SPIEGEL: Wie haben Sie es schließlich herausgefunden?
Bueb: Ich habe gemerkt, dass ich meinen Unterricht falsch vorbereitete. Ich bezog die Schüler viel zu wenig ein. Die Psychologin brachte mir eigentlich eine Selbstverständlichkeit bei: Ich sollte an die Ziele denken, die für die Kinder wichtig waren - und nicht versuchen, meine eigenen zu erreichen. Jedes Kind hat ja andere Voraussetzungen, sich Wissen anzueignen. Ich durfte nicht länger denken: Ich setze den Kleinen irgendeinen Stoff vor, alles über die Französische Revolution, und dann erlangen sie irgendwann die Einsicht, die ich schon längst habe.
SPIEGEL: Hat es Sie verletzt, dass Sie bei Ihren Schülern nicht gut ankamen?
Bueb: Und wie! Jeder Lehrer, und es gibt immerhin 700.000, will geliebt werden. Der tägliche Unterricht in deutschen Klassenzimmern ist ein Ringen um Anerkennung. Scheitert es, ist das ein großes Unglück für den Lehrer.
SPIEGEL: Ist Liebe nicht zu viel verlangt? Warum reicht Ihnen Respekt nicht aus?
Bueb: Respekt ist die Voraussetzung für jeden Unterricht. Doch die Liebe der Kinder zu den Lehrern ist der Schlüssel zu gutem Unterricht - so wie umgekehrt die Liebe der Lehrer zu den Kindern. Vielleicht sollte ich unpathetischer sein und von Zuneigung sprechen. Ich habe oft beobachtet, wie glücklich ein Lehrer auflebt, wenn die Schüler ihm am Jahresende aus Zuneigung ein Geschenk machen. Ich habe diese Glücklichen immer gebeten, ihre Freude für sich zu behalten. In dem Maße, in dem sie ihr Glück verbreiten, mehren sie ja das Unglück der anderen, der Ungeliebten.
SPIEGEL: Umgekehrt funktioniert das aber nicht - wenn der Grundschullehrer dem Klassenbesten immer Schokolade schenkt.
Bueb: Es funktioniert, wenn der Lehrer verschiedene Preise aussetzt: für den Schüler, der anderen viel hilft. Für den, der einen unglaublichen Fortschritt macht - von Fünf auf Drei in Französisch. Es müsste Preise geben für guten Fußball und für gutes Handwerk. Und eben auch einen für den Klassenbesten. Es ist ein Problem unserer Halbtagsschulen, dass Lehrer die Exzellenz eines Kindes anhand der Fachnoten messen. Ein Junge mit einer Eins in Nächstenliebe geht im Zweifelsfall unter. Auch in solchen Fällen müsste ein guter Schulleiter eingreifen und Lehrer auf die Qualitäten dieser Kinder hinweisen. Das kann er natürlich nur, wenn er alle Verwaltungsaufgaben an andere abgibt und ständig in der Schule unterwegs ist, statt hinter dem Schreibtisch zu sitzen.
SPIEGEL: Rechnen Sie nicht mit vehementen Protesten? Kein Lehrer lässt sich gern in seinen Unterricht gucken.
Bueb: Es ist ja auch eigentlich schön, dass ein Lehrer in seinem Kerngeschäft, dem Unterricht, autonom ist. Doch es vereinzelt ihn und führt schnell dazu, dass er sich gegen Einblicke von außen abschirmt. In allen preisgekrönten Vorzeigeschulen haben die Schulleiter das Kollegium dazu gewonnen, ihre Autonomie im Unterricht einzuschränken. Der Direktor des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums zum Beispiel, Günter Offermann, weiß haargenau, was in jeder Klasse passiert. Er erscheint immer wieder unangekündigt im Unterricht - und alle finden das normal. Erst diese Transparenz schafft die Voraussetzung für substantielle Kritik. Auch das Verhältnis zu den Eltern ist besser, weil das, was im Unterricht passiert, nicht länger ein Geheimnis scheint.
SPIEGEL: Sie befürworten sogar ein Ranking: Die Schüler sollen ihre Lehrer bewerten.
