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Ausgabe 34/2008
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Hirnforschung Magie des Augenblicks

2. Teil: Das Austricksen funktioniert nicht nur beim Menschen


Das Austricksen funktioniert nicht nur beim Menschen. Tagtäglich müssen auch Tausende Hunde dieses Experiment über sich ergehen lassen und vermeintlichen Stöckchen hinterherhechten. Dass die Illusion gelingt, ist offenbar Nervenbahnen geschuldet, die auf reale Bewegungen ähnlich reagieren wie auf angedeutete. Nur deshalb wirkt etwa der vor den Römern davonrasende Asterix im Comic echt.


Zudem wird das Hirn bei solch gezielten Täuschungen Opfer eines evolutionären Schutzmechanismus, wie der Psychologe Gustav Kuhn von der britischen Universität Durham erläutert. Bis ein Nervenimpuls tatsächlich im Bewusstsein ankommt, so zeigen neue Messungen, vergehen durchschnittlich 100 Millisekunden. Kuhn: "Diese Zeitspanne kompensiert das Hirn dadurch, indem es den Fortgang der Ereignisse prognostiziert."

Diese Hochrechnungsstrategie ist überlebenswichtig in Situationen, die schnelle Reaktionen erfordern, etwa im Straßenverkehr - "macht aber auch für Fehleinschätzungen anfällig", so Kuhn.

Zunehmend gelangen die Hirnforscher zudem zu der Ansicht, dass sich die Wahrnehmung des Menschen weit stärker als vermutet aus einer Aneinanderreihung von Momentaufnahmen zusammensetzt. Einen starken Hinweis für diese Theorie liefert ein Trick des Großen Tomsoni.

Der Maestro bittet seine Assistentin auf die Bühne und verkündet seine Absicht, ihr weißes Kleid in einen roten Dress zu verwandeln. Die Transformation gelingt durch einen Gag: Das Licht geht aus, dann hält Tomsoni einen roten Scheinwerfer auf die Weißgewandete.

Doch welch Wunder: Als die normale Showbeleuchtung wieder erstrahlt und der rote Scheinwerfer erlischt, steht die Dame tatsächlich im roten Kostüm da. Was ist geschehen?

Den winzigen Moment zwischen dem Erlöschen des Rotlichts und dem Wiederaufscheinen des Hauptlichts hat die flinke Hilfskraft genutzt, um ihr weißes Kleid abzustreifen und die darunter verborgene rote Variante freizulegen.

Das Publikum bemerkt den hurtigen Wechsel der Wäsche gar nicht. In den Hirnen der Zuschauer wirkt noch für Sekundenbruchteile ein Abbild jenes Effekts nach, den das rote Scheinwerferlicht auf dem weißen Kleid erzeugt hatte - die Magie des Augenblicks.

Die Forscher versprechen sich von solch kollektiven Täuschungen des Auditoriums unmittelbaren Ertrag: Sie wollen die Bühnentricks der Profis nutzen, um im Labor gezielt Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Testpersonen zu beeinflussen. Durch Messung der Hirnströme während der Tests hoffen sie, endlich eine neurologische Basis für das schwer zu fassende Bewusstsein zu finden.

Wie sehr sich Beobachter in ihrer Wahrnehmung lenken und manipulieren lassen, hat auch der britische Psychologe Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire mit einem überaus unterhaltsamen Filmexperiment belegt (Video siehe unten).

Zu sehen ist der Wissenschaftler neben einer Frau, der er einen Kartentrick vorführt. Bei jeder Kartenaktion zoomt die Kamera auf die Hände der beiden, danach sind die beiden wieder groß im Bild zu sehen. Nach der Hälfte des Films wird die Vorführung unterbrochen und eine Botschaft eingeblendet: "In diesem Film geht es nicht um einen Kartentrick." Um was dann?

Eine zweite Kamera macht deutlich, was noch geschah. Sie zeigt das Geschehen anschließend aus einer Perspektive, in der Wiseman und seine Kollegin ständig im Bild sind. Immer dann, wenn der Professor die Aufmerksamkeit auf die Karten lenkte, änderten die Akteure flugs das Erscheinungsbild der Szenerie.

Am Ende tragen Wiseman und seine Helferin ein anderes Outfit als am Anfang, sie sitzen vor einem andersfarbigen Hintergrund, und auch die Tischdecke, auf der die Spielkarten liegen, hat eine andere Farbe.

Doch im ersten Film mit der ständig wechselnden Perspektive kriegt der Zuschauer nichts davon mit. Lammfromm starrt er nur auf die Karten und wartet auf eine Auflösung.

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