AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2008
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08.09.2008
 

Ausland

"Ein Riesensprung vorwärts"

Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, 61, über die Endphase im Wahlkampf, John McCains Chancen aufs Weiße Haus und seine eigenen Ambitionen

SPIEGEL: Herr Gouverneur, Sie sollten eigentlich auf dem Parteitag der Republikaner sprechen, haben aber abgesagt. Der Cousin Ihrer Frau, Max Kennedy, scherzte deshalb, Sie hätten die Republikaner satt, Sie würden jetzt zu den Demokraten überlaufen. Ist da was dran?

Schwarzenegger: Das ist Wunschdenken der Kennedys. Ich werde nie zum Demokraten werden, nicht in diesem Leben, und schon gar nicht in meinem nächsten Leben.

SPIEGEL: Der Parteitag kann Ihnen nicht gefallen haben, denn er war eine Feier der konservativen Werte und nicht der Überparteilichkeit, wie Sie sich erhofft haben.

Schwarzenegger: Bei einem Parteitag geht es ja nie um Überparteilichkeit, dort regieren notorisch die Ideologen, wie zum Beispiel die Republikaner aus Kalifornien, die politisch ganz weit jenseits des Mainstreams stehen, weit rechts von der Mitte. Das sind genau die Leute, die den Parteitag besuchen und beherrschen. Ich sollte auf diesem Parteitag über den Kriegshelden John McCain reden. Eine Rede über eine Rückkehr zur zentristischen Politik war nicht erwünscht.

SPIEGEL: Hätten Sie Obama kritisiert?

Schwarzenegger: Nein, das ist nicht meine Art, ich hätte Obama nicht beim Namen genannt. Ich respektiere ihn als Menschen und Politiker. Wenn ich die Wahl zwischen ihm und McCain habe, würde ich mich für McCain entscheiden, das heißt aber nicht, dass Obama der Teufel auf Erden ist.

SPIEGEL: John McCain tritt nun auch für Ölbohrungen vor der US-Küste ein, er findet die Steuersenkungen der Regierung Bush gut, und er spricht sich gegen Abtreibung aus. Hat er sich den Konservativen unterworfen?

Schwarzenegger: Er hat seine Ansichten im Wahlkampf nicht plötzlich geändert. Es geht darum, dass wir heute in mancherlei Hinsicht andere Bedingungen haben als vor 20 Jahren. Wir haben zum Beispiel einen Benzinpreis von mehr als einem Dollar pro Liter, und jeder Amerikaner leidet darunter. Wir transferieren Milliarden Dollar für importiertes Öl in die Golfstaaten. Da muss sich Amerika einfach überlegen, ob es nach dem Öl bohren lässt, das wir besitzen - und 57 Prozent aller Amerikaner befürworten das.

SPIEGEL: Aber Sie lehnen Ölbohrungen ab?

Schwarzenegger: Ja, in Kalifornien. Als ich in den sechziger Jahren hierher kam, habe ich den Teer und die toten Vögel am Strand gesehen. Es heißt immer, das Bohren nach Öl sei eine überaus sichere Angelegenheit, aber dann passieren doch Unglücke, und das Meer und der Strand sind verseucht. Ich lehne Ölbohrungen vor der Küste Kaliforniens ab, aber das heißt nicht, dass wir Ölbohrungen im ganzen Land verbieten sollten. Die Entscheidung muss jedem einzelnen Bundesstaat überlassen bleiben.

SPIEGEL: Mit Sarah Palin hat John McCain eine junge, fromme, konservative Kandidatin für das Vizepräsidentenamt ausgewählt. Sie glaubt zum Beispiel, dass der Klimawandel nicht von Menschen verursacht sei. Was sagen Sie dazu?

Schwarzenegger: Nie wird man einen Kandidaten finden, mit dem man voll und ganz übereinstimmt. Das wäre ein Klon, und den gibt es nicht. Ich bin es gewohnt, mit Menschen auszukommen, die nicht meiner Meinung sind. Meine Frau Maria ist oft genug anderer Meinung als ich, und doch sind wir noch immer verheiratet.

SPIEGEL: Ist Sarah Palin eine gute Wahl?

Schwarzenegger: Für mich war sie die größte Überraschung. Vielleicht wäre ja auch Joseph Lieberman ein guter Kandidat gewesen, der als Unabhängiger im Senat sitzt. Mit ihm hätte McCain wirklich ein Zeichen für Überparteilichkeit gesetzt.

SPIEGEL: Kommt Sarah Palin bei den Frauen gut an?

Schwarzenegger: Viele Frauen idealisieren sie sicher wegen ihrer konservativen Überzeugungen, wegen ihrer fünf Kinder und wegen ihres Jobs als Gouverneurin. Aber es wird auch genug andere geben, die sie ablehnen, weil sie gegen Abtreibung eintritt. Auf dem Parteitag hat sie einen tollen Job gemacht. Sie sah gut aus, sie war unterhaltsam. Sie hat 37 Millionen Zuschauer gehabt, fast so viele wie Obama. Das bedeutet, dass McCain eine phantastische Wahl getroffen hat.

