AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2008
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Wirtschaftspolitik Oskars wundersame Welt

2. Teil: In Lafontaines Welt ist Wirtschaft ein Nullsummenspiel.

Lafontaine tut sich ohnehin schwer, Leistungen anderer anzuerkennen, vor allem die seines Erzrivalen Altkanzler Gerhard Schröder. Dessen Agenda 2010 gilt ihm als Attentat auf den Sozialstaat, als Kapitulation vor dem Kapital. Mit der Belebung am Arbeitsmarkt habe sie nichts zu tun.

"Der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist wie überall in der Welt eine Folge des konjunkturellen Aufschwungs", doziert der Linken-Chef. Das stimmt nur zum Teil. Erstmals seit Jahrzehnten lag die Sockelarbeitslosigkeit, also jene Zahl von Arbeitslosen, die auch im Boom keinen Job bekommen, niedriger als im vorangegangenen Zyklus. Um 300.000 Personen.

Früher nahm die konjunkturell unbeeinflussbare Erwerbslosigkeit von Abschwung zu Abschwung um 800.000 Menschen zu. "Wir haben wegen der Agenda 2010 1,1 Millionen Jobs mehr, als es eine Wiederholung früherer Konjunkturmuster hätte erwarten lassen", sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts.

Lafontaine lässt das nicht gelten. "Ich kann jedem einen Ein-Euro-Job geben und dann den Sieg über die Arbeitslosigkeit erklären." So spottet er, zu Unrecht. Seit Einführung der Ein-Euro-Jobs liegt deren Zahl relativ konstant bei 300.000. Die Abnahme der Arbeitslosigkeit hat also andere Ursachen: Es entstanden vor allem reguläre Jobs, als Vollzeit- oder Teilzeitstellen.

Gern wettert der Linken-Vorsteher zudem gegen den Ausverkauf von Volkseigentum. Früher war alles besser, als Gemeinden noch eigene Stadtwerke besaßen. Strom, Wasser und Gas waren billiger. Jetzt hätten Konzerne das Sagen. "Privatisierung führt nur dazu, dass der Service schlechter wird und die Preise steigen", ruft er vom Laster. Lafontaine irrt.

Steigende Strom- und Gaskosten sind Folge einer verfehlten Liberalisierungspolitik und nicht Folge eines Eigentümerwechsels. Der Staat schaffte es nicht, für Wettbewerb zu sorgen. Vorbildlich gelang ihm das bei der Telekommunikation. Die Telefonkosten sanken auf einen Bruchteil, bei verbessertem Service. Das gelungene Beispiel verschweigt Lafontaine.

Zu großer Form läuft der selbsterklärte Weltökonom auf, wenn es um Diagnose und Therapie im globalen Rahmen geht. Als Ursache allen Übels gilt ihm die Abkehr von festen Wechselkursen Anfang der siebziger Jahre. Seitdem könnten sich Spekulanten und andere Finsterlinge an der Not kompletter Volkswirtschaften hemmungslos bereichern, klagt Lafontaine. Die Schuldigen stehen für ihn fest: "Es waren vor allen Dingen die USA, die vom System der festen Wechselkurse auf Druck der New Yorker Wall Street abgerückt sind."

Außer der Grammatik stimmt an dem Satz so gut wie nichts. Es waren die Partnerländer der USA, allen voran die Bundesrepublik, die das Festkurssystem aufkündigten. Aus Furcht vor Inflation waren sie nicht länger bereit, ständig zugunsten des schwachen Dollar zu intervenieren. Lafontaine will dennoch wieder feste Wechselkurse. "Vor zehn Jahren wollte man sich auf eine neue Architektur des Weltfinanzsystems einigen. Geschehen ist seitdem nichts." Die Erinnerung trügt. Niemand außer ihm setzte sich damals für eine Renaissance des Fixkurssystems ein. Amerikaner und Briten ließen ihn abblitzen.

Eine Forderung mit Ewigkeitscharakter in Lafontaines Arsenal ist eine Steuer auf Devisengeschäfte. Nur noch fünf Prozent des Geldes, das täglich den Erdball umkreise, finanziere Warenverkehr oder Investitionen, die restlichen 95 Prozent dienten der Spekulation. Doch auch hier liegt er falsch. Dabei machen Exporte und Investitionen nur 2,5 Prozent des täglichen Devisenumsatzes aus, aber die Exporte verursachen ein Vielfaches ihres Volumens an Devisengeschäften.

Kauft etwa ein chilenischer Autoimporteur einen Mercedes der S-Klasse, so werden seine Pesos zunächst in Dollar und erst anschließend in Euro umgetauscht. Der Grund: Es gibt kaum direkte Tauschgeschäfte zwischen chilenischer und europäischer Währung. Versucht sich der Importeur zudem vor Wechselkursrisiken zu schützen, löst er zusätzliche Devisengeschäfte aus. In Lafontaines Welt laufen diese Aktionen unter Spekulation, tatsächlich machen sie grenzüberschreitenden Warenaustausch erst möglich.

Doch davon hält er ohnehin nicht viel. Die Ausfuhr von Waren, so hat er erkannt, führt zu mehr Arbeitslosigkeit. "Wir verkaufen viel mehr Waren ins Ausland, als wir selbst Waren von anderen abkaufen. Wir exportieren Arbeitslosigkeit und importieren Beschäftigung." Das gibt Anlass zu moralischer Entrüstung. "Wir sind der Exportweltmeister, wir sündigen an dieser Stelle am meisten." Läge Lafontaine richtig, müsste die Zahl der Arbeitslosen in Ländern, mit denen Deutschland intensiv Handel treibt, merklich gestiegen sein. Das Gegenteil war der Fall: In den USA, Großbritannien und Dänemark herrschte lange nahezu Vollbeschäftigung. In der EU sank die Arbeitslosigkeit stetig.

In Lafontaines Welt ist Wirtschaft ein Nullsummenspiel. Was einer gewinnt, verliert der andere. So aber funktioniert Weltwirtschaft nicht. Amerikaner oder Russen kaufen Autos oder Werkzeugmaschinen in Deutschland, weil sie nirgends, auch zu Hause nicht, Produkte finden, die ihren Wünschen mehr entgegenkommen.

Müssten ausländische Kunden heimische Produkte kaufen, wären sie gezwungen, für gleiche Qualität mehr zu zahlen oder geringere Qualität zu akzeptieren. Beides bedeutet Wohlstandsverlust. Viel gibt es nicht, auf das sich fast alle Ökonomen einigen können. Aber der Glaube, dass der Warentausch über Ländergrenzen hinweg beiden Seiten eher nützt, gehört dazu.

Im Schnitt und auf Dauer macht Welthandel alle Beteiligten wohlhabender. Die Menschen können sich mehr leisten, das senkt die Arbeitslosigkeit weltweit.

Der gelernte Physiker Lafontaine teilt diese Meinung nicht. Oder nur manchmal. Dann sagt er etwa: "Deutschland ist als Exportweltmeister der größte Nutznießer der Globalisierung." Was denn nun? Sünder oder Nutznießer? Gelegentlich scheint er sich in seiner Welt selbst nicht mehr zurechtzufinden.

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insgesamt 404 Beiträge
donl 15.09.2008
Treffender geht es nicht!
Treffender geht es nicht!
MichaelFischer 15.09.2008
Fragt sich nur, wer hier Halbwahrheiten verbreitet? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,578251,00.html Habe zufällig auch die letzte -hart aber fair- Sendung gesehen. Dort sagte Lafontaine, dass sie dort nicht offiziell [...]
Fragt sich nur, wer hier Halbwahrheiten verbreitet? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,578251,00.html Habe zufällig auch die letzte -hart aber fair- Sendung gesehen. Dort sagte Lafontaine, dass sie dort nicht offiziell studiert hat, aber wohl doch als so eine Art Austauschstudentin dort war. Was wohl auch stimmt, da sie dort im Rahmen eines Jugendaustausches mit Physikstudenten Seminare besucht hat. Lernte dort wohl auch ihren Mann kennen. Dafür hätte schon eine einfache Recherche im Internet, mit den Stichworten Merkel Biografie gereicht. Sieht so seriöser, investigativer Journalismus des SpOn aus ? Auf den Rest, brauch man erst gar nicht einzugehen, da wir ja all zu Genüge wissen, dass die Konservativen was von Wirtschaft verstehen und auf diesem Gebiet die Weisheit mit Löffeln ge........... haben. Über 1,5 Billionen Staatsschulden, kollabierende Wirtschaften und Banken, Pvatisierungen ohne Sinn und Verstand, wodurch alles billiger wen sollte, angezettelte Kriege, Förderung der Rüstungsindustrie, Unterstützung der Neoliberalen über die EU usw. und auf der anderen Seite verarmende Mittelschichten, Mittelstand und Rentner. Das Einzige was unter den Konservativen richtig boomt sind Working-Poor und Suppenküchen.
dbalzert 15.09.2008
Na endlich mal ein Artikel im Spiegel, der die Linke nicht entweder mit "Vorsicht Kommunismus" verteuflet oder mit "Heilsbringer" verklaert, sondern darauf hinweist, dass L. nicht anderes als ein grossartiger [...]
Na endlich mal ein Artikel im Spiegel, der die Linke nicht entweder mit "Vorsicht Kommunismus" verteuflet oder mit "Heilsbringer" verklaert, sondern darauf hinweist, dass L. nicht anderes als ein grossartiger Populist ist, der den Menschen verspricht, was sie hoeren wollen und - falls er jemals die Chance haette, es umzusetzen (Gott bewahre), wie letztes Mal auch - weg rennen wird. Auseinandersetzung mit den Linken kann nur auf Basis von Zahlen passieren und so lange sie kein Parteiprogram haben mit klaren Aussagen, kann man sie sowieso nicht ernst nehmen.
Sentinel2150 15.09.2008
Genau: keine einzige. Ob CDU, SPD, FDP etc. überall wird doch gelogen, dass sich die Balken biegen. Aber über die Linke wird sich aufgeregt soso.
Genau: keine einzige. Ob CDU, SPD, FDP etc. überall wird doch gelogen, dass sich die Balken biegen. Aber über die Linke wird sich aufgeregt soso.
tauschspiegel 15.09.2008
schön das mit der Märchenstunde mag stimmen - aber wie sieht es mit den anderen Ökonomen aus? Keiner kommt da über Halbwahrheiten, Trugschlüssen und Irreführungen hinaus - Vorhersagen werden quasi um Wochentakt revidiert, [...]
Zitat von sysopMit einer Mischung aus ökonomischen Halbwahrheiten, Trugschlüssen und Irreführungen treibt Linken-Chef Lafontaine die Konkurrenz vor sich her. Seine Thesen sind höchst angreifbar. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,578251,00.html
schön das mit der Märchenstunde mag stimmen - aber wie sieht es mit den anderen Ökonomen aus? Keiner kommt da über Halbwahrheiten, Trugschlüssen und Irreführungen hinaus - Vorhersagen werden quasi um Wochentakt revidiert, Krisenherde nicht erkannt, ein sg. Wirtschaftswachstum propagiert, das aber nie beim Verbraucher ankommt - im Gegenteil. Es ist eher peinlich, dass der SPIEGEL in letzter Zeit höchst einseitig Prädikate verteilt, die so ziemlich allen zustehen. Fakt ist, dass die Kluft zwischen arm und reich beständig zunimmt, Fakt ist, dass der Steuerzahler nunmehr schon für Pleiten von Kreditinstituten aufkommen muss und so letztendlich auch noch die Abzockerei an der Börse finanziert. Das sind in der Tat märchenhafte Zustände...
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