Von Isabell Hülsen und Thomas Tuma
SPIEGEL: So alt kann der Durchschnitts-"Bond"-Fan ja nun auch nicht sein.
Wilson: Vor "Casino Royale" lag der Schnitt bei 23, das ist wirklich hoch. In unserer Branche werden Zuschauer über 35 Jahre doch so gut wie gar nicht mehr mitgezählt.
SPIEGEL: Das "Wall Street Journal" schrieb mal, Sie würden mit eiserner Faust regieren. Sie selbst haben von sich gesagt, Sie seien der totale Alptraum.
Broccoli: Ja, wir sind ein Alptraum! "Bond" ist sehr wertvoll, und wir wollen diesen Wert schützen. Das Filmgeschäft ist ein kooperatives Gewerbe, aber am Ende muss, wie überall, jemand Entscheidungen fällen. Da kann man nichts abstimmen oder Marktforschung machen. Michael und ich haben eine Überzeugung. Das heißt nicht, dass wir unsere Meinung nicht ändern. Aber wir sind sehr von unserer Intuition geleitet. Und manche Dinge fühlen sich eben einfach nicht richtig an.
SPIEGEL: Bond trägt mittlerweile Omega-Uhr, fährt Aston Martin und trinkt Bollinger-Champagner. Mit dem vielen Sponsoring dürfte die Finanzierung schnell gesichert sein.
Wilson: Diese Jungs finanzieren gar nichts! Uns wurde von Autobauern viel Geld geboten, um ihre Wagen im Film unterzubringen. Wir haben das nie angenommen, außer einmal von BMW, das war ein Experiment. Aber wir wollten eben Aston Martin, und glauben Sie mir: Aston Martin hat schöne Autos, aber definitiv kein Geld.
SPIEGEL: Wie viele der Sportwagen brauchen Sie eigentlich für einen Bond-Film?
Wilson: Sie geben uns ein oder zwei hübsche, den Rest setzen wir stückweise zusammen.
SPIEGEL: Einen haben Sie beim letzten Dreh im Gardasee versenkt.
Wilson: Das war der Ingenieur von Aston Martin, der den Wagen gebracht hat und damit ins Schleudern kam.
SPIEGEL: Uns scheint es, als sei mit "007" das Product Placement überhaupt erst erfunden worden.
Wilson: Marken gehörten auch in Flemings Büchern schon zu 007: Uhren, Zigaretten, Champagner. Weil Bond eben immer das Beste haben wollte. Jeder Tag konnte ja der letzte sein. Heute werben alle Sponsoren mit Anzeigen und TV-Spots für den Film. Sie bekommen dafür von uns die Rechte an einzelnen Szenen, die sie in einer bestimmten Zeit vor dem Filmstart verwenden müssen.
SPIEGEL: Die Industrie finanziert also nicht, bewirbt den Film aber kräftig. Das Unternehmen "007" ist jedenfalls die professionellste Marketingmaschine eines total globalisierten Filmgeschäfts.
Wilson: Ach Gott! Schauen Sie sich nur mal an, wie das heute etwa bei "Spiderman" funktioniert. Das können die anderen schon auch sehr gut.
SPIEGEL: Sie suchen doch sicher sogar die "Bond"-Girls nach Marketingaspekten aus, aktuell etwa Olga Kurylenko, weil der russische Markt so wichtig ist wie einst schon Michelle Yeoh für den asiatischen.
Wilson: Nein, jemand muss in die Rolle passen, nicht ins Marketing. Wir können Schauspieler casten, die keine Stars sind und aus ihnen Stars machen. Wir haben Hunderte Frauen gecastet, die meisten davon Europäerinnen. Eine Amerikanerin erschien uns nicht passend für die Rolle, obwohl Sony gern mehr amerikanische Stars gewollt hätte, weil die USA natürlich ein wichtiger Markt sind.
SPIEGEL: Ihr Regisseur Marc Forster ist Deutsch-Schweizer und war bisher eher für Kunstfilme bekannt. Überraschend, dass Sie so jemandem dann die Verantwortung für ein 200-Millionen-Dollar-Projekt anvertrauen.
Wilson: Marc ist wunderbar. Er hat viel Talent, jeder im Team liebt ihn. Es gab kein Geschrei, kein Chaos. Und wenn er sagte, wir drehen diese Szene von 7.30 bis 8.30 Uhr, dann klappte das auch. Es ist das erste Mal, dass wir 103 Drehtage vorgesehen haben und nach 103 Tagen fertig waren.
SPIEGEL: Selbst Steven Spielberg will angeblich wahnsinnig gern mal einen "Bond" drehen.
Wilson: Stimmt. Es hat sich nur noch nie ergeben. Er wäre auch zu teuer für uns.
SPIEGEL: Quentin Tarantino würde dafür wohl sogar noch Geld zahlen ...
Wilson: ... und er macht wirklich tolle Filme. Aber schauen Sie sich "Kill Bill" oder "Pulp Fiction" an. Das ist schon eine sehr spezielle Filmsprache, da könnten wir unser jugendliches Publikum und die Altersfreigabe vergessen.
SPIEGEL: Wie oft wird Ihnen eigentlich ungefragt ein Martini angeboten - geschüttelt, nicht gerührt?
Wilson: Also mir nie! Dir?
Broccoli: Der Name Broccoli ist nun einmal ziemlich selten. Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn ich jeden trinken würde, wäre ich ziemlich oft ziemlich betrunken.
SPIEGEL: Mrs. Broccoli, Mr. Wilson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten SPIEGEL-Redakteure Isabell Hülsen und Thomas Tuma.
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Mit diesem Rundumschlag gegen alte Filme haben sie mal eben 100 Jahre Filmgeschichte entsorgt. In dieser Anmaßung ist das kindisch. Billy Wilders Drehbücher sind also, um nur ein Beispiel von sehr vielen zu nennen, [...] mehr...
Sie sind wirklich im Besitz der "objektiven Meinung"? mehr...
Robin Hood von 1938 ist auch heute noch für die heutigen Verhältnisse toll. Entweder ist ein Film gut und zwar in allen Zeiten und Epochen, oder nicht. Gut für jene, aber nicht gut für diese Zeit zu sein: das gibt es nicht. [...] mehr...
Wen interessiert denn das? Ich will "objektiv" gute Filme sehen und keine, die lediglich "für damalige Verhältnisse" toll waren. Und das Filmhandwerk hat sich auf allen Bereichen weiterentwickelt, vor allem [...] mehr...
Sie werden jeden James-Bond-Film ablehnen, der anders ist als Sie es gewohnt sind. Von daher fordern Sie selbstverständlich Stagnation, Sie wollen's nur nicht zugeben. Casino Royale war der beste James Bond seit langem und [...] mehr...
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