SPIEGEL: Aber sie bleibt ein Risiko für ihn.

Schwarzenegger: Man weiß nie, ob da nicht noch etwas aus ihrem Leben ausgegraben wird, das sich gegen sie wenden lässt. Ihr ganzes Leben wird jetzt ausgeleuchtet. Investigative Journalisten sind hinter ihr her, sie schauen sich ihren Vater an, die Mutter, die Lehrer, die sie unterrichtet haben, inspizieren ihre Karriere als Politikerin, der ganze Hintergrund ist unter der Lupe.

SPIEGEL: Das Risiko kann McCain nicht abschätzen, zumal er sich offenbar sehr kurzfristig für sie entschieden hat.

Schwarzenegger: Ja, wer denkt schon an alles, wer überprüft schon alles. Es genügt ja, wenn man jemanden beschäftigt, der keine Papiere hat, so etwas soll auch schon in Washington vorgekommen sein. Ich bin nie herumgegangen und habe die Leute überprüft, die im Garten arbeiten, ich habe nicht gefragt, ob sie Einwanderungspapiere besitzen. Wer macht das? Manches wird da übertrieben. Oder etwa die Schwangerschaft von Sarah Palins Tochter. Wo ist da eigentlich die Geschichte? Wen geht das etwas an?

SPIEGEL: Es geht in diesem Wahlkampf fast nur um die Biografie der Kandidaten, kaum um die politischen oder wirtschaftlichen Probleme. Ärgert Sie das?

Schwarzenegger: Ich habe immer gesagt, dass Inhalte nicht die Wahl entscheiden. Wer von den Menschen auf der Straße erinnert sich einen Tag später daran, was irgendjemand auf dem Parteitag gesagt hat? Wenn in Österreich Wahlen waren und die Kandidaten sich vorstellten, dann hat meine Mutter immer gesagt: Also, der eine war aber sehr sympathisch und glaubwürdig. Niemals hätte sie sich groß mit Themen beschäftigt. Was von einem Parteitag bleibt, sind gute Gags, die wirksamen Angriffe auf den politischen Gegner. Ich glaube nicht, dass den Leuten im Gedächtnis geblieben ist, was McCain gesagt hat.

SPIEGEL: McCain macht manchmal leichte Fehler, wie etwa, als er auf die Frage, wie viele Häuser er habe, keine Antwort wusste. Wie kann einem erfahrenen Wahlkämpfer so etwas passieren?

Schwarzenegger: Man muss aufpassen, was man sagt, und das hat McCain nicht gut gemacht. Wahrscheinlich war er müde, jedenfalls hat die Tatsache, dass ihm keine Antwort einfiel, Aufregung verursacht, aber das geht vorbei. Ich kann ihn verstehen, ich weiß ja auch nicht, welches Vermögen meine Frau Maria von ihrer Familie hat, und es interessiert mich auch nicht.

SPIEGEL: Die Sensation des Wahlkampfs ist der Aufstieg von Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ist das Land bereit für einen schwarzen Präsidenten?

Schwarzenegger: Ja natürlich, Amerika hat einen Riesensprung vorwärts gemacht. Ich finde es atemberaubend, dass ein Schwarzer die Chance besitzt, Präsident zu werden. Als ich damals nach Kalifornien kam, mussten die Schwarzen noch hinten im Bus sitzen, und in den Bars hatten sie ihre eigene Ecke. Das ist der eigentliche historische Fortschritt, dass es ein Schwarzer und eine Frau so weit geschafft haben, nicht nur Sarah Palin, sondern auch Hillary Clinton. Es gibt keine Vorbehalte mehr, sei es aus Gründen der Rasse oder des Geschlechts.

SPIEGEL: Hat Obama einen Fehler begangen, als er Joseph Biden und nicht Hillary Clinton für die Vizepräsidentschaft erkor?

Schwarzenegger: Ich glaube nicht. Wären ein Schwarzer und eine Frau gemeinsam angetreten, wäre das Risiko zu hoch gewesen. Aber unabhängig davon wäre Hillary Clinton natürlich wegen der 18 Millionen Wähler, die sie vertritt, eine gute Wahl gewesen.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, unter Obama oder McCain in die Regierung einzutreten?

Schwarzenegger: Das kann ich mir schon vorstellen, aber ich kann mir nicht vorstellen, jetzt Kalifornien zu verlassen und die Geschäfte einem Nachfolger zu überlassen. Erst muss ich mein Versprechen gegenüber Kalifornien erfüllen, dann kann ich mich mit dem Gedanken befassen, in der neuen Regierung zu arbeiten.

INTERVIEW: MARC HUJER

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