AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2008
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Stadtplanung Platz für alle

2. Teil: Es ist ein Kampf um Millimeter, ein Kampf um Geld und Raum


Doch es gibt die Gefahr, dass ebendiese Normalität verschwindet, wenn Normalfamilien nicht mehr in den Städten leben können. Es drohen gesellschaftliche Monokulturen - die da draußen in den Vorstädten, die hier drinnen in den Citys. Und diese Monokulturen sind in der Tat ein gesellschaftliches Problem, denn sie führen zur Verödung, im Extremfall gar zum Absterben der urbanen Räume, die bei allen doch so begehrt sind.


Städte leben von der Mischnutzung, vom quirligen Mit- und Nebeneinander und davon, dass sich hier auch Menschen begegnen, öffentlichen Raum teilen, deren Gehaltsklassen weit auseinanderklaffen. Städte brauchen Platz für alle.

Längerfristig sei mit einem "sozialen Umkippen" innenstadtnaher Quartiere zu rechnen, mahnte das Deutsche Institut für Urbanistik in seiner Studie - und zwar mit einem Umkippen hin zur "Wohlstandsinsel".

Diese Wohlstandsinseln lassen sich schon besichtigen. In den zentralen Lagen deutscher Großstädte werden zurzeit vor allem Luxusobjekte gebaut. Ein Beispiel ist das ehemalige Heizkraftwerk in der Münchner Müllerstraße 7, unweit vom Viktualienmarkt, wo derzeit Wohnraum mit "Hochpreispotential" entsteht, wie Jörg Scheufele sagt, der Chef der Immobilienfirma Alpha Invest. Der Maschinenhausturm aus den fünfziger Jahren wird auf zehn Etagen in großzügige Wohnungen von bis zu mehreren hundert Quadratmetern aufgeteilt.

In der Nähe der Müllerstraße gibt es noch den "Angerhof", bald mit Dachgeschosswohnungen in Top-Ausstattung. Und dann noch die "Lenbachgärten" am Hauptbahnhof, ein Wohnungskomplex, so piekfein, dass es hier zum Richtfest Vernissagen gegeben hat.

Für Florian Falterer und seine Familie eine fremde Welt. Damit Leute wie er im Herzen Münchens bleiben können, gelte es, "die Vorstellung vom familienfeindlichen Stadtleben sowohl seitens der Stadtplanung als auch der Wohnungswirtschaft zu korrigieren", so das Deutsche Institut für Urbanistik, "und ein Leitbild des 'familien- und kindgerechten Wohnens' für innenstadtnahe Gebiete zu entwickeln".

Gerade München bemüht sich sogar mehr als andere Städte um die Familien - die bayerische Landeshauptstadt hat sich das größte Wohnungsbauprogramm
Deutschlands auferlegt. Oberbürgermeister Christian Ude hat bis 2011 insgesamt 625 Millionen Euro für den Wohnungsbau versprochen.

Doch viele der neu entstehenden Anlagen sind ganz schön weit draußen; von Innenstadtflair ist da nichts zu spüren. In München-Riem sind auf dem umgebauten Messegelände günstigere Wohnungen zu haben; in München-Freiham in umgebauten US-Kasernen. Citynäher liegt das 47 Hektar große Quartier "Theresienhöhe", doch da wiederum hat der neue Platzoptimierungswahnsinn zugeschlagen: quadratisch, praktisch, aber architektonisch nicht besonders gut.

Allen Frustrationen zum Trotz: Es gibt sie einfach, die Familien, die partout in der Innenstadt bleiben wollen. Und es handelt sich offenbar um einen besonders hartnäckigen, findigen und zugleich duldsamen Menschentypus.

Catrin Ahrens, 32, musste zwei Jahre warten, bis sie mit ihrem Mann eine Neubauwohnung im Komplex "Fischers Höfe" im Hamburger Stadtteil Ottensen in Besitz nehmen konnte. Vorvergangene Woche sind sie endlich dort eingezogen, inzwischen mit neugeborener Tochter. Sie werden noch lange auf einer Baustelle leben.

Die Hamburgerin Jessica Grebe hat sich, um ihre ästhetischen Vorstellungen einigermaßen verwirklichen zu können, mit anderen Wohnungssuchenden zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen. Sie bekamen von der Stadt zu günstigen Konditionen ein Grundstück in der neuen Hafencity gestellt und planen gemeinsam mit einer Architektin das Mehrfamilienhaus "Hafenliebe", in das sie einziehen wollen. Das mache Spaß, aber auch viel Arbeit, sagt Grebe, 36: Sie ist schwanger, hat schon eine zweijährige Tochter und einen Beruf - und dazu kommen noch die Baustelle, die Diskussionen mit den anderen Käufern, bis man sich endlich einig ist. Für den Alltag, sagt Grebe, "bleibt viel zu wenig Zeit".