Bueb: Ich befürworte kein Ranking, ich befürworte eine geregelte Rückmeldung. Jeder Schüler sollte einmal im Jahr einen detaillierten Fragebogen über die Qualität seines Unterrichts ausfüllen. Der Bogen geht an den Schulleiter und seine Stellvertreter, und die müssen dann ein Gespräch mit jedem Lehrer führen. Durch solch ein Verfahren würde die Benotung von Lehrern im Internet überflüssig. Web-Seiten wie spickmich.de existieren doch nur, weil es Schülern unbehaglich ist, täglich von Menschen bewertet zu werden, deren eigene Leistung nie kontrolliert wird.
SPIEGEL: Fürchten Sie nicht eine Art Schönheitskonkurrenz: lauter Lehrer, die bei ihren Schülern künftig lieb Kind spielen?
Bueb: Womöglich werden es einige versuchen, doch die momentanen Verhältnisse sind viel schlimmer. Als Schulleiter gewinnt man Erkenntnisse über den Unterricht nur durch das Gerede der Schüler, die sich nie direkt, sondern bei ihren Eltern oder anderen Lehrern äußern. Ich selbst kenne das aus Salem: Was mich erreichte, war gefiltert, wie man es aus dem Kinderspiel "Stille Post" kennt. Es erlaubte mir allenfalls eine gefühlte Erkenntnis. Fragebögen würden Gerechtigkeit herstellen. Sie würden ja auch all das Gute offenbaren, das im Unterricht geschieht.
SPIEGEL: Ein missverstandener Lehrer wird dennoch die Schuld auf seine Schüler schieben und sagen: "Meine Methoden sind zu deren Wohl, die begreifen es nur nicht. Und deswegen benoten sie mich schlecht."
Bueb: Wenn die Fragebögen professionell gemacht würden wie bei Wirtschaftsunternehmen, könnten auch die Lehrer diese Rückmeldung nicht ignorieren. Wenn dann in fünf Klassen jeweils 25 Jugendliche ein ähnliches Bild von einem Pädagogen zeichnen, ist das ein deutliches Bild.
SPIEGEL: Oder das Ergebnis einer Verschwörung: Bei besonders unbeliebten Lehrern könnten sich Schüler absprechen.
Bueb: O nein! Sie müssten die Bögen ja mit vollem Namen unterschreiben. Die Lehrer dürfen die Bewertungen natürlich nicht sehen; sie kämen in Versuchung, den Kritikern zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Doch der Schulleiter kann jeden Schüler herbeizitieren, der einen Fragebogen unlauter ausfüllt.
SPIEGEL: Was macht ein Schulleiter, wenn die Bögen einen Lehrer als Niete ausweisen?
Bueb: Er hat eine der schwierigsten Aufgabe überhaupt vor sich. Er muss den Kollegen kritisieren. Ich selbst fühlte mich in vielen dieser Gespräche total hilflos. Man muss es schaffen, dass sich der Kritisierte nicht entblößt fühlt, und gemeinsam mit ihm über Lösungen nachdenken. Manchmal ist das einfach: Wenn einer wegen seiner Fistelstimme lächerlich wirkt, schickt man ihn zum Logopäden, und die Schule sollte das bezahlen. Schwieriger ist es mit solchen Pädagogen, die ihre Schüler entmutigen, oft sind das Mathematiklehrer. Ihnen muss man Seminare verordnen, mit Video-Feedback und allen anderen Methoden modernen Führungskräftetrainings. Nur dann merken sie, wie demotivierend sie wirken.
SPIEGEL: Wie wollen Sie solche Ideen angesichts mangelnder Etats für Klebstoff und Buntstifte durchsetzen?
