AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008
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20.10.2008
 

Pop

Die Schöne und das Biest

Von Philipp Oehmke

Als Sängerin dichtet sie über ihre angeblich dreißig Liebhaber. Als First Lady erfindet sie das Amt gleich mal neu. Wer glaubt, das alles könnte ein bisschen viel sein für Carla Bruni, muss sie nur zu Hause besuchen.

Sie mag keine Orchideen, hat ihr Manager am Tag zuvor noch durchgegeben. Sonst aber liebt Carla Bruni alle weißen Blumen, Rosen, Lilien, Dahlien vielleicht auch.

Mit solchem Wissen steht man nun in einem Blumenladen in Paris, 16. Arrondissement, etwas westlich vom Eiffelturm. Hier sehen die Frauen noch aus wie Pariserinnen, es gibt weiße Stadtvillen mit heruntergelassenen Jalousien, und für eine Dreizimmerwohnung kann man 8000 Euro Miete ausgeben.

Die Bestellung "einen Strauß für die Präsidentengattin bitte" versteht der algerische Blumenhändler metaphorisch, lacht und bindet einen Strauß mit vielen weißen Rosen. Er steckt ein paar pinkfarbene dazwischen sowie grüne Gräserbüschel.

Wie teuer muss so ein Strauß eigentlich sein? Was soll ein Blumenstrauß für eine Frau kosten, die ein Topmodel war, jetzt Sängerin ist, die den französischen Präsidenten geheiratet hat und gesagt haben soll, sie liebe Männer, die die Macht haben, den Atomknopf zu drücken? Eine Frau, die mit Mick Jagger zusammen war! 50 Euro? Besser 100 oder gleich 250?

Der Blumenhändler sagt: "67,90 Euro."

Das Stadthaus, das Carla Bruni seit fünf Jahren mietet, steht nur ein paar Straßen weiter am Ende einer schmalen Kopfsteinpflaster-Sackgasse. Die Mauer, die das Haus umgibt, ist nicht sehr hoch, ein Sicherheitsbeamter in Zivil wacht neben einer hölzernen Pforte, ein weiterer sitzt in einem Citroën. Flughafenkontrollen wirken einschüchternder.

Durch die Pforte geht es in einen kleinen Garten. Eine Gärtnerin versucht, einen verdorrten Ast von einer Palme zu schneiden, und gleich hinter der Palme, durch die Wohnzimmerfenster, kann man Carla Bruni sehen. Sie sitzt mit angezogenen Beinen auf einem Couchtisch, spricht mit zwei Männern, die wie Schüler auf dem Sofa kauern. Ein Junge wirft ein Spielzeugauto durchs Zimmer. Carla Bruni winkt durch die Wohnzimmerscheiben in den Garten. Zwischen ihren Finger steckt eine dünne Zigarette. Soll das nun Frankreichs Première Dame sein? Oder ist das doch eher die Sängerin Carla Bruni?

Es ist diese Verwirrung, die Frankreich seit bald einem Jahr in Atem hält. Vor drei Monaten hat Carla Bruni eine CD veröffentlicht, ihre dritte, und hat sie ausgerechnet "Comme si de rien n'était" genannt. Das bedeutet "Als wäre nichts gewesen" und kann ja nur als Witz gemeint sein: Im Februar hat Carla Bruni den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy geheiratet, den sie keine drei Monate vorher kennengelernt hatte; schon im März hat sie ihren neuen Gatten bei einem Staatsbesuch in England wie einen kleinen hyperaktiven Jungen aussehen lassen; im April wurde ein Nacktfoto von ihr für knapp 60 000 Euro an einen Chinesen versteigert.

Als dann im Juli ihre CD erschien, teilte Bruni der Welt in ihren Liedtexten mit, dass sie "dreißig Liebhaber" gehabt habe und dass ihr Lover für sie sei wie eine Droge, "gefährlicher als kolumbianischer Schnee", also Kokain: eine Zeile, die den damaligen Außenminister Kolumbiens zu einer Beschwerde veranlasste.

