Von Christian Wüst
Der Rollerproduzent Piaggio in Pontedera bei Pisa ist Europas größter Motorradhersteller. Hier wurde einst die Vespa erfunden. Von hier erwartet die Branche stets entscheidende Impulse.
Die jüngste Initiative der toskanischen Ingenieure allerdings gab der Fachwelt zunächst Rätsel auf: Piaggio setzt seit nunmehr zwei Jahren mitunter auf einen unkonventionellen Rollertyp. Er hat drei Räder; zwei davon sind vorn parallel montiert, erlauben aber dank einer gelenkigen Achsmechanik auch Schräglagen. Das funktioniert eindrucksvoll, sorgt für kürzere Bremswege und mehr Kurvenstabilität - bislang aber für keinen nennenswerten Markterfolg.
Nun kommt eine neue Variante des Dreirads. Sie heißt MP3 LT und wird nicht als Motorrad, sondern als mehrspuriges Automobil zugelassen - mit leicht verbreiterter Spur und einer Pedalbremse, die auf alle Räder wirkt. Ein solcher Roller darf auch ohne Motorradführerschein gefahren werden. Es reicht die Auto-Lizenz.
Rechtlich einwandfrei
Der listige Schlenker um das Regelwerk behördlicher Ausbildungsvorschriften hat die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände prompt in Alarmbereitschaft versetzt. Deren Vorsitzender Gerhard von Bressensdorf hat den MP3 LT schon Probe gefahren. Er beurteilt ihn als "physikalisch einwandfrei". Auch rechtlich sei gegen das Gefährt "nichts einzuwenden".
Leider.
"Ich halte das für absolut ungut", murrt der Oberfahrlehrer. Charakteristik und Fahrleistungen seien "die eines typischen Motorrads".
Dem wird Piaggio nicht widersprechen. Der Hersteller wirbt sogar mit der Botschaft "Zweiradfeeling mit dem Autoführerschein ohne Hubraumbegrenzung!" Geht's frecher?
"Wir wollen auf keinen Fall eine falsche Botschaft senden", beteuert Angelo Mazzone, Geschäftsführer der Piaggio Deutschland GmbH. Er klingt dabei etwa so leutselig wie ein Spielhöllenpate, der dem Wachtmeister versichert, im Prinzip gemeinnützig tätig zu sein. Und es fällt schwer, kein Verständnis aufzubringen.
Die deutsche Fahrausbildung setzt einen fragwürdigen Spitzenstandard internationaler Auto-Didaktik, und die Motorradschulung ist die härteste Nuss. Anfang der Achtziger, als der Zweiradmarkt boomte, drückten die Fahrlehrerverbände eine Prüfordnung mit Geschicklichkeitsübungen durch, die an Kunstturnen gemahnen. Bei einer Demonstrationsfahrt ging der damalige Verbandschef Gebhard Heiler in der Disziplin "Bremsen in Schräglage" samt seiner schweren BMW zu Boden. Gelockert wurde das Programm kaum.
Solch beinharte Lobbyarbeit wirkt bis heute fort - in Form einer teuren Schulpflicht, die sich zudem als resistent gegen EU-Vereinheitlichungen erweist. Ein Motorradführerschein kostet in Deutschland schnell 2000 Euro, in anderen europäischen Ländern nur einen Bruchteil davon.
Rollerabsatz boomt
In Frankreich, Spanien und Italien dürfen Motorräder mit Hubräumen bis 125 Kubikzentimeter ohnehin mit dem Autoführerschein gefahren werden, darunter sehr brauchbare Roller mit Spitzengeschwindigkeiten von über 100 km/h. In Deutschland wird das nur Autofahrern gestattet, die ihren Führerschein vor dem April 1980 gemacht haben, als die Verschärfungen einsetzten - Kunden also, die heute mindestens 46 Jahre alt sind.
Ob sich die fahrpädagogische Knute segensreich auf das Unfallgeschehen auswirkt, ist schwer belegbar. Nachweisen lässt sich hingegen, dass Deutschland nach ihrem Inkrafttreten seine Rolle als führender Zweiradmarkt Europas verloren hat. Große Motorräder sind inzwischen ein reiner Seniorenspaß, während der Rollerabsatz boomt - allerdings vorwiegend in Italien, Spanien, Frankreich und sogar im regenreichen Großbritannien.
Nicht mit der Vespa vergleichbar
Hierzulande leiden längst auch die Fahrschulen unter den Folgen ihres eigenen Lobby-Erfolgs. Die Zahl der Führerscheinbewerber für Motorräder sinkt rapide. Dass die Industrie da nach Auswegen sucht, ist nur logisch.
So zeugt der amtlich als Auto firmierende Piaggio-Roller allemal von ingeniöser Bereitschaft zur Problemlösung, wenngleich die Kollateralschäden des Manövers gut sichtbar sind. In ästhetischer Hinsicht ist das knotige Gefährt vom Liebreiz einer Vespa so weit entfernt, dass sich jeglicher Vergleich verbietet.
Zudem macht die aufwendige Technik den Umweg um die Fahrschule sehr teuer. Piaggio verlangt für das 250er Einstiegsmodell 6850 Euro. Damit liegt das Dreirad um mehr als 2600 Euro über den günstigsten konventionellen Piaggio-Rollern mit gleicher Motorisierung. Das Geld würde noch für einen Motorradführerschein nach zwei versiebten Prüfungen reichen.
Doch darum geht es gar nicht, meint Mazzone. Der MP3-Roller sei eher für etablierte Leute konzipiert, die schon lange Auto fahren und nun ein Zweitfahrzeug für die Stadt suchen: "Die haben genug Geld, aber keine Zeit und keine Lust, noch einmal mit 18-Jährigen in die Fahrschule zu gehen."
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