Samstag, 21. November 2009

Wirtschaft



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08.09.2008
 

Standort

Schwäbisches Solo

Von Thomas Schulz

Metzingen plagt ein Luxusproblem: Das Städtchen hat kaum noch Arbeitslose. Nun legen sich die Einwohner mit dem größten Arbeitgeber an - Hugo Boss.

Der Ort scheint eine charmante deutsche Provinzstadt zu sein wie viele andere. Ein Eiscafé heißt "Venezia", das Kino noch Lichtspielhaus, und auf dem Marktplatz steht das alte Rathaus, idyllisch verschnitzt natürlich. Beschaulich, gepflegt, langweilig - auf den ersten Blick. Denn es gibt noch ein zweites Metzingen.

Das trägt inzwischen den Zweitnamen "Outlet-City" oder "Hauptstadt des deutschen Fabrikverkaufs", weil Dutzende Modemarken von Esprit bis Joop! hier ihre ausgemusterten Kollektionen billiger losschlagen. Jährlich ächzt es unter zwei Millionen schnäppchenbegeisterten Besuchern. Und vor allem: Metzingen ist Heimatstandort und Sitz des Modeweltkonzerns Hugo Boss.

Auf nur 22.000 Einwohner kommen so 13.000 Arbeitsplätze. Viele Metzinger sind offenbar der Meinung, damit habe man nun wirklich genug. Genug Arbeitsplätze, genug Outlets und auch genug Boss. Am Sonntag vorvergangener Woche stimmten sie im ersten Bürgerentscheid der Stadtgeschichte gegen ein neues Logistikzentrum, das Boss im Gewerbegebiet errichten wollte. Sie stimmten damit auch gegen bis zu 400 neue Jobs, die der Konzern versprach.

DER SPIEGEL 37/2008


TITEL
Todeskommando Baader- Meinhof
Ein Film zerstört den Mythos RAF

Monatelang hatte eine Bürgerinitiative Stimmung gegen das geplante Boss-Lager gemacht, ein riesiger Bau, 305 Meter lang, 20 Meter hoch, 180 Meter breit. Das Logistikzentrum sei hässlich und viel zu groß, das Landschaftsbild werde "nachhaltig gestört". Man brauche ohnehin keine neuen Boss-Jobs. In der Region herrsche "Vollbeschäftigung". Tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote im Umkreis bei nur 3,8 Prozent. Die Mehrzahl der avisierten Jobs sei zudem wohl schlecht bezahlt. "Arbeitsplätze im Niedriglohnniveau sind nicht geeignet, den Lebensstandard unserer Region zu halten", wurde gewettert.

Die Mehrheit der abstimmenden Bürger sah das auch so. Der Oberbürgermeister Dieter Hauswirth reichte schockiert seinen Rücktritt ein.

Es scheint bizarr. Seit Jahren ist die Arbeitslosigkeit das drängendste Problem im Land. Milliarden von Euro werden in Wirtschaftsförderung und Subventionen gepumpt. Mancher ostdeutsche Ort feiert jeden neuangesiedelten Fünf-Mann-Betrieb als Erfolgsgeschichte. Das ganze Land fühlt sich bedroht von der Globalisierung. Doch dann kommt eine schwäbische Kleinstadt und zeigt, dass es offenbar noch ein anderes Deutschland gibt: wo die Arbeitslosenquote so niedrig ist, dass nicht jeder Job zählt; wo wirtschaftsfreundliche Politik nicht automatisch auch eine gute Politik ist.

Der Initiator des Bürgerprotests ist Ulrich Lorch, Zahnarzt aus einer alteingesessenen Metzinger Familie, "kein Querulant". Das sagt sogar der zurückgetretene Bürgermeister. Lorch kann verstehen, dass vielen im Land das Metzinger Solo befremdlich erscheinen muss. Allerdings sei das neue Gewerbegebiet eben auch die letzte freie Fläche. Dort sollten sich lieber viele kleine Betriebe ansiedeln als ein großer. Es sei auch nicht erwiesen, dass es um 400 Arbeitsplätze geht, eher um "deutlich unter hundert".

Bei Boss ist man trotzdem "irritiert", "überrascht" und "enttäuscht", wie der für das Projekt verantwortliche Logistikdirektor Ralf Schneider erklärt. Überall werde gegen Unternehmen demonstriert, weil sie Leute vor die Tür setzen. "Wir wollen hier bleiben und expandieren und bekommen derartige Probleme."

Noch-Oberbürgermeister Hauswirth sieht das ähnlich. Deshalb reichte er auch seinen Rücktritt ein. Er sei politisch angeschlagen als Unterstützer der Boss-Erweiterung. Besorgt sei er zudem als Demokrat über die Haltung, die sich mit dem Bürgerentscheid zeige: "Die da oben machen, was sie wollen, denen zeigen wir es jetzt mal."

Immerhin: Boss wurde vor 85 Jahren in Metzingen gegründet. Die Stadt habe viel profitiert, sagt Hauswirth. Vor allem von den Gewerbesteuereinnahmen, mit denen sich Metzingen mehr leisten kann als viele andere Kommunen: schicke Sportanlagen, schöne Plätze.

Der Modekonzern will mit seiner Erweiterung nun in die Nachbarstadt Nürtingen ausweichen. Das Logistikzentrum sei elementar, sagt Boss-Mann Schneider. Um das Projekt nicht zu gefährden, habe man deshalb gleich mit einer alternativen Standortplanung auf Nummer sicher gehen wollen. Aber auch in Nürtingen gibt es bereits seit Anfang des Jahres eine Bürgerbewegung gegen den Bau.

Die Argumente sind ähnlich. Der "Landverbrauch" sei enorm hoch, sagt Achim Maier, Sprecher der Bürgerbewegung. Er sitzt auch für die Jungen Bürger Nürtingen im Gemeinderat. Das Grundstück werde an den Textilriesen quasi verschenkt. "Wenn Boss den Riesenbau nicht mehr braucht, dann steht der nur noch da rum und verschandelt die Landschaft." Die Initiative hat viele Unterstützer. Vor einigen Monaten bildeten 3000 Nürtinger eine Protestmenschenkette. Als ginge es um ein Atommüllendlager, nicht um eine Mode-Lagerhalle.

Einen Bürgerentscheid wird es in Nürtingen wohl nicht geben, der Gemeinderat lehnte ab. Die Bürgerinitiative werde dennoch nicht aufgeben, sagt Maier. Ein Normenkontrollantrag beim Verwaltungsgericht sei in Vorbereitung. Sie wollen es jetzt mal wissen.

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