SPIEGEL: Können Sie gut Gesichter lesen?
Anand: In der Regel sieht das Gesicht des Gegners völlig gelassen aus, teilnahmslos. Eine Ausnahme war Garri Kasparow, gegen den ich 1995 in New York um die Weltmeisterschaft spielte. Er war ein offenes Buch. Was ich mache, ist: Ich höre auf den Atem.
SPIEGEL: Sie lauschen, wie der Gegner Luft holt?
Anand: Ob jemand tief atmet oder flach, ob er schnell atmet oder langsam - das verrät viel über den Grad seiner Erregung. Bei einem Duell, das einen Monat dauert, kann schon ein Räuspern von großer Bedeutung sein. Auch Hintergrundwissen ist wichtig: Hat der Gegner Streit mit seiner Frau? Wenn er mit privaten Dingen beschäftigt ist, konzentriert er sich vielleicht nicht so sehr.
SPIEGEL: Arbeiten Sie mit Psycho-Tricks?
Anand: Nein.
SPIEGEL: Was macht Sie unruhig?
Anand: Zu merken, dass mein Gegner die Partie dreht. Manchmal ist es beinahe wie eine Befreiung, wenn ich dann endlich verloren habe. Dann denke ich mir: Okay, der Punkt ist weg, morgen spielst du wieder gut. Man muss bei einer Weltmeisterschaft aufpassen, dass man nicht in Panik gerät. Es beschäftigt einen bereits, wenn man den Gegner beim Frühstück sieht. Wirkt er locker? Angespannt? Man ist auf seltsame Art wie besessen. Kramnik und ich werden in Bonn im selben Hotel wohnen, aber in gegenüberliegenden Flügeln. Eigentlich mögen wir uns, aber es wird eine Weile dauern, bis wir überhaupt ein Wort miteinander reden.
SPIEGEL: Können Sie während solcher Turniere abends abschalten?
Anand: Es ist schwer, zu entspannen, ohne Schuldgefühle zu haben. Ich frage mich dann: Sollte ich nicht noch arbeiten? Aber man muss relaxen, sonst kann man nicht mehr gut spielen. Erfahrung hilft, die richtige Balance zu finden. Ich sehe mir gern alte Hitchcock-Filme an, um dem Kopf eine Pause zu gönnen.
SPIEGEL: Ihr Spitzname lautet "Der Tiger von Madras". Sie gelten aber nicht gerade als Raubtier am Brett. Haben jene Experten recht, die meinen, Ihnen fehle der Killerinstinkt?
Anand: Das mit dem Tiger hat sich ein Journalist ausgedacht, wahrscheinlich ist ihm kein anderes Tier aus Indien eingefallen. Für gewöhnlich vermeide ich Konflikte, und ich bin tatsächlich kein Killer wie Kasparow. Das ist nicht mein Stil. Ich pflege mich in friedlicher Umgebung zu bewegen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Werte sehr wichtig sind.
SPIEGEL: Sie sind Brahmane, gehören zur obersten Kaste der Hindus. Sie haben das Schachspiel von Ihrer Mutter gelernt, als Sie sechs Jahre alt waren. Im Gegensatz zu den russischen Wunderkindern wurden Sie nicht systematisch ausgebildet. Wären Sie gern auf ein Schachinternat gegangen?
Anand: Nein, das hätte mir nicht viel gebracht. Mir hätte der Spaß gefehlt. Ich musste mir die Erlaubnis zum Schachspielen durch gute Schulnoten verdienen. Manchmal habe ich mich daher einen Monat lang nicht um Schach kümmern können, danach aber hatte ich richtig Lust, und ich habe mich gefreut, wenn ich Turniere spielen durfte. Das hat mich geprägt. Nach dem Abitur habe ich Betriebswirtschaft studiert, weil ich Angst hatte, ein Schachverrückter zu werden.
SPIEGEL: Der Amerikaner Bobby Fischer, der Anfang des Jahres gestorben ist, war ein Schachverrückter, paranoid, menschenfeindlich. Sie haben sich mit dem Genie vor zweieinhalb Jahren in Island getroffen, wo er im Exil wohnte. Wie kam es dazu?
Anand: Ich habe ein Turnier in Reykjavik gespielt, als mich der isländische Großmeister Helgi Olafsson ansprach: ob ich Lust hätte, Bobby Fischer zu treffen. Olafsson holte ihn dann in seinem Apartment ab, ich sollte unten im Auto warten. Fischer wollte wohl vermeiden, dass ich weiß, welche Wohnung seine ist.