Immerhin liefern sich Architekten inzwischen deutschlandweit einen atemberaubenden Wettbewerb, um für tollkühne und cityfixierte Bauherren auch noch in die kleinste Baulücke ein Häuschen zu quetschen. Hier entstehen ausnahmsweise tatsächlich Architekturschönheiten wie etwa das Öko-Stadthaus von Björn Siemsen in Kiel, gebaut auf einem spitz zulaufenden Grundriss, der sich von 4,50 Meter auf 80 Zentimeter verringert.

Es ist ein Kampf um Millimeter, ein Kampf um Geld und Raum - Städte machen es Menschen nicht leicht, doch das war auch immer schon das Schöne an ihnen.

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insgesamt 212 Beiträge
bleys 30.07.2008
OK, ich lebe nicht in einer der genannten Städte sondern im eher kleinen Essen. Aber hier, um mich herum stehen immer mehr Wohnungen jeder Größe leer. Die auf die Scheiben leerstehender Wohnungen aufgesezten dreieckig [...]
OK, ich lebe nicht in einer der genannten Städte sondern im eher kleinen Essen. Aber hier, um mich herum stehen immer mehr Wohnungen jeder Größe leer. Die auf die Scheiben leerstehender Wohnungen aufgesezten dreieckig vorstehenden Lockschilder sind unübersehbar und werden immer mehr, quer durch die Stadt. Wer sich dafür interessiert kann Zusehen wie die Besitzer/Hausverwaltungen verzweifelt versuchen Wohnungen an Mann/Frau/Familie zu bringen. Einige senken im 3 Monatsrythmus ihre Mietpreisvorstellungen, andere lassen Firmen im Dutzend anfahren um die Wohnungen auf den allerneuesten Stand zu moderniesieren. Wieder andere bieten auf großen Schilder an den Umzug komplett zu übernehmen, bis zu 3 mietfreien Monaten hab ich auch schon gesehen, kannte ich bisher nur aus dem Dortmunder Norden. Nach dem Bericht und meinen Eigenen Sichtungen in meiner Stadt würde mich wirklich interessieren wie es in anderen Städten außerhalb der Metropolen aussieht.
panit 30.07.2008
Es gibt genügend große Wohnungen und Häuser, die für Familien geeignet sind. Das Problem ist mehr, dass Vermieter keine Kinder im Haus haben wollen. Wer in Deutschland ein Kind hat, wird schon bei der Wohnungssuche als [...]
Zitat von sysopViele junge Familien träumen davon, in der Stadt zu leben. Doch sie finden keinen geeigneten und bezahlbaren Wohnraum. Was haben sie bei der Wohnungssuche erlebt?
Es gibt genügend große Wohnungen und Häuser, die für Familien geeignet sind. Das Problem ist mehr, dass Vermieter keine Kinder im Haus haben wollen. Wer in Deutschland ein Kind hat, wird schon bei der Wohnungssuche als 2.klassiger Bewerber eingestuft. Wer mehr als 2 Kinder hat, ist grundsätzlich asozial! Sprüch wie "solche Leute wie sie wollen wir hier nicht", höre ich recht oft. Man beschimpft uns als asoziales Pack und wir hören andere Nettigkeiten. Doch was sind wir denn für Leute? Ich denke, ganz normale Menschen, doch wir hätten gerne ein Haus. Jetzt leben wir in 2 Wohnungen auf einer Etage. 4 + 3 Zimmer. Von dem was wir hier an Miete zahlen, wäre ein Haus kein Problem. Ja das wäre sogar billiger. Wir können sogar über einen Zeitraum von 5 Jahren lückenlos nachweisen, dass wir unsere Miete immer pünktlich gezahlt haben. Ein ausreichendes Einkommen haben, und trotzdem werden wir schon im Vorfeld als asoziales Pack beschimpft. Aber so ist das eben in Deutschland. Selbst ein Geschäftsführer einer großen Firma ist plötzlich asozial, nur weil sechs Kinder vorhanden sind. Wenn sich das Meinungsbild in Deutschland einmal ändern würde, dann würden auch Familien angemessen wohnen können. Doch man vermietet lieber an Kinderlose riesengroße Wohnungen, weil man dann eben keine asozialen Mieter hat. Deutschland ist ein komisches Land! Gruß Trailman.
takeo_ischi 30.07.2008
Träumen die wirklich davon? Es ist doch eher so, dass es durch alltägliche Verkehrsinfarkte und, leider nicht an den Lohn gekoppelte, Spritkosten für immer mehr Menschen zur Alternative werden könnte. Wenn da nicht massig [...]
