Von Lars-Olav Beier
"Die besonders hartgesottenen Fans", schreibt das Branchenblatt "Entertainment Weekly", "glauben, sie hätten einen Anspruch darauf zu erfahren, was Hollywood gerade mit heiligen Kühen wie ,Star Wars' oder ,X-Men' anstellt."
Nun schauen die Studiobosse verwirrt auf ihre Gemeinden und wundern sich, dass sie sich nicht mehr wie Schafe in die Kinos treiben lassen. Doch die Fans gehören in Hollywood zu den Playern des neuen Jahrtausends, die mitreden und mitbestimmen. Harry Knowles, Gründer der Web-Seite aintitcool.com, die jeden Monat millionenfach angeklickt wird, wurde deshalb von einigen Produzenten bereits als Berater engagiert.
Das "Time Magazine" nennt diese Meinungsführer "Alpha Fans", der "Hollywood Reporter" behauptet, sie würden Marketing-Kampagnen und sogar kreative Entscheidungen maßgeblich prägen.
Ist das Kino in das Zeitalter einer radikalen Demokratisierung eingetreten, in dem der Konsument zum Co-Produzenten wird, damit gewährleistet ist, dass er genau die Ware bekommt, die er haben will?
In Hollywood jedenfalls geht die Angst um vor der wachsenden Marktmacht der Fans. Bei der Comic-Con in San Diego räumte Produzent Brad Fuller ein, er habe sich davor "gefürchtet", den Fans Ausschnitte seines neuen Films vorzuführen. Dabei gilt Fuller nicht als Feigling: Er zeigte Szenen aus einem Remake des Splatter-Klassikers "Freitag, der 13.".
Doch Fuller weiß, dass die Fans massiv in die Personalpolitik Hollywoods eingreifen. Vor zwei Jahren geriet der Regisseur Peter Jackson mit dem Studio New Line, das seine "Herr der Ringe"-Trilogie finanziert hatte, in einen erbitterten Rechtsstreit über Gewinnbeteiligungen. Gleichzeitig führte er mit New Line Verhandlungen über ein Nachfolgeprojekt, die Adaption von J. R. R. Tolkiens Roman "Der kleine Hobbit". Plötzlich teilten die Studiobosse Jackson mit, dass er an dem neuen Film nicht beteiligt sein werde.
Daraufhin wandte sich Jackson in einem offenen Brief an die Fans. Das Studio, so Jackson, habe ihm angeboten, die Gewinnbeteiligungen zu zahlen, aber nur, wenn er die Regie des "Hobbit" übernehme. Auf diesen Deal wollte er sich nicht einlassen, denn es sei "Leidenschaft, Leidenschaft allein, die einem Film Phantasie und ein Herz gibt". Prompt riefen die Fans eine Petition für ihn ins Leben und bombardierten das Studio mit Briefen, in denen sie androhten, eine "Hobbit"-Adaption, an der ihr Idol nicht beteiligt sei, zu boykottieren. Am Ende einigte sich New Line mit Jackson und vertraute ihm die Produktion des Films an.
Tatsächlich wäre ein "Hobbit"-Film ohne Jackson für die Gemeinschaft der Tolkien-Anhänger ein Sakrileg gewesen. Denn der Neuseeländer ist in ihren Augen einer von ihnen - nein, der Größte von ihnen: der Fan aller Fans. Seiner unermüdlichen Missionsarbeit in Hollywood ist es zu verdanken, dass Tolkiens Mammutwerk in drei Teilen auf die Leinwand kam - so nah an der Vorlage wie möglich.
Treue gegenüber dem Original - ob Comics, Fantasy-Romane oder TV-Serien - ist für die meisten Fans das oberste Gebot jeder Verfilmung. Weil sie nicht selten ihre eigene Identität an das bewunderte Werk knüpfen, das sie besser kennen als sich selbst, empfinden sie Abweichungen manch- mal gar als persönliche Angriffe.
Fans wie die eingefleischten Tolkien-Anhänger sind die Fundamentalisten der Popkultur, die wörtlich nehmen, was geschrieben steht, und nicht dulden, dass es von Andersgesinnten interpretiert wird. "Wer es den Fans recht machen will", schreibt das "Time Magazine", "läuft Gefahr, von ihnen in kreativer Hinsicht gefangen genommen zu werden."
Wer es ihnen nicht recht macht, erlebt ihren Zorn. Der deutsche Regisseur Uwe Boll, der sich in den USA auf die Verfilmung von Videospielen spezialisiert hat, brachte die Fans so gegen sich auf, dass sie die Internet-Petition "Stop Uwe Boll" ausriefen. "Abscheulich" sei seine Arbeit, von keinerlei Sachkenntnis der Spiele getrübt. Deshalb solle Boll aufhören, Regie zu führen, zu produzieren, in jedweder Form Hand an einen Film zu legen. Fast 300.000 Unterschriften kamen bislang zusammen. Bei einer Million, so Boll, höre er auf.
Wie also werden die Fans Hollywood verändern? Werden sie das Kino wirklich erneuern? Oder sind sie nicht eher eine starke konservative Kraft?
Fans sind konservativ in dem Sinne, dass sie sich an das klammern, was sie kennen, und Veränderungen oft ablehnen. Diesen Konservatismus übernimmt Hollywood zunehmend. Viele der großen Franchise-Filme der jüngsten Zeit, von "Batman Begins" bis zum letzten James Bond "Casino Royale", gehen zurück zu den Anfängen, graben nach den Wurzeln ihrer Helden.
Ein heiliger Ernst macht sich in "The Dark Knight" bisweilen auf der Leinwand breit, eine Ironiefreiheit, die in der verspielten Postmoderne nur noch eine glücklicherweise überwundene Dekadenzphase der Kunst erblicken kann. Eine halbe Milliarde Dollar hat "The Dark Knight" allein in den USA bald eingespielt - das schaffte bisher nur James Camerons "Titanic".
Kein Wunder also, dass Hollywood die Fans nun auch zu Kinohelden macht. In einem Monat wird in den USA der Film "Fanboys" anlaufen, in dem ein paar Jugendliche 1998 eine Kopie des "Krieg der Sterne"-Prequels "The Phantom Menace" von der Skywalker-Ranch des Regisseurs George Lucas stehlen, um sie ihrem todkranken Freund zu zeigen.
Allerdings sollte auch "Fanboys" schon lange angelaufen sein. Bei einer Präsentation im Sommer 2007 in London wurde er gefeiert. Das Studio war weniger begeistert und engagierte einen neuen Regisseur, der zusätzliche Szenen drehte. Die melodramatische Krankheitsgeschichte entfiel.
Als die Fans davon erfuhren, machten sie mobil: 300.000 Protest-Mails gingen beim Studio ein, das im Mai dieses Jahres schließlich einlenkte und versprach, den Film in der ursprünglichen Fassung ins Kino zu bringen.
Wie die Fans auf der Leinwand dargestellt werden, das bestimmt niemand außer ihnen selbst.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© DER SPIEGEL 34/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH