Das muss zwar extra begründet werden, doch das fällt kreativen Ärzten nicht besonders schwer. Hat sich der Patient vor der Operation etwas schlapp gefühlt? Prompt taucht in der Rechnung das Wort "Kreislaufdysregulation" auf. Oder war der Patient, im Gegenteil, eher hibbelig? Das könnte an "intermittierendem Vorhofflimmern" gelegen haben. Wegen der angeblichen Komplexität wird der 3,5fache Höchstsatz in Rechnung gestellt.
Wie dreist die schwarzen Schafe vorgehen, hat auch PKV-Geschäftsführer Patt erfahren - am eigenen Leibe. Als er kürzlich seinen Arzt aufsuchte, um sich kurz nach einem Laborbefund zu erkundigen, sollte er sich erst mal für ein EKG frei machen, das schade nie. Auf Patts Rechnungen taucht immer wieder der 3,5fache Satz auf, weil der Patient, so die Begründung, womöglich an Hypertonie leide.
In Wahrheit ist der Verdacht auf Bluthochdruck längst ausgeräumt. Bei Patt ist alles in Ordnung. Doch davon lässt sich die Abrechnungs-Software nicht beirren.
Auf einen besonders pfiffigen Trick sind auch einige Krankenhausbetreiber gekommen, allen voran der Helios-Konzern. An vielen seiner bundesweit 60 Spitäler hat das Unternehmen Privatkliniken ausgegründet. Die medizinischen Leistungen unterscheiden sich nicht von denen im Haupthaus, die behandelnden Ärzte sind dieselben. Oft wurde einfach nur ein Schild aufgehängt, um eine ganz normale Station zur Privatklinik zu veredeln.
Große Unterschiede ergeben sich freilich bei der Rechnungslegung. Die Pseudo-Privatkrankenhäuser kassieren für eine durchschnittliche Behandlung knapp 4000 Euro statt der sonst üblichen 2600 Euro. Insgesamt geht es nach Schätzung des PKV-Verbandes um einen Betrag von 100 Millionen Euro im Jahr.
Den Privatpatienten werde heiße Luft teuer verkauft, heißt es bei den Versicherungen. Helios spricht lieber von einem "differenzierteren speziellen Angebot für privat Vollversicherte".
Die Gelackmeierten sind am Ende die Patienten. Die Abrechnungstricks der Ärzte treiben ihre Prämien in die Höhe. In den vergangenen 20 Jahren sind die Gesundheitsbeiträge von Privatpatienten etwa doppelt so stark gestiegen wie die Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung. Anfang des Jahres schlugen die Versicherungsunternehmen für ihre Altkunden im Schnitt noch einmal mehr als zehn Prozent auf.
Die Branche steht den Betrügereien ziemlich hilflos gegenüber. Anders als die gesetzlichen Krankenkassen schließen sie mit den Ärzten noch keine direkten Verträge ab. Um tricksenden Medizinern auf die Schliche zu kommen, sind sie auf die Mitarbeit ihrer Versicherten angewiesen.
Doch die Patienten sind in einer Zwickmühle. Einerseits ärgern sich viele über aufgemotzte Rechnungen - zumal dann, wenn sie über Selbstbehalte und entgangene Beitragsrückerstattung einen persönlichen finanziellen Nachteil haben.
Doch gleichzeitig haben viele keine Lust, sich mit ihrem Arzt über Geld zu streiten. Zwar übernehmen viele Versicherungen die Prozesskosten. Aus Patientensicht bleibt aber die berechtigte Sorge, dass das Vertrauensverhältnis zum Doktor Schaden nimmt.
Dabei wächst unter den Privatpatienten die Unzufriedenheit. So schön es sein mag, an der Schlange im Wartezimmer vorbeieilen zu dürfen, so sehr nervt der Streit ums Geld.
Als Seismograf für die miese Stimmung gilt der PKV-Ombudsmann, ein von den Unternehmen bezahlter Streitschlichter der Branche. Nie hatte er so viel zu tun wie zurzeit: Die Zahl der Beschwerden hat sich in den vergangenen sechs Jahren auf 4000 verdoppelt.
Und auch in den Verwaltungszentralen der Versicherungsunternehmen ist die Stimmung schlecht. Die Abzocke einiger Ärzte führt den Managern deutlich vor Augen, dass sie nur wenig Möglichkeiten haben, ihre Ausgaben zu steuern. Während die großen gesetzlichen Krankenkassen anfangen, Preisverhandlungen mit Ärztenetzen, Pharmaherstellern und Kliniken zu führen, reichen die privaten Versicherungen einfach nur das Geld raus.
"Das Geschäftsmodell der Privaten stößt an seine Grenzen", sagt Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg. "Ihr Mitgliederkreis ist zu klein, um die Gesundheitsversorgung zu gestalten."
Private Versicherungsmanager machen die frustrierende Erfahrung, dass es ihrem Geschäft bisweilen sogar schaden kann, wenn sie die Rechnungen allzu penibel kontrollieren. Die DKV etwa hatte es sich zwischenzeitlich zum Ziel gesetzt, selbst läppische Rechnungen im zweistelligen Bereich zu überprüfen und scharf gegen Abrechnungsbetrüger vorzugehen.
Großen Nutzen hat das Unternehmen damit nicht erzielt - im Gegenteil. Die Kontrollen trieben die Verwaltungsausgaben in die Höhe. Lädiert war aber das Image der DKV. Die kontrollierten Ärzte rächten sich, indem sie ihre Patienten gegen die Versicherung aufwiegelten.
Inzwischen ist das Unternehmen von seiner scharfen Kontrollpraxis wieder abgerückt. Zwar hat der Mutterkonzern Ergo 250 Millionen Euro für ein neues Computersystem ausgegeben, das unter anderem automatisch jede Arztrechnung auf Unplausibilitäten überprüft. Doch einschreiten will das Unternehmen nur, wenn der Rechnungsbetrag einen kritischen Schwellenwert überschreitet.
Wo genau dieser Schwellenwert liegt, ist ein Firmengeheimnis. In Ärztekreisen jedoch hat es sich schon herumgesprochen: Wer bei seinen Tricksereien einen mittleren dreistelligen Euro-Betrag nicht überschreitet, muss offenbar keine große Angst haben, als Betrüger entlarvt zu werden.
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