anderen wirklich brennenden Probleme. Was bleibt bei solch einem Sommerloch dem seriösen Journalismus? Draufhauen und die Neiddebatte anheizen. Immer zu. Mit diesem Artikel ist es Spiegel mal wieder trefflich gelungen aus der scheinbar objektiven Ecke ein Zerrbild zu veröffentlichen das so nicht zutrifft. Aber endlich haben wir sie enteckt die Millionen Betrüger und Verbrecher unserer Nation. Die Ärzte! Sie verdienen zu viel und holen sich das Geld, wo sie es auch immer nur vermuten. Welche Berufsgruppe wird die nächste sein? Journalisten? Wäre vielleicht mal was Anderes und würde nicht ins Klischee passen?
Moonshine42 28.07.2008
Schon vor 15 Jahren habe ich auf der Abrechnung einer Entbindung für meine private Krankenhaus-Zusatzversicherung Behandlungen gefunden, die ich nicht erhalten hatte. Auf Nachfrage bei der Klinik hieß es: "Das wird immer bei [...]
Schon vor 15 Jahren habe ich auf der Abrechnung einer Entbindung für meine private Krankenhaus-Zusatzversicherung Behandlungen gefunden, die ich nicht erhalten hatte. Auf Nachfrage bei der Klinik hieß es: "Das wird immer bei einer Entbindung gemacht und steht auch so in Ihrer Akte." Die Versicherung mutmaßte, dass ich "das alles gar nicht mitbekommen" hätte. (Sorry, aber ich hatte weder eine Narkose noch einen Kreislaufzusammenbruch und hätte es sicher gemerkt, wenn man mir z.B. eine Dauerinfusion gelegt hätte.) Es interessierte schlichtweg niemanden und ich bin mir sicher: auch damals hatte das schon System! Erst jetzt, wo die Abzocke die privaten Kassen in ihrer Existenz bedroht, besinnt man sich der bösen, bösen Ärzte? Selber schuld!
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