AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008
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11.08.2008
 

Bildung

Die letzte Bastion

Von Caroline Schmidt und Markus Verbeet

Die meisten Fakultäten bieten inzwischen Bachelor-Abschlüsse an. Nur die Juristen wehren sich erbittert. Doch auch ihnen droht die Kapitulation.

Quintin Mahlow, 24, kann die Zukunft schon fühlen. Er studiert an der privaten Bucerius Law School in Hamburg, die einen so modernen Abschluss anbietet, dass Akademiker von Helsinki bis Palermo, von Edinburgh bis Kiew wissen sollten, was er da gerade leistet. Mahlow schreibt in der lichten Fakultätsbibliothek an seiner Bachelor-Arbeit.

Absolventen (in Bonn): "International nicht anschlussfähig"
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AP

Absolventen (in Bonn): "International nicht anschlussfähig"

In Deutschland allerdings können mit diesem Abschluss nur wenige etwas anfangen. Um hier als vollwertiger Jurist zu gelten, muss Mahlow - wie alle deutschen Jurastudenten - zwei Staatsexamina vorweisen. Doch das könnte sich bald ändern.

Traditionelle Abschlüsse sterben aus in Europa, seit sich 1999 die Vertreter von 29 Staaten in Bologna darauf einigten, ihre Hochschulen zu internationalisieren. Die meisten Fakultäten führten die Abschlüsse Bachelor und Master ein, genau genommen gibt es sie an 82 Prozent aller Hochschulen. "In ganz Europa ist es keine Frage mehr, ob die Reform der Abschlüsse stattfinden wird oder nicht", heißt es in einem Bericht der Vereinigung Europäischer Universitäten.

In ganz Europa? Deutschland fällt die Umstellung schwerer als anderen, und keiner kämpft so verbissen wie die Juristen. Selbst die Mediziner, Ingenieure und Lehrer knicken langsam ein. Doch nun beginnt auch die letzte Bastion zu fallen: Einige Landesjustizminister wollen die Juristenausbildung von Grund auf reformieren und Bachelor- und Master-Abschlüsse in Deutschland verbreiten. Sie haben verschiedene Modelle vorgelegt - und stoßen damit auf harten Widerstand.

Ginge es nach den Rechtswissenschaftlern, würde wohl alles so bleiben, wie es ist. Einige Modelle, befindet der Deutsche Juristen-Fakultätentag, bedeuteten nichts weniger als den "Bruch mit einer mehr als 800-jährigen Tradition". Wenn jede Universität ihre eigenen Prüfungen anböte, könne von einheitlicher Qualität keine Rede mehr sein, vielleicht offerierten in dem ganzen Durcheinander dann auch andere Institutionen Abschlüsse, kurz: Die Konsequenzen "für die Rechtswissenschaft, das Ausbildungsniveau und die Gesellschaft" seien "unabsehbar".

Auf zahllosen Kongressen, Vorträgen und in etlichen öffentlichen Erklärungen rufen Juristen zum Widerstand auf. So unterschrieben 234 Juraprofessoren eine Protestnote gegen das "Stuttgarter Modell" der Justizminister Geert Mackenroth (CDU) und Ulrich Goll (FDP). Die beiden wollten die Staatsexamina abschaffen.

Umstritten sind vor allem frühzeitige Studienabschlüsse wie der Bachelor. In einem April-Editorial der renommierten "Neuen Juristischen Wochenschrift" schreiben die Professoren Michael Hettinger und Rainer Zaczyk, dieser "McLaw" entließe Absolventen "mit mangelhaften Fähigkeiten in die berufliche Unwissenheit". Welche Jobs, fragt eine Reihe von Experten, sollen diese Halbjuristen eigentlich ergreifen? Ein Arbeitsmarkt existiere jedenfalls nicht für sie.

Andererseits gibt es auch Probleme, die sich durch eine Reform lösen ließen. Viele Studenten realisieren heute zu spät, dass sie nicht das Zeug zum erfolgreichen Rechtsanwalt und schon gar nicht zum Staatsanwalt oder Richter haben. Denen könnte ein Abschluss wie der Bachelor schon früh klarmachen, dass sie sich besser in einer anderen Branche umsehen sollten.

Die neuen Abschlüsse könnten den Wechsel in ein anderes Studienfach oder Land erleichtern. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste bildungspolitische Beratungsgremium der Bundesrepublik Deutschland, hat die Juristenausbildung bereits vor knapp sechs Jahren als "international nicht anschlussfähig" gescholten.

Der Streit hat Deutschlands Juristen in mindestens zwei Lager gespalten, die sich erbittert attackieren. Hemmungslos lästern viele von ihnen über das Jurastudium - selbst Justizminister. Es sei "veraltet und verstaubt", findet etwa der schleswig-holsteinische Ressortchef Uwe Döring (SPD). Manche benutzen schon den Begriff "Gefechtslage", wenn sie den Diskussionsstand zusammenfassen wollen.

Nun aber, fast ein Jahrzehnt nach dem berühmt-berüchtigten Treffen in Bologna, könnte Bewegung in die Diskussion kommen. Denn jetzt hat nach Sachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen auch der schleswig-holsteinische Justizminister Döring ein Modell vorgelegt. Er greift Ideen auf, die in der Diskussion sind. Er will - wie die meisten - Bachelor und Master einführen, aber die Staatsprüfung nicht aufgeben.

Die Reformbefürworter hoffen, dass der Druck so zunimmt, dass sie auf der Justizministerkonferenz im Herbst endlich in eine Diskussion über die Modelle einsteigen könnten. Denn viele Fragen sind offen. Will man den Bachelor-Abschluss nach drei oder vier Jahren vorsehen? Soll der Master Voraussetzung für eine Staatsprüfung sein? Soll es überhaupt weiter die herkömmlichen Staatsprüfungen geben?

Keiner kann abschätzen, was das Gremium im Herbst beschließen wird. Die Gegner sind kampfbereit. Man dürfe nicht voreilig "hohe Standards" aufgeben, heißt es etwa aus Hessen. Und die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) hält die Einführung eines Jura-Bachelor für so "desaströs", dass sie zum Widerstand aufruft: "Wir müssen alles tun, um das aufzuhalten."

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