Von Bruno Schrep
Zur Industrieproduktion trägt das alte Fabrikgebäude schon lange nichts mehr bei. Etliche Fenster sind blind, Rost rinnt das Mauerwerk hinunter, Spinnweben hängen in den Ecken. Die Hamburger Rackow Schule hat in dem alten Gewerbekomplex ein paar Büros eingerichtet, Werkstätten, Lagerhallen. In einem der Klassenräume starren sechs junge Leute auf ihren Computerbildschirm.
"Formulieren Sie doch mal selber eine Bewerbung", fordert Ausbildungsleiterin Martina Tödtmann, schaut Nicolas P. dabei über die Schulter. "Warum denn?", fragt der 19-Jährige zurück, "ich hab doch die Vorlagen."
Die Diplompädagogin, 28, zierlich, rotblond, energisch, setzt nach: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ohne die Vorlagen zu Hause, müssten ganz schnell selbst etwas schreiben." Es ist Montagmittag, aber Nicolas P. blockt ab, als hätte er eine Arbeitswoche am Rande der Erschöpfung hinter sich: "Dann würde mir meine Mutter helfen." Außerdem, sagt er, sei in fünf Minuten Pause. "Aber wenn's unbedingt sein muss."
Nicolas P. ist einer von 67 Teilnehmern, die im September vergangenen Jahres hier in Hamburg-Wilhelmsburg gestartet sind, in dieser Auffangstation für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und ohne Job. Einer von 67 Haupt- und Realschülern mit und ohne Abschluss, die sich staatlich gefördert fit machen können, um doch noch eine Lehrstelle als Handwerker, Verkäufer oder Bürokaufmann zu ergattern.
16 Jungen und Mädchen kapitulierten schon nach Tagen, sind einfach nie mehr erschienen, verzichteten auch auf die monatliche Ausbildungsbeihilfe von rund 250 Euro. Nicolas P. hat immerhin durchgehalten. Aber dem Kursziel, einen Ausbildungsplatz zu finden, ist der spindeldürre Schlaks noch fern.
Dabei zählt Nicolas P. zu den Begabtesten. Beim Praktikum in einem Schreinereibetrieb werkelte er so geschickt, dass er ein prima Zeugnis bekam, doch leider bildete die Firma nicht aus. In den Pausen liest er nicht nur die "Bravo", wie die meisten seiner Kumpel, sondern richtige Zeitungen, guckt regelmäßig Nachrichten. Moderator beim Frühstücksfernsehen nennt er als Traumberuf, doch an diesen Traum glaubt er selber nicht.
"Ihm fehlt der Biss", urteilt die Pädagogin Tödtmann. Weil er auf seine Bewerbungen als Glaser, Tischler oder Zimmermann ausschließlich Absagen bekam, reagiert Nicolas P. zunehmend mit Unlust, mit passivem Widerstand. Eine Stunde braucht er jetzt für zwei Bewerbungssätze: "Von meiner Ausbilderin habe ich erfahren, dass Sie Tischler ausbilden. Diese Ausbildung strebe ich zum nächstmöglichen Zeitpunkt an." Es sind Sätze aus der Vorlage, die er ausdrücklich nicht verwenden sollte.
Wer erfahren möchte, warum in Deutschland mehr als 100.000 Lehrstellen unbesetzt sind und gleichzeitig knapp 200.000 Schulabgänger keinen Ausbildungsplatz finden, muss nur eine Woche in einer Bildungseinrichtung wie der Rackow Schule zubringen; muss nur die kleinen und großen Handicaps von Schulabgängern des Jahres 2007 kennenlernen: wie sie an einfachen Rechenvorgängen scheitern oder an der deutschen Grammatik, wie es ihnen an der Fähigkeit mangelt, sich einzuordnen oder sich zu konzentrieren.
In Wilhelmsburg sollen die Heranwachsenden auf ihrem wohl letzten Bildungsweg jetzt lernen, wie man einen fehlerfreien Brief schreibt, wie man einen Kostenvoranschlag ausrechnet, wie man anhand einer Zeichnung eine Wand mauert, wie man eine Stromleitung verlegt. Und wie man es fertigbringt, jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu erscheinen.
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