AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2008
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08.09.2008
 

Pädagogik

"Lehrer brauchen Führung"

Der Bildungskritiker Bernhard Bueb über das Versagen der deutschen Pädagogen, das fragile Selbstwertgefühl von Kindern und seine eigenen Fehler als Berufsanfänger

SPIEGEL: Herr Bueb, wie fühlt man sich als strengster Lehrer Deutschlands?

Bueb: Mit diesem Titel muss ich jetzt ja wohl leben. Natürlich freue ich mich, dass mein Ruf nach Disziplin so gut angekommen ist, vor allem auch bei jungen Eltern. Hundertfach berichten sie mir, welche Freiheit sie nun genießen: Mit einem Mal sind sie nicht mehr die Sklaven der Launen ihrer Kinder. Manche Pädagogikprofessoren haben mich ja angefeindet. Aber der Erfolg im wirklichen Leben war überwältigend.

SPIEGEL: Nun legen Sie nach: Sie behaupten, die deutschen Schüler seien bloß so schlecht, weil in den Schulen Führung fehle. Wie meinen Sie das?

Bueb: Zu viele unserer Lehrer straucheln führungslos umher. Niemand nimmt ihre Arbeit wahr, niemand kontrolliert sie, niemand motiviert sie. Sie sind verzweifelt, sie sind ausgebrannt, trotz ihres wunderschönen Berufs. Solche Lehrer können die Karriere von Schülern verhindern. Es ist mein missionarisches Anliegen, dass sich das ändert - durch Führung.

SPIEGEL: Was verstehen Sie unter Führung?

Bueb: Das oberste Gebot lautet, die anvertrauten Menschen in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Zum Zweiten muss man mit ihnen Ziele vereinbaren und die Umsetzung dieser Ziele anschließend kontrollieren. Daraus erwächst dann Lob oder Kritik - wobei Kritik zunächst immer mit einem Angebot zu Hilfe verbunden sein muss. Der nächste Schritt kann dann auch eine Strafe sein.

SPIEGEL: Dazu ließe sich auch "Management" sagen. Doch mit "Führung" wählen Sie erneut einen Begriff aus dem altkonservativen Vokabular. Warum?

Bueb: Es sind gute Begriffe, die durch den Missbrauch im Nationalsozialismus in Verruf geraten sind. Unser Denken und unser Handeln bleiben unehrlich, wenn wir sprachlich ausweichen, wenn wir von Management statt von Führung sprechen. Im Moment führt in den Schulen niemand - der Schulleiter verwaltet als Primus inter Pares, als Gleicher unter Gleichen mit zusätzlichen Koordinierungsaufgaben. Deswegen ist Schule aber noch lange kein demokratisches Modell.

SPIEGEL: Was? Das erklären Sie mal dem Kollegium einer Gesamtschule!

Bueb: Natürlich ist Schule vordemokratisch, so wie alle Unternehmen. An der Spitze steht eine Person, die führt und deren Macht nicht durch eine Wahl oder das Einverständnis der Untergebenen legitimiert ist. Und wie alle Arbeitnehmer, deren Verhalten den Erfolg eines Unternehmens maßgeblich bestimmt, brauchen Lehrer Führung. Führung ist ein Menschenrecht.

SPIEGEL: Sie übertreiben.

Bueb: Keineswegs. Jeder hat das Recht auf Wegweisung, Anerkennung und Ermutigung. Und auf einen Spiegel, der ihm vorgehalten wird, damit er erkennen kann, ob er womöglich die Richtung ändern muss.

SPIEGEL: So formuliert, klingt Ihr Anliegen wie eine Selbstverständlichkeit. Meinen Sie wirklich, damit erzählten Sie den Lehrern etwas Neues?

Bueb: O ja. Es ist eine Selbstverständlichkeit, aber nicht an Schulen. Anders als Angestellte in der Wirtschaft haben Lehrer keine Erfahrung damit, dass sich Motivation und Wohlgefühl durch gute Führung steigern lassen. Das ist für die Lehrer selbst ein Verlust, aber auch für deren Schüler. Dieses Menschenrecht gilt ja auch für sie: Der normale Klassenlehrer muss die Grundsätze guter Führung ebenso beherrschen wie sein Direktor. Aber meist scheitert er bereits am ersten Prinzip: Weil er auf den Lehrplan fixiert ist, vergisst er, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken. Zu viele Lehrer unterrichten Fächer - und nicht Schüler.

SPIEGEL: In Ihrer Vorstellung ist der ideale Lehrer ein Mose der Erkenntnis - ein Pädagoge, der die Kinder ins gelobte Land der Bildung führt. Was muss ein Lehrer tun, um einen Schüler zu entflammen?

Bueb: Im Grunde ist das einfach. Bereits der Schulbeginn ist für jedes Kind ein Versprechen von Glück. Kinder gieren nach den neuen Welten, die sich hinter Buchstaben und Zahlen verbergen. Ein Pädagoge muss sich nur die Mühe geben, jedes einzelne Kind sehr genau kennenzulernen: Was braucht es? Woran könnte sein Fortkommen scheitern? Wie ließe es sich fördern, wo ist sein Platz in dieser Gruppe? Ein Grundschullehrer wird jedes Kind lebenslang für das Lernen gewinnen, solange er jedem einzelnen signalisiert: Du bist mir wichtig! Und nicht der Lehrplan.

SPIEGEL: Wie soll ein Lehrer das leisten? Denken Sie an eine städtische Grundschulklasse. Da sammeln sich Kinder aus Migrantenfamilien, von Alleinerziehenden und aus intakten Elternhäusern - und alle haben unterschiedliche Bedürfnisse.

"Es ist absolut notwendig, alle Schulen zu
Ganztagsschulen umzubauen."

Bueb: In den üblichen Halbtagsschulen gelingt das tatsächlich kaum. Deshalb ist es absolut notwendig, alle Schulen zu Ganztagsschulen umzubauen. Bei einem Kind aus der bildungsfernen Unterschicht ist das oberste Ziel von Bildung ja bereits zu Hause nicht gelungen: die Stärkung des Selbstwertgefühls. So ein Kind glaubt nicht an sich, im Gegenteil: Es ist überzeugt, immer wieder zu scheitern, und wird sich entsprechend aggressiv verhalten. Wenn ein Lehrer solch ein Kind, nennen wir es Mehmet, mit Lehrplanzielen konfrontiert, die es ohnehin nie erreichen wird, findet es nie heraus aus diesem Teufelskreis. Aber wenn er mit Mehmet Fußball spielt, mit ihm werkelt oder musiziert, kann er ihm vermitteln: Du machst das prima! Ich glaube an dich! Dieses Zutrauen kann der Lehrer aber nur entwickeln, wenn er den Jungen nicht ausschließlich morgens im Unterricht als Schulversager erlebt.

SPIEGEL: Am Ende wird auch Mehmet die Lernziele erfüllen müssen, um versetzt zu werden. Und er strengt sich doch nicht automatisch im Englischunterricht an, wenn er für sein Fußballspiel gelobt wird.

Bueb: Eben doch. Mehmet wird merken, dass der Lehrer ihm ein Selbstwertgefühl gibt, und sich aus Begeisterung für diesen Lehrer anstrengen - weil der ihn ernst nimmt. Diese Begeisterung wird zum Vehikel für sein Lernen.

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17.09.2008 von Rainer Helmbrecht: xxx

Wenn ich mich nicht irre, hat dieser Mehmet auch seine Eltern verprügelt, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ihn seine Eltern aufforderten Lehrerinnen zu missachten. MfG. Rainer mehr...

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