Bueb: Mein Ideal sind Schulen, die staatlich finanziert, aber privat geführt werden. Jeder Schulleiter könnte so die Unterrichtsziele verwirklichen, die er für richtig hält. In Grenzen lässt sich das mit Hartnäckigkeit auch in unserem System erreichen: Die ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule, Enja Riegel, hat bei der Stadt Wiesbaden durchgesetzt, dass die Jungen und Mädchen ihre Schule selbst putzen. Sie bezahlte mit dem eingesparten Geld Theaterregisseure. Das ist zeitgemäßes, kreatives Management, und auch das müssten Lehrer lernen. Leider melden sich bislang eher diejenigen zu Fortbildungen an, die es nicht nötig haben. Wie bei der Christianisierung der Heiden bedarf es auch bei Pädagogen oft eines gewissen Nachdrucks.
"Lehrer sind die Randfiguren aller Bildungsdebatten.
Dabei müssten sie im Mittelpunkt stehen."
SPIEGEL: Die Christianisierung war eine ziemlich blutige Methode, Druck auszuüben. Welche Alternativen schlagen Sie vor?
Bueb: Ich habe Gespräche als segensreiches Führungsinstrument kennengelernt. Am Anfang waren die noch sehr steif, Sitzungen mit einem förmlichen Termin; davon habe ich bald wieder abgelassen. Sie wecken bei einem Mitarbeiter die Erwartung, dass man ihn zu einem tollen Entwicklungsgespräch bittet. Da war die Enttäuschung bei den Kollegen oft groß, in einer Schule gibt es ja wenig Aufstiegsmöglichkeiten.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich stattdessen mit Ihrem Kollegium verständigt?
Bueb: Ich habe mich scheinbar beiläufig unterhalten. Ich bin häufig durch die Schule gegangen, und wenn einer dastand, mit ungekämmtem Haar oder gesenktem Blick, wusste ich: Dem geht es schlecht. Ich habe solche Kollegen zum Tee in mein Zimmer gebeten; es ging dann um ihre Familien, um ihre Gesundheit. Allein durch Zuwendung haben entmutigte oder mittelmäßige Pädagogen manchmal neuen Mut gefasst. Eine der wesentlichen Aufgaben guter Führung ist die tägliche Ermutigung.
SPIEGEL: Ist ein ermutigter Lehrer automatisch ein besserer Lehrer?
Bueb: Denjenigen, der nie hätte Lehrer werden dürfen, machen solche Gespräche nicht zu einem guten Pädagogen. Doch jeder mittelmäßige Pädagoge besitzt Qualitäten, die sich verstärken lassen. In Salem arbeitete ein Chemielehrer, der in der Mittelstufe immerzu scheiterte, weil er die Kinder nicht erreichte. In der Oberstufe schien er fachlich überfordert. Er hatte allerdings eine fabelhafte Eigenschaft: Er konnte schwachen Schülern auf eine rein schematische Weise Chemie beibringen und bereitete sie so bestens für das Zentralabitur vor. Wir haben ihn dann nur noch für die Pflichtkurse eingesetzt, alle schwachen Schüler rannten zu ihm hin. Zum Glück habe ich nicht auf meiner Meinung beharrt, ein Pädagoge müsse begreifen, dass Chemie mehr ist als ein Schema F. Ich habe ihn gelobt: "Sie machen das so toll mit diesen Kindern, die bei den anderen völlig überfordert wären."
SPIEGEL: Das klingt so schlicht - als hinge aller Schulerfolg allein vom richtigen Lehrer ab.
Bueb: So ist es aber. Wir denken immerzu darüber nach, Strukturen zu ändern. Und die Personen, die diese Strukturen mit Leben füllen sollen, die Lehrer, lassen wir vor sich hin wurschteln. Lehrer sind die ewigen Randfiguren in bildungspolitischen Debatten. Dabei müssten sie in deren Mittelpunkt stehen. Wenn wir außerdem Ganztagsschulen einführen, flächendeckend, und den Beamtenstatus für Lehrer abschaffen, brauchen wir keine weiteren Strukturreformen. Am Ende ist es gleich, ob wir beim dreigliedrigen Schulsystem bleiben oder überall Gesamtschulen aufmachen - solange wir durch gute Führung Lehrern und Schülern zum Erfolg verhelfen.
SPIEGEL: Her Bueb, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Martin Doerry und Katja Thimm
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