Von Udo Ludwig und Holger Stark
Es ist ein eigenartiges Poker. Abdi gibt gegenüber den Entführern vor, die Bremer hätten zwei Millionen Dollar angeboten. Dabei hat die Reederei ihre bisherige Offerte ausdrücklich nicht erhöht. Umso überraschender entwickelt sich der 1. September, zwölf Tage ist die "BBC Trinidad" in den Händen der Somalier. Die Piraten sind mit dem Angebot aus Bremen mit einem Mal einverstanden. Die Bremer rätseln, woher der Sinneswandel kommt. Haben sie Angst vor einer Befreiungsaktion durch die US-Marine? Kalkulieren sie, dass jeder weitere Tag in der Bucht von Eyl sie davon abhält, neue Schiffe zu kidnappen?
Tagelang wird über die Geldübergabe verhandelt. Abdi sagt, es gebe nur die Möglichkeit, die Scheine an Bord auszuhändigen, nur so "können wir unseren Arsch retten". Und dann spricht Abdi noch ein Problem an, ein sehr persönliches. Er sei nur Vermittler, sagt er, und er habe die Piraten von acht Millionen auf gut eine Million heruntergehandelt. "Ich habe sieben Millionen eingespart, daher habe auch ich meinen Preis." Doch die Bremer wollen mehr nicht zahlen. Sie sagen Abdi, er solle versuchen, "einen Teil des Lösegelds zu bekommen".
Stolberg wähnt sich nahe am Ziel, aber es gibt in Deutschland ungeahnte Hindernisse. Die Bremer Landesbank hat nicht genug Dollar vorrätig. Scheine aus Hamburg müssen herangeschafft werden, und weil man auch dort einen Teil der Millionensumme nur mit 20- statt 100-Dollar-Noten auszahlen kann, braucht die Reederei zwei große Pilotenkoffer, um alles zu verstauen. Über die kenianische Hauptstadt Nairobi gelangt das Geld per Helikopter auf einen kleinen Schlepper nach Mombasa. Die englische Sicherheitsfirma transportiert das Lösegeld von dort weiter nach Somalia. Nach sieben Tagen erreicht der Schlepper die "BBC Trinidad".
Donnerstagmorgen vergangener Woche machen zwei Boote an dem Beluga-Schiff fest: an einer Seite ein Schnellboot der Entführer, an der anderen Seite der Schlepper aus Mombasa. Ein Arzt checkt die Besatzung, die Piraten zählen das Geld. Martin, der Chef der Sicherheitsfirma, erkennt die Piraten wieder. Vor einigen Wochen hat er ihnen bereits eine ähnliche Summe ausgehändigt, um das deutsche Schiff "Lehmann Timber" freizubekommen. Die Piraten teilen sich das Geld, verstauen es in 18 Taschen - vermutlich, um damit 18 unterschiedliche Clans zu bedienen. Als sie von Bord gehen, kann die "BBC Trinidad" ihren Weg nach Maskat fortsetzen.
Niels Stolberg hat die Aktion einige Millionen Euro gekostet, einen Teil wird er wohl von der Versicherung zurückbekommen. Aber bereits morgen, sagt er, könnte er den gleichen Verbrechern wieder ausgeliefert sein. "Die Lage am Horn von Afrika explodiert", sagt er, die Handelsschifffahrt brauche dringend von Militärs geschützte Konvois, die die Schiffe an Somalia und Jemen vorbeiführen.
An diesem Montag wird der EU-Rat in Brüssel zumindest die überfällige "Koordinationsmission" beschließen, die den Einsatz der im Golf von Aden patrouillierenden Kriegsschiffe bündeln soll, vor allem französische und spanische Boote sind gemeint. Für Deutschland nimmt Thomas Kossendey, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, an der Sitzung teil. Kossendey weiß, dass diese Region weltweit der "Hotspot" ist, doch bislang war er einer der lautesten Gegner einer "spontanen" Rettungsmission der Bundeswehr. Denn Kossendey und sein Minister Franz Josef Jung (CDU) wollen mehr: Sie streben eine Änderung des Grundgesetzes an, das der Marine einen polizeilichen Einsatz bislang untersagt.
So konnte es geschehen, dass die deutsche Fregatte "Emden" zwar monatelang vor der Küste Somalias kreuzte, während verschiedene Frachter geentert wurden, aber nicht eingriff. Die Rechtsgrundlage sei fraglich, gab die Bundeswehr zu bedenken. Wenn die EU nun eine Operation beschließt, geht Staatssekretär Kossendey davon aus, dass sich die Deutschen ab Mitte Dezember an der konzertierten Aktion gegen die Freibeuter beteiligen werden.
Bis dahin aber könnte die Lage weiter eskalieren. Walter Lindner, der deutsche Botschafter in Kenia, kabelte schon vor einigen Wochen einen Appell nach Berlin. Mit den erbeuteten Millionen, so der Vermerk des Diplomaten, werde die stetige Aufrüstung der Seeräuber finanziert. Und allein aus Stolbergs Flotte müssen jede Woche im Schnitt zwei Schiffe die Piratenküste passieren.
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© DER SPIEGEL 38/2008
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