SPIEGEL: Herr Enzensberger, besitzen Sie eigentlich Aktien?
Enzensberger: Nein. Ich mag keine Aktien. Das ist ein Spiel, das mich langweilt. Mich interessieren auch Spielcasinos nicht. Ich kann da keine Stunde bleiben. Ich verliere dort so schnell wie möglich mein Geld, nur damit ich wieder herauskomme. Warum fragen Sie mich? Ich bin kein Experte, nur ein bescheidener Beobachter. Ich habe noch nicht einmal Geld verloren. Also warum fragen Sie ausgerechnet mich?
SPIEGEL: Die Börse ist das Gleiche wie ein Casino?
Enzensberger: Vom Standpunkt des Spielers aus, ja. Nicht vom Standpunkt der Bank, die hat eine andere Logik. Ein Bankier des 19. Jahrhunderts, Carl Fürstenberg, behauptete: "Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dann noch Dividende haben wollen."
SPIEGEL: Sie sind 1929 geboren. Zwei Wochen nach dem Schwarzen Freitag, als die Kurse an der New Yorker Börse zusammenbrachen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren Sie 16. Ihre Generation kennt das Chaos. Rührt daher Ihr Misstrauen?
Enzensberger: Aber Misstrauen ist doch gut. Wer skeptisch war, ist noch am besten weggekommen. Jetzt wird man als Bankkunde dauernd angefleht: "Bitte, bitte, habt doch Vertrauen!" Diese eine Aufforderung ist natürlich selbstwidersprüchlich, so wie der Satz: Sei gefälligst spontan! Diese ganze Finanzkrise ist doch nicht gerade einem Mangel an Vertrauen geschuldet, sondern einer geradezu rührenden Leichtgläubigkeit. Wer seinem Bankberater vertraut hat, der ist jetzt arm dran.
SPIEGEL: Wundert es Sie, wie hart, schnell und tief diese Krise einschlägt?
Enzensberger: Was mich eher wundert, ist, dass die Leute von dieser Krise überrascht oder geschockt sind. Merkwürdig ist dieser phantastische Gedächtnisverlust! Wer auch nur ein bisschen Wirtschaftsgeschichte kennt - eine Prise Marxismus kann auch nicht schaden -, der weiß, was seit mindestens 200 Jahren Geschäftsgrundlage ist. John Law hat 1720 mit seiner Mississippi Company Aktien ausgeteilt und eine riesige Kreditblase ausgelöst, mit allem, was dazugehört: Immobilienspekulation, Konsumrausch, Schuldenmacherei. Frankreich ist damals knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammt. Und so ging es durch die Jahrhunderte munter weiter. Da könnte ich eine ganze Liste vorlesen. Skandinavien, Mexiko, Asien, Argentinien, Japan - alles schon vergessen?
SPIEGEL: Ein schwacher Trost, dass es Krisen auch schon früher gab.
Enzensberger: Diese Dynamik gehört zum Betriebssystem des Kapitalismus: Zyklen von Boom und Crash, von Größenwahn und Panik. Vor kurzem regierte noch die Gier. Jetzt herrscht die Angst. Niemand weiß, wie lange ein solcher Zyklus am Ende dauert.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu einfach? Es geht doch auch um Moral. Haben die Banker moralisch versagt?
Enzensberger: Es ist ein bisschen viel verlangt, dass ausgerechnet die Banker für die Moral zuständig sein sollen. Übrigens will auch der kleine Anleger eine saftige Rendite sehen.
SPIEGEL: Sie sagen, alles ist nur ein Zyklus. Aber die Nachrichten lassen manche schon auf ein Ende des Kapitalismus spekulieren. Da geht es jetzt um Verstaatlichung von Banken, um angreifende Staatsfonds. Plötzlich müssen Staaten den Helfer spielen.
Enzensberger: Das war schon immer so. New Deal, Keynesianismus, Konjunkturprogramme, jede Menge Subventionen ... Der Staat ist einerseits der Gegner, andererseits der Retter. Auch das ist ein Zyklus. Ich erinnere mich an einen Slogan der Kommunisten in den zwanziger Jahren: "Die Sozialdemokratie ist der Arzt am Krankenbett des Kapitalismus." Natürlich gilt das nicht nur für die armen Sozialdemokraten. Auch jetzt werden ja ständig Spritzen verabreicht. In Deutschland stellt sich Krankenschwester Angela Merkel vor die Kameras und beruhigt den Patienten, in Frankreich wirkt der kleine Napoleon Nicolas Sarkozy als Sanitäter.
SPIEGEL: Gegen die augenblickliche Krankheit wirken frühere Krisen allerdings wie ein leichter Husten.
Enzensberger: Frühere Krisen waren meist lokal begrenzt. Heute ist ihre Dimension global. Deshalb sind die Blasen viel größer. Milliarden sind von gestern, heute geht es nicht mehr unter Billionen ab. Das ist die schlechte Nachricht. Aber das System hat dazugelernt. 1929 waren die Regierungen wie gelähmt. Es gab keine G 7, keinen Internationalen Währungsfonds. Das ist, wenn Sie so wollen, die gute Nachricht.
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© DER SPIEGEL 45/2008
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