Mittwoch, 10. Februar 2010

Sport



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.08.2008
 

Olympische Spiele

Der Dealer Olympias

2. Teil: Wie Heredia die Fahnder austrickste und zum Dealer der weltbesten Sportler wurde.

SPIEGEL: Gab es einen Doping-Rhythmus?

Heredia: Ja, wenn die Saison endete, im Oktober, warteten wir ein paar Wochen, damit der Körper sich reinigte. Dann, im November, luden wir Wachstumshormon und Epo, und zweimal pro Woche untersuchten wir den Körper, damit wir sicher waren, dass sich keine Klumpen im Blut bildeten. Die Testosteronshots kamen dazu. Dieses erste Programm dauerte acht bis zehn Wochen, dann kam eine Pause.

SPIEGEL: Und dann wurden die Saisonziele festgesetzt?

Heredia: Ja, das hing vom Athleten ab. Einige wollten im April eine gute Zeit laufen, um Verträge für die Sportfeste zu bekommen, einige hatten nichts als die Trials im Kopf, die amerikanische Qualifikation für internationale Meisterschaften, andere nur Olympia. Dann haben wir den Countdown auf das Ziel ausgerichtet, und der nächste Zyklus begann. Ich musste meine Athleten gut kennen und wissen, wo welcher Verband mit welchen Methoden testete.

SPIEGEL: Woher weiß man so etwas?

Heredia: Wachsamkeit. Informanten.

SPIEGEL: Sie waren selbst einst ein guter Diskuswerfer.

Heredia: Sehr gut in Mexiko, sehr durchschnittlich im Weltmaßstab. Ich hatte Fußball gespielt, geboxt, Karate gemacht und war dann zur Leichtathletik gekommen. Mit 13, 14 Jahren glaubte ich an sauberen Sport, Doping war ein Verbrechen für mich; ich habe meinen Vater damals gefragt, ob ich Aspirin nehmen dürfte.

DOPINGSUBSTANZEN UND IHRE WIRKUNG

Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo), ein Peptidhormon, stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl im Organismus zirkulierender Erythrozyten führt zu einer Verbesserung der Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes und hat damit eine Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit zur Folge.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit mehr als zwölf Jahren den Gebrauch von Epo. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, bei denen Blutarmut auftritt. Epo gehört zur Gruppe der Peptidhormone. Ebenso wie das Wachstumshormon HGH, das zur Behandlung von Kleinwüchsigkeit eingesetzt wird. Das Wachstumshormon HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, mit langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden als Folge. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. Auch bei den Peptid-Hormonen gibt es immer neue Varianten, die mit heutigen Dopingtests nicht erkannt werden. (mit dpa)
SPIEGEL: Warum fingen Sie an zu dopen?

Heredia: Wie alle Sportler: weil andere dopen. Plötzlich warfen Jungs, die ich gerade noch geschlagen hatte, zehn Meter weiter. Dann verletzte ich mich und wollte mich trotzdem fürs Olympiateam qualifizieren. Doping wurde für mich, was es für die meisten Athleten ist: Teil des Sports. Wenn du heute zwölf Stunden trainierst und dein Trainer morgen wieder zwölf Stunden von dir erwartet, dopst du, denn sonst geht es nicht.

SPIEGEL: Was nahmen Sie?

Heredia: Wachstumshormon. Testosteron.

SPIEGEL: Und dann verpassten Sie die Olympischen Spiele doch.

Heredia: Ja, aber ich las alles, was ich über Medizin finden konnte, sprach mit anderen Sportlern, und bald hieß es: Angel kennt sich aus, Angel weiß, wie man Tests umgeht. Die ersten fragten um Rat. So begann es, und irgendwann fragte der Trainer Trevor Graham, ob ich ihm helfen könnte. Ich erklärte ihm Epo und war im Geschäft.

SPIEGEL: Was qualifizierte Sie für die Rolle des Dealers der weltbesten Sportler?

Heredia: Mein Vater ist Chemieprofessor, ich liebe Chemie. Und ich war Sportler. Meine Rolle wurde eine Obsession, ich lernte zum Beispiel alles über Testosteron: dass es eine Sorte Testosteron mit hoher Halbwertszeit gibt und eine andere, die schnell wirkt, dass man es einreiben, schlucken, spritzen kann. Das wurde ein Kitzel: Ich durfte mit den Besten der Besten arbeiten und machte sie noch besser.

SPIEGEL: Und wie wurden Sie der Beste in Ihrer Welt?

Heredia: Mit Genauigkeit. Ein Beispiel? Alle reden über Epo. Epo ist schick. Aber Epo funktioniert ohne die Zufuhr von Eisen nur halb so gut, so etwas muss man wissen. Es gibt Sauerstoffträger, die machen Epo rasant, die sind in Wahrheit besser als Epo alleine. Ich nenne mein Mittel "Epo Boost", Epo-Vervielfacher, ich spritze es, und es setzt damit viele, kleine Sauerstoffmoleküle im gesamten Körper frei. So verzehnfachst du die Wirkung von Epo.

SPIEGEL: Haben Sie weitere Geheimnisse?

Heredia: Oh ja, klar. Es gibt Tabletten für die Nieren, die die Metaboliten von Steroiden abblocken: Wenn Athleten dann ihre Urinprobe abgeben, scheiden sie die Metaboliten nicht mit aus und sind negativ. Oder es gibt ein Enzym, welches langsam Proteine frisst - Epo hat Proteinstrukturen, und so sorgt das Enzym dafür, dass die B-Probe der Dopingprobe ganz andere Werte hat als die A-Probe. Dann sind da noch Chemikalien, die du ein paar Stunden vor dem Rennen zu dir nimmst, und die verhindern die Übersäuerung der Muskeln. Zusammen mit Epo? Ein reines Wunder! Ich habe 20 Drogen, die noch immer unauffindbar sind für die Fahnder.

SPIEGEL: Mit welchen Trainern haben Sie zusammengearbeitet?

Heredia: Mit Trevor Graham vor allem.

SPIEGEL: Graham ist lebenslang gesperrt, er soll Marion Jones, Tim Montgomery, Justin Gatlin und vielen mehr beim Betrug geholfen haben. Mit wem noch?

Heredia: Mit Winthrop Graham, seinem Cousin. Mit John Smith, dem Trainer von Maurice Greene. Mit Raymond Stewart, dem Jamaikaner. Mit Dennis Mitchell ...

SPIEGEL: ... der 1992 Gold über 4 mal 100 Meter gewann und heute Trainer ist. Wie funktionierte die Zusammenarbeit?

DER SPIEGEL 33/2008


TITEL
Macht das Internet doof?
Vernetzt, verquatscht, verloren

Heredia: Das ist ja eine kleine Welt. Es spricht sich herum, wer was wie schnell und zu welchem Preis besorgen kann, wer diskret ist. Die Trainer sprachen mich an und fragten, ob ich helfen könne, und ich sagte: Ja. Dann bekam ich Geld, 15.000 Dollar oder so, es gab eine erste Lieferung, und so kamen wir ins Geschäft. Irgendwann führte es zu einer One-on-one-Zusammenarbeit mit den Athleten.

SPIEGEL: Gab es so etwas wie ein Schema?

Heredia: Ja. Ich habe immer mehrere Dinge kombiniert. Ich hatte zum Beispiel ein Mittel namens Actovison, das die Durchblutung steigerte - nicht nachweisbar. Das war vom Gesundheitsaspekt her gut und vom Wettkampfaspekt her noch viel besser. Dazu kamen die Wachstumsfaktoren IGF-1 und IGF-2. Und Epo. Epo erhöht die Zahl roter Blutkörperchen und damit den Sauerstofftransport, das ist der Schlüssel für jeden Sportler: Der Athlet will schnell regenerieren, die Belastung hochhalten, er will konstant Leistungen bringen.

SPIEGEL: Noch mal: Konstante Leistung auf Weltniveau ist ohne Doping undenkbar?

Heredia: Ja. 44 Sekunden über 400 Meter? Undenkbar. 71 Meter mit dem Diskus? No way. Es kann vorkommen, dass einer mit Rückenwind einmal 100 Meter in 9,8 Sekunden läuft. Aber zehnmal im Jahr unter 10, bei Regen oder Hitze? Nur mit Doping.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© DER SPIEGEL 33/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




FORUM

Doping - wie sauber sind die Olympischen Spiele? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!









Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern