Von Cathrin Gilbert
Marcelo Bordon ist ein Bär von einem Mann, ein Kraftpaket, im Fußball nennen sie einen wie ihn einen Abwehrhünen. Er sitzt im Vereinsrestaurant seines Bundesligaclubs Schalke 04, mit seinem gegelten Haar, seinem muskulösen Oberkörper und seinen Tattoos würde er auch als Gefängniswärter in New Jersey eine gute Figur machen. Er spricht mit sanfter Stimme, über die Liebe, die ihm helfe, wenn er in Not sei, und über ihn, der immer da sei, seit er ihn hineinließ in sein Leben.
Bordon spricht über den Heiligen Geist. Der Brasilianer aus Ribeirão Preto, der 1999 nach Deutschland kam, ist ein "Evangélico", ein evangelikaler Christ. Mitglied ist er bei einer pfingstlerisch-charismatischen Kirche. Strenge Bibeltreue und eine "persönliche Beziehung zu Gott" kennzeichneten die Anhänger seiner Glaubensrichtung. Dies sei die einzig wahre Kirche Jesu, sagt er. Zwischen seine Schultern hat Marcelo Bordon, 32, sich ein exponiertes Tattoo stechen lassen, in Schnörkelschrift steht dort: "Jesus ist meine Kraft".
Ihr sollt Gottes Soldaten sein, das lehre die Bibel, sagt er bei einem Glas Apfelschorle.
Schätzungsweise 35 Millionen Brasilianer sind Soldaten Gottes, fast jeder fünfte Einwohner ist Evangélico. Jedes Jahr kommen zwei Millionen dazu, 70 Prozent davon gehören wie Bordon zu den pfingstlerisch-charismatischen Gemeinden.
Vor 40 Jahren bestand Brasilien noch zu mehr als 90 Prozent aus Katholiken. Seit die Evangelikalen nicht mehr vorrangig Bedürftige bekehren und weil sie predigen, dass Wohlstand und Konsum Zeichen des rechten Glaubens seien, fühlen sich verstärkt Künstler, Politiker und besserverdienende Sportler von ihnen angesprochen. Fußballer, Brasiliens Exportschlager, tragen den Glauben in die Welt.
Früher waren es die Leverkusener Jorginho und Paulo Sérgio, die Mitspieler öffentlichkeitswirksam zum Bibelkreis einluden, dann posierten Spieler wie die heutigen Münchner Zé Roberto und Lúcio oder der Stuttgarter Cacau beim Jubel nach jedem Bundesligator mit Aufschriften wie "Jesus liebt dich" auf weißen T-Shirts. Wie aufgezogene Puppen rissen sie sich mechanisch das darüber getragene Mannschaftstrikot über den Kopf.
Inzwischen hat der Weltverband Fifa religiöse und politische Botschaften verboten, die Evangélicos jubeln nun unauffälliger, leiser. Mittelfeldspieler Gilberto, der bis Januar bei Hertha BSC in Berlin spielte, betet jetzt in London bei Tottenham Hotspur, Nationalspieler Edmílson im spanischen Villarreal, Cris in Lyon, Luisão in Lissabon, der Weltstar Kaká in Mailand.
Sie missionieren mit Hilfe des brasilianischen Goldes, des Spiels mit dem Ball, der die Völker verbindet. Aus der Sicht der Gemeinden ist das eine gute Marketingstrategie.
Die Kirchen der pfingstlerisch-charismatischen Bewegung, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den USA nach Brasilien geschwappt, nennen sich Assembléias de Deus (Versammlungen Gottes), Renascer em Cristo (Wiedergeburt in Christus) oder Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche vom Reich Gottes), manche haben sich in mehr als 70 Länder ausgebreitet. Allen Mitgliedern gemeinsam ist der Glaube, dass Jesus in Gestalt des Heiligen Geistes in sie gefahren sei.
Der Schalker Mannschaftskapitän Bordon hat sich mit den anderen Evangélicos aus der Bundesliga und rund hundert aus Brasilien stammenden Sportlern organisiert. Sie nennen sich Atletas de Cristo und haben eine Mission: die Bekehrung der Welt zum Christentum. So steht es auch auf ihrer Internet-Seite. Sooft es der Spielplan zulässt, trifft sich Bordon mit seinen Brüdern zum Gottesdienst.
Im Trainingslager lud er auch den Schalker Manager Andreas Müller, einen Mormonen, zum Bibelkreis ein. Missionieren ist Teil der Verpflichtung, die Bordon eingegangen ist, als er als Athlet Christi nach Europa wechselte. "Gott wollte, dass ich nach Deutschland komme, um sein Wort zu verbreiten", sagt er.
Einmal gab es Ärger mit dem Teamkameraden Frank Rost. Der Torwart, heute beim Hamburger SV, erzählte, der Kapitän habe Stimmung gegen ihn gemacht, weil er nicht mit ihm habe beten wollen. Gegenüber Trainer und Manager habe Bordon behauptet, er, Rost, bringe ihn durcheinander, er sei vom Teufel besessen.
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© DER SPIEGEL 38/2008
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