All dies sind Zumutungen für den Ehemann, doch Sarkozy, der wenig Toleranz kennt, wenn es darum geht, einen afrikanischen Autoknacker aus den Banlieues festzusetzen, scheint für diese Verwicklungen nur Wohlwollen übrig zu haben.

Er weiß allerdings auch, dass es bei sinkenden Umfragewerten seine neue Gattin war, die die Menschen an ihm noch am erfreulichsten fanden; dass da plötzlich eine Tochter aus bestem italienischen Hause an seiner Seite auftrat, die seine Stillosigkeiten (SMS checken bei Papstaudienz, Händchenhalten bei der Queen) austarieren konnte. Ob als Topmodel, als leidlich begabte Sängerin oder als Sarkozys gute Fee: Carla Bruni segelt wie ein leichtes Herbstblatt überall mühelos nach oben.

Das Wohnzimmer betritt nun ein jüngerer Mann, der an den Drogenrocker Pete Doherty erinnert, spitze Lederstiefeletten, die schwarze Jeans eng wie eine Strumpfhose, Lederjacke, nicht sehr gekämmte Haare. Er behauptet, Brunis persönlicher Assistent zu sein, er heiße Franck. Er bittet in die Küche, bietet einen Espresso an, doch bevor er die Maschine zum Laufen bringt, steht auch schon Carla Bruni da. Man hat sie gar nicht kommen hören. Sie sieht erstaunlich bieder aus, hoch sitzende Hose, Kaschmirpullover, flache, lange Schuhe.

Gut möglich, dass die Stehlampe in Brunis Wohnzimmer gar nicht funktioniert

"Entschuldigen Sie, ich weiß, es ist chaotisch hier. Mittwochs ist es schwierig für mich zu arbeiten, weil die Schulen nachmittags frei haben. Das heißt, Aurélien, mein Sohn, rennt hier raus und rein, und manchmal muss ich mich um ihn kümmern. In zehn Minuten geht es los." Zeit genug, sich umzusehen.

Carla Brunis Küche: Landhausstil, nicht übermäßig groß, keine freistehenden Kochblöcke von Bulthaup. Man kann den Eindruck haben, es sieht ein bisschen unordentlich aus. Auf der mit weißem Leder bezogenen Sitzecke liegt ein kleines Polizeiauto, dem ein Vorderrad fehlt, auf der Ablage daneben Kinderzeichnungen. Bruni lebt hier mit Aurélien, sieben Jahre alt, aus Brunis Beziehung mit dem Philosophen Raphaël Enthoven, der sich von ihr vergangenen Sommer getrennt hat.

Jetzt wohnt hier Sarkozy. Zumindest unter der Woche. Am Wochenende ziehen Carla und er manchmal in den Elysée-Palast, weil es dann dort schön ruhig ist, Sarkozys Söhne sind manchmal da und natürlich Aurélien: eine präsidiale Patchworkfamilie, deren Verwicklungen, zum Beispiel mit den jeweiligen Ex-Partnern, bislang 76 Bücher produziert hat.

"Soll Nicolas sich selbst belügen, die Welt belügen, ein Doppelleben führen? Für solch eine Lebenslüge ist er zu jung", sagt Carla Bruni, die wieder aufgetaucht ist. Sie führt ins Wohnzimmer, küsst links, dann rechts, rennt noch mal in die Küche, kommt mit zwei Dosen Cola light zurück und setzt sich wieder auf den Couchtisch vor dem Kamin.

Bruni möchte gern über ihre Musik reden, ihre Folklieder und Chansons, die sie fast im Vorbeigehen hinhaucht, deren Gefühlswelt an die Existentialisten anknüpfen will, an Simone de Beauvoir oder aber an Françoise Sagan, die in den fünfziger Jahren sexuell freizügige Romane schrieb.

