AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008
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Olympische Spiele Allein auf dem Mond

2. Teil: Ein Olympiasieg macht unsterblich

Es gibt nicht viele Sprinter, die Weltrekord laufen können. Sie sind wie Phantome. Sie tauchen nur für die Rennen auf, dann verschwinden sie wieder. Das größte Phantom war Marion Jones. Sie gewann alles, Olympia, Weltmeisterschaften. Aber niemand wusste, wer sie war. Sie heiratete erst einen dicken Kugelstoßer, war dann mit Tim Montgomery liiert, einem sehnigen Typen mit irrem Blick. Sie hatte ein schönes Lächeln. Aber meist verschanzte sie sich im Hotelzimmer.

Die Königin der Sprinterinnen musste alle Olympiamedaillen zurückgeben. Sie ist seit März Häftling 84868/054 im Federal Medical Center Carswell in Fort Worth. Sie hatte die Ermittler über ihre Doping-Laufbahn monatelang angelogen und wurde wegen Meineids verurteilt. Es ist eine Geschichte, wie man sie nicht erfinden kann. Aber die 100 Meter sind aus dem Stoff für solche Geschichten. Verlockung, Betrug, Tragödie.

"Das ganz große Kino eben", sagt Ben Johnson.

Er sitzt auf einem Picknicktisch neben der Laufbahn im Leichtathletikzentrum der Universität von Toronto und isst ein Käsebrot. Die Sonne scheint. Er hat eine kurze Hose an und ein Laufshirt, das am Bauch etwas spannt. In der Zeitung stand, George W. Bush habe ein Gnadengesuch von Marion Jones erhalten. Sie muss aber wohl doch bis Anfang September in Haft bleiben. Bush sei ein Idiot, sagt Johnson.

"Ich werde Marion Jones einen Brief schreiben. Vielleicht kann ich sie trösten. Wenn ich die Chance hätte, würde ich sie heiraten. Sie ist cool. Sie ist eine Frau, die bereit ist, alles für ein Ziel zu geben. So eine Mentalität findet man nicht mehr oft."

Johnson wartet auf seine Trainingsgruppe, ein paar Kids, denen er zeigt, wie man richtig rennt. Um 14 Uhr war das Treffen vereinbart, jetzt ist es kurz vor drei. "Wahrscheinlich hängen sie vor dem Computer rum, oder sie essen mit ihren Freundinnen Eis", sagt Johnson. Er mag die heutige Athletengeneration nicht. Sie lasse sich zu stark ablenken. "Wir waren damals zielstrebiger", sagt Johnson.

Ein Olympiasieg macht unsterblich. Ben Johnson ist kein Olympiasieger mehr. Aber die Welt wird ihn nicht vergessen. Bei den Spielen in Seoul 1988 lief er die 100 Meter in 9,79 Sekunden. Aber er hatte die Goldmedaille nur für zwei Tage. Dann klopften Offizielle an seine Hoteltür und nahmen seine Medaille mit. Stanozolol. So heißt das synthetische anabole Steroid, das man in seinem Urin, abgegeben nach dem Rennen, gefunden hatte.

"Die 100 Meter sind ein Glamour-Event. Ich bin sehr froh, zur Geschichte dieses Rennens zu gehören", sagt Johnson. "Ich bereue nichts." Er hatte damals in Toronto ein gutes Team. Er führte ein Leben für den Sport. Die Pillen gehörten dazu. Er nahm sie vor oder nach dem Training. Niemand stellte Fragen. Es war normal. "Ich habe so hart trainiert. Es war notwendig, etwas zu nehmen, um sich zu erholen, um weitermachen zu können. Ein Mensch ist keine Maschine."

Alle hätten das Gleiche gemacht, sagt Johnson, aber ihn hat man erwischt. Er hat auch eine Verschwörungstheorie. Sie ist anders als die von Gatlin. Johnson sagt nicht, er habe nie gedopt. "Ich habe alle möglichen Steroide genommen." Aber nie dieses Stanozolol. Eine Mafia habe ihm das Zeug irgendwo reingemischt, weil er zu gut war, weil man mit einem Kanadier nicht so viel Geld machen konnte wie mit einem Amerikaner. Ungefähr so geht die Theorie.

Johnson guckt auf die Uhr. Er hat keine Lust mehr zu warten. Er geht rüber in die Trainingshalle. Ein paar Frauen machen Dehnübungen. Er hängt noch ein wenig rum, schneidet sich die Fingernägel. Er wirkt jetzt wie ein komischer Onkel, den keiner ernst nimmt. In Wahrheit ist er die größte Bedrohung für dieses epische Rennen. Es gibt die Akten aus dem Balco-Doping-Skandal, die Aussagen von Dealern wie dem Mexikaner Angel Heredia ( ), die darlegen, wie die Designerdrogen aus dem Ausland zu den Sprintern gelangen. Es gibt die Tränen der Marion Jones. Doch nichts ist so greifbar wie diese Offenheit von Ben Johnson, diese totale Selbstverständlichkeit, mit der er sagt, dass man nicht Olympiasieger werden kann "ohne gute Medizin".

Eigentlich sind die 100 Meter tot. Niemand glaubt mehr an dieses Rennen. Nicht mal Ben Johnson. Aber dieses Rennen lebt einfach weiter. Irgendwann wird ein Läufer schneller sprinten als Weltrekordler Bolt. Vielleicht läuft Tyson Gay schon in Peking 9,70 Sekunden. Danach muss es jemanden geben, der 9,69 Sekunden laufen kann und so weiter. Es darf nie aufhören.

Die 100 Meter sind das große Symbol dafür, dass der Mensch in der Lage ist, sich immer noch zu verbessern. Es darf keinen Stillstand geben. "Es ist das Menschheitsrennen", sagt Johnson.

Das Olympiafinale am Samstag wird er auf Jamaika sehen. Er will ein paar Wochen die Familie besuchen. Johnson ist auf der Karibikinsel geboren. Er trainierte als Kind auf demselben Grastrack an der Technischen Universität in Kingston, wo später auch Bolt und Powell ihre Karriere begannen. Vielleicht ist Jamaika die Wiege des neuen Olympiasiegers.

Glaubt er an Gay, Powell, Bolt?

Johnson lacht. "Man gilt so lange als unschuldig, bis man positiv getestet wird", sagt er, "aber man kann nicht unter 9,80 Sekunden laufen ohne die richtigen Mittel. Es ist unmöglich." Er dürfe das behaupten, "ich war dabei".

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