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Ausgabe 38/2008
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Fussball Gottes Kicker

3. Teil: In Stuttgart beten sie in schmucklosen Konferenzräumen

Das Gründerehepaar der Renascer-em-Cristo-Kirche, Estevam und Sônia Hernandes, nahm die US-Polizei vor eineinhalb Jahren mit 56.000 Dollar fest. Das Geld wollten die Eheleute ins Land schmuggeln, sie wurden deswegen zu fünf Monaten Haft verurteilt. In Brasilien wirft man ihnen unter anderem Geldwäsche vor. Die Staatsanwaltschaft São Paulos schaltete auch die italienische Justiz ein, um zu ermitteln, in welchem finanziellen Verhältnis Kaká zu den Predigern steht, deren Privatvermögen auf 52 Millionen Euro geschätzt wird. Kaká soll die Eheleute Hernandes auch häufig in ihrer Privatvilla in São Paulo besucht haben. Die Trophäe, mit der er im Dezember zum besten Fußballer der Welt ausgezeichnet wurde, hat Kaká während einer Massenversammlung der Kirche gestiftet. Sie steht im Haupthaus in São Paulo, in dem Kaká 2005 geheiratet hat. Auf der Gästeliste standen auch der Ex-Nationalspieler Ronaldo und Bayern Münchens Zé Roberto. Trauzeugen waren die Kinder des Ehepaars Hernandes.

Kaká zeigte sich von den Vorgängen an der Spitze seiner Kirche unbeeindruckt. "Ich habe nie auch nur einen Moment an ihrer Ehrlichkeit und Integrität gezweifelt", sagte er noch nach dem Urteil gegen die Eheleute.

Marcelo Bordon hat von alldem gehört. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Ihm sei wichtig, dass seine Mitspieler den Weg zum Herrn finden.

Der Bayern-Profi Lúcio zum Beispiel macht seinen Weg anschaulich. Sein Lebensmotto "Jesus loves you" hat er auf seinen Dienst-Audi geklebt. Die Bayern-Verantwortlichen um Manager Uli Hoeneß stört das nicht. Für sie sind die Brasilianer Vorzeigeprofis. Sie verlassen keine Mannschaftsweihnachtsfeier frühzeitig für eine Disco-Sause, sie führen ein intaktes Familienleben und betrinken sich nicht beim Oktoberfest.

In Brasilien haben Evangélicos sogar ein kleines Medienimperium aufgebaut. 1989 kaufte die Universalkirche vom Reich Gottes das Fernseh- und Radionetz Record für umgerechnet 43 Millionen Euro. Inzwischen unterhält sie rund 60 Radiostationen, einen Zeitungs- und Buchverlag sowie eine Plattenfirma für Gospelmusik.

TV Record berichtet regelmäßig von Gebetszeremonien. Starmoderatoren wurden von Konkurrenzsendern abgeworben, namhafte Drehbuchautoren versorgen den Sender mit christlichen Telenovelas - "Sturm der Liebe" für Erweckte. Heute

ist TV Record der zweitgrößte Fernsehsender Brasiliens, eine Art pfingstlerisch-charismatisches CNN auf Spanisch und Englisch ist geplant - so könne das Evangelium "an allen Ecken und Enden der Erde gepredigt werden", sagt Edir Macedo Bezerra, Gründer der Universalkirche.

Bis dieses Netz die Welt umspannt, wird noch in Turnhallen gebetet oder in schmucklosen Konferenzräumen wie an diesem Sonntagnachmittag im ersten Stock eines Bürogebäudes in Stuttgart-Zuffenhausen. Dort ist die Brasilianisch Christliche Gospel-Gemeinde zusammengekommen. Die Sonne scheint durch die riesige Fensterfront, ein paar Kerzen zur Dekoration, ein Schlagzeug auf der Bühne, der Parkettboden ist frisch gefeudelt. Hundert Gläubige sind gekommen, am Rednerpult steht ein Mann mit silbernem Brillengestell und feinkariertem Businesshemd. Es ist Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva, genannt Cacau, seit fünf Jahren Stürmer beim Bundesligisten VfB Stuttgart.

Die Fußballer sind die Stars in den deutschen pfingstkirchlichen Gemeinden. Nach kurzen Begrüßungsworten auf Portugiesisch, die von einer Dolmetscherin für die deutschen Gäste übersetzt werden, fordert Cacau, 27, die Leute auf, sich gegenseitig zu umarmen. Gesang, Tanzen, Klatschen. Danach spricht der Profi mit ruhiger Stimme das Gebet. Die Gemeinde schluchzt, die Gläubigen pressen die Hände vor die Augen oder reißen die Arme hoch. "Im Namen des Herrn, halleluja!"

Binnen zehn Minuten ist aus Cacau, dem schüchternen Fußballprofi, der Dirigent einer Emotionsshow geworden.

Mit 13 Jahren, sagt der Torjäger später, sei er zum Club Palmeiras in São Paulo gekommen, doch als ein neuer Trainer kam, wurde er ausgemustert. Sein Selbstvertrauen schwand. Zu jener Zeit sei sein Bruder zu Besuch gekommen, sagt Cacau, jener Bruder, der nichts mehr liebte als Bars und Discotheken. "Er wirkte auf einmal so verändert. So erwachsen, besonnen. Er erzählte mir, dass sein Verhalten mit Jesus zusammenhänge. Er nahm mich mit zu den Andachten. Bis dahin dachte ich, Fußball sei der Sinn meines Lebens."

Cacau sagt, er habe Jesus als Retter an seiner Seite akzeptiert. Das erzählt er freimütig und gern, aber er bemüht sich nicht, seine Glaubenslehre im Mannschaftskreis zu verbreiten. Nicht weil er sich schämen würde. Er will einfach niemanden bedrängen.

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