Wirtschaft


AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2008
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Lebensmittel Verwüstete Meere

4. Teil: Blaue Revolution

Umweltschützer wie Greenpeace dagegen halten die Kontrollen schlicht für ungenügend. Zu vieles, was auf den Ozeanen passiert, bleibe ungesühnt. Die weltweiten Fangkapazitäten gehörten um 50 Prozent reduziert. In vielen Meeresgebieten müssten Schutzräume eingerichtet werden, in denen das Fischen komplett untersagt wäre.

Immer wieder versucht Greenpeace, wenigstens Signale zu setzen. So auch, als die "Rainbow Warrior II" in hochsommerlicher Hitze im Mittelmeer nahe Neapel kreuzt. Sie soll sich um eines der dramatischsten Kapitel der Überfischung kümmern: die drohende Ausrottung des Roten Thuns. Zwei Jahrtausende lang ernährte der Raubfisch die Mittelmeerfischer, doch nun scheint so gut wie keiner mehr da zu sein.

Vor allem die Sucht nach Sushi hat den Roten Thun fast ausgerottet. Für besondere Exemplare werden inzwischen über 100.000 Dollar gezahlt. Vier Milliarden Euro werden jedes Jahr allein im Geschäft mit dem Thunfisch gemacht.

Die Mischung aus hohen Profiten und illegalen Methoden zieht auch die Unterwelt an: Sowohl die japanische als auch die italienische Mafia sollen tief in das Geschäft mit dem Thun involviert sein. In Fischereikreisen machen Schreckensgeschichten die Runde, wie die von den EU-Fischereiinspektoren, die bei ihrer Ankunft auf Sizilien Rückflugtickets auf ihren Hotelzimmern fanden. Wie die von der WWF-Aktivistin, die eine weiße Lilie auf dem Bett fand, als Todesdrohung der Mafia.

Eine immer größere Rolle spielen dabei die Thunfisch-Farmen, die in den vergangenen Jahren plötzlich vor vielen Mittelmeerküsten auftauchten. Dort werden jung gefangene Fische gemästet, bis sie fett genug zum Schlachten sind. Viele der Farmen werden illegal betrieben. "Wer genau hinter den Operationen steckt, ist meist nicht zu durchschauen. Oft sind es Scheinfirmen und Schachtelkonstruktionen", sagt Alessandro Gianni, Fischereibiologe an Bord der "Rainbow Warrior".

Gianni will zur Dokumentation ein Tauchteam in eine Farm vor der neapolitanischen Küste bringen. Doch kaum jagen die Greenpeace-Schlauchboote auf die Unterwasserkäfige zu, sind sie schon von der italienischen Küstenwache umringt. Das Greenpeace-Team taucht trotzdem.

Drei Mann verschwinden in einem Käfig, Tausende Thunfische schwimmen dort auf engster Fläche in einem Höllentempo im Kreis, selbst die erfahrenen Taucher sind entsetzt: "Das ist ja wie in 'Der Schwarm'", ruft einer.

Trotz solcher Auswüchse: Am Ende könnten Fischfarmen sogar die Rettung für die weltweiten Fischbestände sein. Die Aquakultur, die künstliche Aufzucht von Fischen und Meeresfrüchten, ist eine der am schnellsten wachsenden Formen der Nahrungsmittelproduktion der Welt. Seit Anfang der Neunziger legt die Branche durchschnittlich mit knapp zehn Prozent pro Jahr zu.

Wissenschaftler sprechen bereits von einer "blauen Revolution", ähnlich der "grünen Revolution" in der Landwirtschaft in den Fünfzigern, als neue Methoden die Nahrungsmittelproduktion in kurzer Zeit vervielfachten.

Knapp ein Drittel der über 1,2 Millionen Tonnen Zuchtlachs kommt aus den Farmen des norwegischen Konzerns Marine Harvest, des größten Fischproduzenten der Welt mit 7500 Mitarbeitern in 18 Ländern. "Dabei wird es nicht bleiben", sagt Leif Frode Onarheim, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. "Wir haben große Ambitionen."

Rund eine Stunde Bootsfahrt von Stavanger an der norwegischen Westküste entfernt liegt die Vorzeige-Lachsfarm von Marine Harvest. In einem 400 Meter tiefen Fjord schwimmen ein rotes Holzhäuschen und 14 Käfige, jeder 24 Meter lang, 24 breit, 30 Meter tief. Darin: 800.000 Lachse. Marktwert: rund zehn Millionen Euro.

Lachse sind relativ einfach zu züchten. Sie schlüpfen schon weit entwickelt und können mit industriell produzierter Trockennahrung ernährt werden, die großteils aus Fischmehl besteht. Onarheim ist sicher, dass der Erfolg des Lachses mit anderen Arten wiederholbar ist: Heilbutt etwa, dem südamerikanischen Tilapia oder Red Snapper. Immer besser bekommt die Branche auch die ökologischen Probleme in den Griff.

Ein Jahr dauert es, bis die Fische von 100 Gramm auf fünf Kilo hochgezüchtet sind. Dann sind sie schlachtreif: Die Lachse werden aus den Käfigen heraus- und in Transportschiffe hineingepumpt, die Verarbeitungsfabrik liegt am anderen Ende des Fjords. Über der Schlachtmaschinerie hängt ein Zählwerk. Es gibt laufend an, wie viele Lachse am Tag bereits verarbeitet wurden. Alle paar Sekunden springen die rotleuchtenden digitalen Ziffern um: 7904, 7905. Es ist erst elf Uhr morgens.

Onarheim geht das alles trotzdem nicht schnell genug: "Wir stehen im Wettbewerb mit Hähnchen- und Rindfleisch." Die Farmen sollen noch größer werden, noch mehr produzieren, zunehmend auch weit draußen vor der Küste: zwei Millionen, drei Millionen Fische. Pro Farm. Pro Jahr.

Es ist das komplette Gegenteil zur Welt der norddeutschen Pinkis-Brüder, für die das alles ein Wahnsinn sein muss, sie mit ihren 30, 40 Dorschen täglich, die dort in Kisten aufgereiht auf der Gartenmauer stehen, zwischen Rosensträuchern und kurzgeschnittenem Rasen. Das Kilo zu 2,50 Euro, billiger als ein Big Mac. Die jeden Fisch einzeln aus dem Netz herauspulen und erst bei minus zehn Grad aufhören, wenn der Dorsch schon an den Maschen festgefroren ist.

Nein, sagt Klaus Pinkis, ihretwegen könne der Fisch ganz sicher nicht aussterben. Und dass sie das nicht begreifen, "dort in Brüssel", wo sie die Quoten machten und ihnen das Leben schwer. Warum man sie nicht fischen lasse, einfach so, ohne all die Regularien? Sie wüssten schon, was verträglich ist, wie beide Seiten auskommen könnten, der Fischer und der Fisch.

"Es ist so ein schöner Beruf, ich bereue keine Minute", sagt Pinkis. "Aber ob ihn nach uns noch jemand macht, das weiß ich nicht."

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