Brunis aktuelle CD hat sich zwar ganz gut verkauft, aber längst nicht so gut wie ihre erste, "Quelqu'un m'a dit" aus dem Jahr 2002, die rund zwei Millionen Menschen haben wollten. Das hat einige überrascht, schließlich ist sie ja nun auf allen Titelblättern und berühmt wie Madonna. Eher hätte man vermutet, die CD verkaufe sich rasend, aber sie würde ihr schaden in ihrem Ansehen als Frankreichs prominenteste Repräsentantin.

Denn in der Funktion der Präsidentengattin lebt bis heute der Geist der Vormoderne fort, es ist die traditionellste Rolle, die eine westliche Gesellschaft für eine Frau bereithält. Sie verlangt von ihr, da zu sein für den staatslenkenden Mann, ihm den Rücken frei zu halten, ein bisschen Geld für Wohltätiges zu sammeln und ansonsten ordentlich auszusehen.

Bruni aber scheint sich über all das lustig zu machen, wenn sie in einem ihrer Songs aus dem "pouvoir suprême", der unantastbaren höchsten Gewalt, die "volupté suprême" macht, die höchste Lust. Trotzdem erfreut sich die Präsidentengattin größter Beliebtheit; die Sängerin hingegen interessiert eigentlich nicht mehr so sehr. Aber wenn es drauf ankommt, bei einem Staatsempfang etwa, kennt Bruni, das Exmodel, die vorteilhafteste Kameraperspektive und schubst den Präsidenten mit leichtem Druck am Ellbogen in die richtige Stellung.

"Sehen Sie", sagt Carla Bruni, "ich bin keine Feministin. Aber ich glaube nicht daran, dass eine Frau mit allem aufhören sollte, was sie sich geschaffen hat, nur weil sie einen Präsidenten heiratet. Der Titel der Platte - "Als wäre nichts gewesen" - ist natürlich auch ein Augenzwinkern. Dieses Motto ermöglicht es mir, dieses Leben zu führen, ohne mich zu fürchten."

Hat ihr mal ein Berater ihres Mannes oder gar ihr Mann selbst nahegelegt, mit solchen Liedern wie dem über die dreißig Liebhaber aufzuhören?

"Sie unterschätzen meinen Mann. Wenn jemand wirklich nicht konservativ in diesen Fragen ist, dann ist er es. Er war es, der sich als amtierender Präsident hat scheiden lassen. Der Staatschef und eine Scheidung? Undenkbar bis dahin."

Muss die Welt wirklich wissen, dass die Präsidentengattin dreißig Männer hatte?

"Ach. Wenn ich ein solches Lied schreibe, heißt das nicht automatisch, dass ich dreißig Männer gehabt habe. Ich wäre niemals so explizit. Es war eine Frage von Rhythmus und Phonetik. Hören Sie, es ist ein Walzer: ta damdam, ta damdam ..."

Sie beginnt zu singen, zu hauchen, sie trifft den Ton nicht gleich.

"Nehmen wir an, ich hätte in Wirklichkeit nur acht Männer gehabt, was nicht der Fall ist. Aber ich hätte nicht acht sagen können oder fünfzehn oder drei. Das klingt einfach nicht. Hören Sie?"

Sie haucht ihre Stimme, sie wird grabestief, verschwörerisch. Es fällt auf, dass auch das Wohnzimmer angenehm schrabbelig aussieht. Gut möglich zum Beispiel, dass die Stehlampe mit dem schiefen Schirm neben Bruni überhaupt nicht funktioniert.

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insgesamt 76 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.09.2009 von Haio Forler:

Nanana ;) Die besteht ja nicht nur aus Augen ;). Schön ist eventuell etwas anderes, aber "hübsch" ist sie zweifels ohne. mehr...

05.09.2009 von Haio Forler:

Obwohl ich denn doch Sarkozy eher verstehen könnte als ich Bohlen in dem Falle verstehen würde. mehr...

05.09.2009 von Haio Forler:

Das können wir beide nicht beurteilen. Eben weil dazwischen die Medien stehen. mehr...

04.09.2009 von Der.PolyTicker: Drama am Fuße des großen Enteneigners!

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