Von Horand Knaup
Rücksicht auf die Bewohner wird dabei nirgendwo genommen. In Ghana trotzte BioFuel Africa die Rodungs- und Nutzungsrechte einem Dorfführer ab, der weder lesen noch schreiben konnte. Seine Zustimmung gab er per Daumenabdruck. Die Wochenzeitung "Public Agenda" fühlte sich "an die dunkelsten Zeiten des Kolonialismus" erinnert. Die ghanaische Umweltschutzbehörde stoppte schließlich den Kahlschlag der Wälder - nachdem 2600 Hektar Forst gefallen waren.
Auch in Tansania gibt es mittlerweile, neben aller Hoffnung, genügend Grund zur Skepsis, ob nun wirklich alles besser wird. Im April 2006 etwa behauptete Sun Biofuels, die Firma habe von zehn der elf Dörfer eine förmliche Genehmigung für den Anbau erhalten. Mehrere Gemeinden wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von den Plänen, andere hatten Bedingungen an ihre Zustimmung geknüpft. Ein Dorfchef beklagte sich schriftlich beim Bezirk, dass Sun Biofuels Land gerodet und markiert habe, ohne auch nur mit den Gemeindeoberen Kontakt aufgenommen zu haben.
In Daressalam sitzt der Sun-Biofuels-Statthalter Peter Auge in seinem Büro, er ist ein offener, hemdsärmeliger Südafrikaner: "Stimmt schon, wir waren mit unserer Informationspolitik ein bisschen zurückhaltend." Es gebe zu viele Unwägbarkeiten, er wolle nachher nicht in der Zeitung lesen, "das Projekt hat zwei Jahre Verspätung".
Auge verspricht soziale Investitionen, die aber bisher nicht Gegenstand der Verträge sind. Auch bei den Entschädigungen für die Landbewohner, worauf die Regierung besteht, kommen die Investoren billig weg: Umgerechnet rund 450.000 Euro haben sie angeboten - ein Spottpreis für die 9000 Hektar Land, das sie nun jahrzehntelang nutzen dürfen.
Auch 70 Kilometer weiter südlich, am Fluss Rufiji, werden Tausende Landbewohner umziehen müssen. Dort will die schwedische Firma Sekab auf mindestens 9000 Hektar wasserintensives Zuckerrohr anbauen, um es zu Ethanol zu veredeln. 5000 Hektar sind bereits bewilligt.
Insbesondere in der Trockenzeit ist der Fluss mit seiner angrenzenden Sumpflandschaft die einzige Trinkwasserquelle für Tausende Menschen. Dieses Reservoir will auch Sekab anzapfen, um seine Plantagen zu wässern. Transparenz? Gibt es nicht. Entschädigung? Fehlanzeige. Informationen? Mangelware. Als Anwohner bei einer Informationsveranstaltung nach Ausgleichszahlungen fragten, hieß es lapidar: "Ihr bekommt, was euch zusteht."
Umso wuchtiger rollt die PR-Maschine, selbst in armen Ländern wie Tansania. In Daressalam ebnet die Südafrikanerin Josephine Brennan im Sekab-Büro das Terrain, und sie sieht natürlich nur Gutes für die Zukunft Tansanias. Der Biosprit-Anbau ermögliche neue Schulen, neue Straßen und dadurch bessere Chancen, Märkte zu erreichen. Auch Kleinbauern könnten so in Zukunft einen Mehrwert erzielen und bis drei Millionen Menschen allein in Tansania der Armut entkommen. Tansania habe mit seinen zwei Millionen Hektar möglicher Anbaufläche Wachstumspotentiale "wie der keltische Tiger Irland". Und schließlich: "Die Welt braucht Tansania."
Das hat man in Ostafrika bisher so nicht gesehen. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit über Energiepflanzen in Tansania führt ein ganzes Bündel negativer Nebeneffekte auf. Ohnehin ist es nicht das erste Mal, dass weiße Investoren den Tansaniern Wohlstand versprechen.
Mit ähnlich warmen Worten wurde den Kleinbauern vor einigen Jahrzehnten das Feld für die Kaffeeplantagen abgeschwatzt, mit solchen Verheißungen kamen in den neunziger Jahren ausländische Minengesellschaften ins Land, um Gold zu schürfen.
"Sie haben uns Arbeitsplätze versprochen, neue Straßen, neue Brunnen und Schulen", erinnert sich der Journalist Joseph Shayo. "Und was war? Keine Schulen, keine Brunnen und wenige Arbeitsplätze, die zudem schlecht bezahlt waren." Obendrein wurden die Schürfgebiete großräumig eingezäunt und waren für die ursprünglichen Bewohner fortan unpassierbar.
In einer kürzlich erschienenen Untersuchung über die "Biotreibstoffindustrie in Tansania" warnt der Jurist Khoti Kamanga von der Universität Daressalam vor den Begleiterscheinungen der Energieplantagen. Die Bevölkerung sei zumeist uninformiert, der Anbau der Pflanzen gehe in der Regel mit erzwungenen Umsiedlungen einher. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werde die Ethanolproduktion auch Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise in Tansania haben, die Importabhängigkeit des Landes bei Nahrungsmitteln werde wohl weiter zunehmen.
In Daressalam hat die Regierung inzwischen erkannt, dass der neue Boom auch Probleme mit sich bringt. "Die Energiepflanzen dürfen keine Alternative zur Nahrungsmittelproduktion sein", sagte Präsident Jakaya Kikwete, nachdem auch in seinem Land viel Unmut über die hohen Lebensmittelpreise laut wurde.
Die Energie-Pflanzer lässt das bisher unbeeindruckt. Sun Biofuels und Sekab wollen ihre Produktion auf jeweils 50.000 Hektar ausbauen. So schnell wie möglich.
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