von Daniel Haas
Diese Gier nach Unmittelbarkeit ist es angeblich auch, die dem deutschen TV-Humor die Raffinesse ausgetrieben hat. "In den Dokusoaps sieht der Zuschauer eine Wirklichkeit, die noch realer ist", erklärt Holger Andersen, Comedy-Chef bei RTL. "Früher verschaffte einem eine Serie wie ,Ritas Welt' Einblicke in die Nöte der Arbeitnehmer, heute deckt das ein Format wie ,Raus aus den Schulden' ab."
Klingt gut, fragt sich nur, warum in Amerika, wo das Genre der Dokusoap durchaus auch blüht, weiterhin viele exzellente Sitcoms mit weiblichen Hauptdarstellern laufen. Man muss sich nur die Riege der weiblichen TV-Stars und ihrer Sendungen ansehen: etwa Christina Applegate ("Samantha Who?"), 36, oder auch Mary-Louise Parker ("Weeds"), 42. Sie sind Schauspielerinnen, die mit Klischees und Vorurteilen spielen - anstatt ihre Opfer zu sein.
In Amerika sei der Werdegang ein anderer, sagt Ralf Husmann, der als Autor für deutsche Humor-Highlights wie "Dr. Psycho" und "Stromberg" verantwortlich ist. Wer an der Universität erste Satireübungen mache, etwa bei einer legendären Collegezeitschrift wie "Harvard Lampoon", der könne später auch andere Programme schreiben. Letztlich aber liege das Problem bei den Frauen selbst: "Die Amerikanerinnen sind sexy, während sich die deutschen Komikerinnen lange Zeit schwer getan haben, überhaupt ihr eigenes Alter darzustellen. Bis heute spielen Frauen die Alte, Schrullige und Schrille."
Tatsächlich fürchten deutsche Komikerinnen den Sex-Appeal wie Superman das Kryptonit. Mirja Boes, 35, diesjährige Comedypreis-Trägerin und gerade mit ihrem Soloprogramm unterwegs, betont: "Die Männer wollen Frauen immer nur adrett sehen. Ich springe deshalb in einem Frotteeanzug über die Bühne und weiß, die Typen in der ersten Reihe denken: Sieht die scheiße aus, das muss doch nicht sein." Carolin Kebekus, mit 28 die jüngste Comedy-Hoffnung von ProSieben, erzählt, das Schlimmste, was passieren könne, sei Lob fürs Äußere: "Nach einer Show sagten mir Kollegen, du sahst gut aus. Da hätte ich mich am liebsten erschossen."
Während die deutschen Komikerinnen also defensiv auf die Erwartungen an weibliche Attraktivität reagieren, sind ihre amerikanischen Kolleginnen über diese Rollenzwänge weitgehend erhaben, auch wenn sie deren gesellschaftliche Macht gut kennen. Erst vergangenes Jahr bediente Christopher Hitchens, Starkolumnist mit Hang zur effektiven Verflachung, im amerikanischen Glamourblatt "Vanity Fair" genau dieses Ressentiment. "Männer müssen Frauen mit Humor herumkriegen. Frauen haben das nicht nötig. Sie sprechen uns auch so an", lautete das zentrale Argument seiner aufsehenerregenden Polemik über weibliche Humorlosigkeit.
Die Antworten fielen drastisch aus, dem Kulturmacho Hitchens wurde ordentlich Bescheid gestoßen. Das ist buchstäblich gemeint: Eine US-Autorin stellte Überlegungen an, was man Hitchens mit seinem Artikel antun könnte, und zwar in zusammengerollter Form, "ohne Gleitmittel". Eine andere erklärte, sie gehe zu den Schwulen, wenn sie wolle, dass Männer über sie lachen: "Die sind besser erzogen."
Sarah Silverman ließ sich zu einer Reaktion gar nicht erst herab. Die jüdischamerikanische Komikerin widersprach Hitchens' Diagnose mit Stand-up-Auftritten und einer gefeierten Comedy-TV-Show (in Deutschland seit kurzem auf Comedy Central zu sehen). Wenn Silverman die Bühne betritt, sind alle Klischees vom Frauenhumor sofort vergessen. Da steht sie, schlicht gekleidet, das Haar zum Pferdeschwanz geknotet, mit strahlendem Colgate-Lächeln: eine Schönheit, die tut, als könnte sie kein Wässerchen trüben.
Dann aber kommen die ersten Pointen, und man hat das Gefühl, durch mentales Kriegsgebiet zu stolpern. Silverman-Witze funktionieren wie Sprengstoffattentate. Erst herrschen Chaos und Verwirrung, dann wird die Zahl der Opfer klar: Sexismus, Rassismus, politischer Korrektheitswahn - keine Form ideologischer Schäbigkeit kommt davon.
"Letzte Nacht habe ich Marmelade vom Penis meines Freundes geleckt. Und plötzlich dachte ich: O Gott, ich werde meiner Mutter immer ähnlicher!" - so klingt es, wenn sich Silverman mit engelhafter Miene emanzipatorische Zwänge vorknöpft. Multikulturelle Probleme werden ebenfalls im Säurebad einer Pointe gelöst: "Ist mir egal, ob ihr denkt, ich sei Rassistin. Ich will nur, dass ihr glaubt, ich sei dünn."
Silverman ist Comedy-Avantgarde, so scharf und böse, dass sie nicht einfach goutiert werden kann, sondern sich mit ihren Sprengsätzen auch regelrecht Feinde macht.
Dies sei die wahre Aufgabe, sagt die deutsche Kabarettistin Maren Kroymann, 59. Scharfsinnig und intellektuell sein als Komikerin. Nicht die groteske Witzfigur bleiben, die im Asyl des Menstruations-, Shoppings- und Beziehungshumors verendet. Kroymann gelang das eine Zeitlang hervorragend. Mit der ARD-Reihe "Nachtschwester Kroymann" nahm sie zwischen 1993 und 1997 genau die Stereotypen auf die Schippe, mit denen viele Komikerinnen bis heute ihr Geld verdienen. "Charlotte Roche hat mit den ,Feuchtgebieten' die Revolte auf den Körper konzentriert", sagt Kroymann. "Das wahre Tabu aber ist weibliche Intellektualität."
Anders gesagt: In Deutschland fehlt es am Mut zur "bitch". Wie es gehen könnte, zeigen Ausnahmen wie die schwergewichtige Stand-up-Komikerin Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn, deren gewagter, aus Vulgarität und Wortwitz gemischter Stil die große Fernsehkarriere aber eher behindern als fördern wird. Oder eben Anke Engelke. Auch in der neuen "Ladykracher"-Staffel wird die "lustigste Frau Deutschlands" ("taz") wieder in zahllose Rollen schlüpfen.
In der Verkleidung ist Engelke vielleicht nicht subversiv, auf jeden Fall aber provokant. Zum Beispiel, wenn sie in einer Folge als Hausfrau auftritt, die ihrem Mann nach zehn Jahren eröffnet, sie sei eigentlich eine Prostituierte. Gefragt, ob sie dennoch mitkomme zum Grillen bei den Nachbarn, sagt sie: "Grillen kostet extra."
Das Patriarchat wird Engelke dennoch nicht zur Kasse bitten. Sie sagt selbst, sie sei keine Intellektuelle. Und: "Die betont intellektuelle Frau auf der Bühne wirkt immer auch ein bisschen krampfig."
Da wäre für Deutschlands Comedy-Queen noch eine Entdeckung zu machen: dass Klamauk und Scharfsinn durchaus zusammenpassen.
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© DER SPIEGEL 45/2008
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