SPIEGEL: Worüber haben Sie dann mit ihm gesprochen?
Anand: Fischer erzählte, wie er manchmal mit dem Bus durch Reykjavik fährt, um sich die Stadt anzusehen. Und er beklagte sich, dass er in Island keinen indischen Balsam bekam. Plötzlich wollte er zu McDonald's. Da saß also diese Legende der Schachwelt und fragte: "Mögen Sie eigentlich Ketchup?"
SPIEGEL: Haben Sie nicht über Schach geredet?
Anand: Doch, selbstverständlich. Wir standen in einem Park, da zog Bobby ein altes Steckschachspiel aus der Tasche, und wir analysierten ein paar Partien zwischen Anatolij Karpow und Wiktor Kortschnoi aus dem Jahr 1974. Er wollte mir beweisen, dass alle WM-Partien seit seinem Sieg abgesprochen waren. Er hat mich aber nicht überzeugt.
SPIEGEL: Warum wollte sich Fischer gerade mit Ihnen treffen?
Anand: Er fühlte wohl eine Verwandtschaft. Wir kommen beide aus Ländern, in denen Schach nicht populär gewesen war, bis wir kamen. Und ich bin kein Russe. Fischer fühlte sich früher von den Sowjets verfolgt, und es gibt Hinweise, dass einige sowjetische Großmeister tatsächlich gemeinsam gegen ihn gearbeitet haben.
SPIEGEL: Fischer propagierte eine neue Variante des Spiels, das sogenannte Fischer Random Chess: Er wollte, dass die Startposition der Hauptfiguren auf der Grundreihe vor jeder Partie ausgelost wird. Wäre das nicht das kreativere Schach?
Anand: Ich halte nichts von einer solchen Zufallsanordnung der Figuren. Das ist etwas für Leute, die vielleicht früher mal aktiv gespielt haben und nun wenig Zeit haben. Sie wollen keine Eröffnungstheorie lernen. Das Eröffnungswissen gehört beim ernsthaften Schach aber dazu.
SPIEGEL: Manche Top-Spieler sind im Laufe ihrer Karriere verrückt geworden, auch der Österreicher Wilhelm Steinitz, der erste allgemein anerkannte Weltmeister. Ist das ein Berufsrisiko?
Anand: Man braucht ein Leben abseits des Schachs, dann besteht keine Gefahr. Man muss sich andere Interessen bewahren. Wirklich krank wurden nicht so viele. Nur werden diese Fälle gleich einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bestimmt gibt es ebenso viele verrückte Ärzte oder Busfahrer.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 38 Jahre alt, als Schachprofi also kurz vor der Rente. Wie lange wollen Sie noch spielen?
Anand: Solange ich noch in der Elite mitspielen kann. Im Moment fühle ich mich prächtig, meine besten Jahre waren die letzten drei. Aber es ist schon richtig, die Spitzenspieler werden immer jünger.
SPIEGEL: Für Furore sorgte zuletzt der Norweger Magnus Carlsen. Er ist 17 und war Anfang des Monats nach inoffiziellen Berechnungen fünf Tage lang die Nummer eins der Weltrangliste. Wie gut ist er?
Anand: Er wird früher oder später Weltmeister werden. Ich mag ihn. Er liebt Monty Python, genau wie ich.
SPIEGEL: Angeblich ist er bei der WM gegen Kramnik Ihr Sekundant.
Anand: Ein Gerücht, ich habe auch davon gehört. Vielleicht ist ja etwas Wahres dran. Vielleicht auch nicht. Lassen wir Kramnik im Ungewissen, soll er sich ruhig damit beschäftigen, das gehört zum Psycho-Spiel vor so einem Turnier. Wenn du weißt, wer zum Team des Gegners gehört, ahnst du, was er plant. Also verrate ich nichts.
SPIEGEL: Herr Anand, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Ansbert Kneip und Maik Großekathöfer.
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Die Partie ist echt müde. Der Computer sieht Weiß leicht vorn, vermutlich wg. des Freibauern, aber für einen Sieg reicht das nicht. Doch vielleicht macht A. ja noch einen Fehler -- zuzutrauen wär's ihm. :) mehr...
Sieht für meine Laienaugen auch remisig aus. Anand will wohl nicht mehr erreichen, aber T. wird bestimmt nochmal versuchen, Gas zu geben. mehr...
Wird wohl remis! Wenn der T. nicht auf mich hört!:) mehr...
Tja, Topi denkt anders. h4 kam auch nicht. :) mehr...
16. Bauer auf f4 - Attacke!:-) mehr...
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