Von Jörg Blech
Ähnlich wirkt womöglich die Droge Kokain. Darauf deuten Experimente von Wissenschaftlern in Baltimore hin. In Mäuserichen, die das Rauschgift einatmeten, reiften womöglich sonderbare Samenfäden heran: Auffällig verändert im Hodengewebe war der Gehalt zweier Enzyme, die wichtig für die Methylierung sind.
Ist es beim Menschen genauso? Werden die Spuren von Drogenkonsum am Ende auf die Sprösslinge übertragen? Wirkt, was eine Mutter einst gegessen hat, in ihren Kindern nach? Geben Menschen, die misshandelt wurden, die Erinnerung daran an Kind und Enkel weiter?
An erklärungsbedürftigen Beobachtungen jedenfalls mangelt es nicht: Väter, die bereits vor dem zwölften Lebensjahr tüchtig geraucht hatten, setzten einer englischen Studie zufolge auffällig häufig dicke Söhne in die Welt. Männer, die als Jungen in einem abgeschiedenen schwedischen Dorf eine Hungersnot überstehen mussten, hatten besonders langlebige Enkelsöhne. Und Männer, die erst im hohen Alter Vater geworden waren, hatten ungewöhnlich oft autistische Kinder.
Gewiss, meint Szyf, all das könne Zufall sein. Leider fehle es dem Feld noch an wirklich gründlichen Studien. Umso gespannter ist er jetzt darauf, was bei dem ehrgeizigen Projekt herauskommt, das sein Kollege Meaney angeschoben hat.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren will dieser an Hunderten Babys in der Provinz Quebec studieren, welchen Effekt die mütterliche Fürsorge aufs Erbgut ihrer Kinder hat. Ein Teil der Babys wächst bei schwer depressiven Müttern auf, von denen sich viele weniger intensiv um ihre Kinder kümmern können als gesunde Frauen.
Den kleinen Testpersonen wird regelmäßig Blut abgenommen. In den Kernen der darin enthaltenen Zellen wollen die Forscher dann nach auffälligen Methylierungen fahnden.
Je mehr sie über die epigenetischen Effekte lernen, so hoffen die Ärzte, desto besser lassen sie sich dereinst therapeutisch behandeln. Der Biologe Randy Jirtle von der Duke University in Durham, US-Bundesstaat North Carolina, hat in einem staunenswerten Versuch an Tieren bereits gezeigt, wie das gehen könnte.
In seinen Käfigen hielt er weibliche Mäuse, die aufgrund einer Erbkrankheit übergewichtig waren und anfällig für Diabetes und Krebs. Doch als Jirtle die Tiere mit Futter versorgte, das besonders viele Methylgruppen enthielt, gelang es ihm, den bösen Zauber der Gene zu brechen: Die dicken Mütter setzten auf einmal schlanke und gesunde Kinder in die Welt - die verabreichten Methylgruppen waren an das Krankheitsgen gehängt worden und hatten es abgeschaltet.
Interessanterweise setzen Ärzte schon lange Medikamente ein, die epigenetisch wirken - sie wussten es nur nicht. Valproinsäure etwa ist ein Mittel zur Behandlung epileptischer Anfälle und manisch-depressiver Erkrankungen. Es hat sich herausgestellt: Der Stoff greift in das epigenetische System ein.
Die Substanz Azacytidin wiederum wird derzeit von Onkologen neu entdeckt. In klinischen Studien mit Blutkrebspatienten wollen sie damit die Methylgruppen von Schutzgenen entfernen und diese so wieder anschalten.
Aber auch seelische Verwundungen können die Forscher zumindest im Tierexperiment behandeln. Den Anfang haben Moshe Szyf und seine Kollegen in Montreal gemacht. Sie spritzten vernachlässigten Ratten über eine Kanüle eine Substanz ins Hirn, die das Ausmaß der Methylierung verringert - prompt wurden die zuvor extrem nervösen Tiere merklich ruhiger.
Dabei müssen es gar nicht immer Spritzen und Pillen sein. Das zumindest lässt eine Studie hoffen, deren Befund der amerikanische Arzt Dean Ornish im Juni im Fachblatt "PNAS" veröffentlicht hat.
30 Männern, die an Prostatakrebs erkrankt waren, hatte er eine "umfassende Änderung des Lebenswandels" verschrieben: Jeden Tag mussten die Patienten 30 Minuten spazieren gehen, einem Entspannungstraining mit Yogaübungen widmeten sie sich je eine Stunde. Zu essen gab es die ganze Zeit über Obst, Gemüse, Tofu, Fischöl und Vitamine.
Nach drei Monaten entnahmen Ornish und seine Kollegen Proben aus den Vorsteherdrüsen - und fanden heraus, dass in den Zellkernen plötzlich ganz andere Gene aktiv waren als vor der Vitalkur.
Noch rätseln die Forscher über den genauen Mechanismus, aber vieles deutet auf die Epigenetik hin. Denn das gesunde Leben hat mehr als 400 Gene einfach auf stumm gestellt, und viele darunter sind Krebsgene.
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© DER SPIEGEL 32/2008
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