Zitat von sysopViele junge Familien träumen davon, in der Stadt zu leben. Doch sie finden keinen geeigneten und bezahlbaren Wohnraum. Was haben sie bei der Wohnungssuche erlebt?
Träumen die wirklich davon? Es ist doch eher so, dass es durch alltägliche Verkehrsinfarkte und, leider nicht an den Lohn gekoppelte, Spritkosten für immer mehr Menschen zur Alternative werden könnte. Wenn da nicht massig Büroflächen leerstehen würden. So ist nicht genug Raum für Wohnraum vorhanden, daher ist die Wohnung teuer. Die Zuschnitte der bestehenden Wohnungen sind sehr oft auf den urbanen Single oder die kinderlose Kleinstfamilie zugeschnitten, da hier bisher am meisten Bedarf bestand. Sobald Kinder im Anmarsch sind will der denkende Mensch eher aus dem Smog der Großstadt weg, hinaus ins Umland, um den Kids ein halbwegs gesundes Leben zu ermöglichen. Nur da ist es nunmal auch sehr teuer Wohnraum zu erwerben. Das Pendeln kostet Zeit, Nerven und viel Geld (Von der Pendlerpauschale mal gar nicht zu reden *g). Die Öffis sind auch keine akzeptable Alternative. Mit Technik aus den Fünfzigern, Verspätungen, Ausfällen, Streiks und daraus resultiernden regelmäßigen satten Preiserhöhungen (*g) etc. Als kleines Fazit: Beide Wege sind mittlerweile sehr teuer geworden. Was die Wohnung im Umland eventuell billiger ist als die in der Stadt, wird von den Fahrkosten und dem Zeitaufwand relativiert. Also bleibt es jedem selbst überlassen wo er zuviel von seinem Geld rauswirft.
hans glueck 30.07.2008
...ist aber auch gemein, dass es in Innenstädten kaum Einfamilienhäuser gibt!! Dabei hätte ich auch gerne 150qm, max. 200m vom Zentrum entfernt und mit schönem Garten, damit die Kinder auch spielen können. Könnte halt verdammt [...]
...ist aber auch gemein, dass es in Innenstädten kaum Einfamilienhäuser gibt!! Dabei hätte ich auch gerne 150qm, max. 200m vom Zentrum entfernt und mit schönem Garten, damit die Kinder auch spielen können. Könnte halt verdammt eng werden in den Innenstädten, da das in meiner mittelgroßen Stadt vermutlich noch 200.000 andere Menschen möchten... Vielleicht sollte man seine Wünsche einfach mal logisch mit den Umgebungsbedingungen abgleichen, und schon merkt man, dass solche Forderungen eben nur für sehr wenige Menschen machbar sind. Es sei denn, wir verzehnfachen die Stadtfläche. Ach nee, dann ist das wieder nicht urban genug, dann sind wir wieder beim Vorort. Also sollen doch bitte alle anderen schön urban in ihren Mehrfamilienhäuser wohnen, wir stellen unser Einfamilienhaus mitten rein. Im übrigen war es Generationen von Menschen vor uns auch möglich, Kinder in einer ganz normalen Wohnung groß zu ziehen und zum Spielen in den Park zu gehen. Aber das ist heute schwierig, denn dort finden sich die - IGITT!! - Kinder aus bildungsfernen Schichten, und die soll unser perfekter einfamilienhausgewöhnter Nachwuchs doch besser nur aus den höchst betroffenen Erzählungen der Eltern kennen, und nicht als Kumpel oder beste Freundin vom Spielplatz!
maximilianeberl 30.07.2008
In den 50er bis 70er Jahren wurden zahllose Einfamilienhäuser gebaut, deren Bewohner jetzt 70 und älter sind. Ich kenne etliche Viertel, die fast durchweg nur noch von alten Leuten bewohnt werden. Zahlreiche von diesen werden [...]
In den 50er bis 70er Jahren wurden zahllose Einfamilienhäuser gebaut, deren Bewohner jetzt 70 und älter sind. Ich kenne etliche Viertel, die fast durchweg nur noch von alten Leuten bewohnt werden. Zahlreiche von diesen werden in den nächsten 5-10 Jahren ins Altersheim gehen oder sterben. Die Kinder arbeiten oft längst an entfernten Orten. Dadurch werden in kurzer Zeit relativ viele Häuser auf den Immobilienmarkt gelangen und die Preise drastisch sinken, vor allem in den Gebieten, die NICHT München, Hamburg, Stuttgart etc. sind. Dann sinken auch die Mieten deutlich. Wer heute ein Haus kauft, der wirft massenhaft Geld zum Fenster heraus.
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