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Ausgabe 46/2008
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Affären Der Frauenflüsterer

2. Teil: Auch ein Verführer ist manchmal nur ein Verführter


Als aber Freundinnen ihr hinterbrachten, es gebe offenbar eine ganze Reihe Damen, die sich von Sgarbi ausgenommen fühlten, wollte sie alles rückgängig machen. Er zahlte einen Teil zurück, worauf die Gräfin eine Klage stoppte.

Im Jahr 2003 stand der Verzauberer dann zum ersten Mal als böser Zauberer vor Gericht, im schweizerischen Bülach. Christina W. hatte ihn angezeigt. Die Society-Dame, eine Freundin der Comtesse, hatte Sgarbi nachgestellt, und nicht nur ihm, auch Barretta. Sie streute in Sgarbis Umfeld, er sei ein "Gigolo", ein "Betrüger", auch Barretta sei ein übler Bursche.


Allerdings endete auch die hartnäckige Verfolgung des schäbigen Herrn Sgarbi umgehend im Bett des schönen Herrn Sgarbi, zuletzt am 19. Februar 2002. Heimlich liefen eine Videokamera und ein Tonbandgerät mit, kurz danach tauchte bei Christina W. ein Kuvert mit der Kassette und der Warnung auf, sie solle sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angingen. Wie später Susanne Klatten zeigte W. ihren Geliebten an; Sgarbi kassierte sechs Monate auf Bewährung.

Eine Comtesse, noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Und eine Frau, die Sgarbi unbedingt zur Strecke bringen wollte. Kann man erklären, warum ihm trotzdem beide erlagen? Zwei Schweizer können es.

Bitte keine Namen, sagen sie, aber sie arbeiteten früher mal in Zürich bei der Sunrise AG, dem zweitgrößten Schweizer Mobilfunkkonzern, und im Frühjahr 2004 bekamen sie einen neuen Kollegen: Helg Sgarbi. Bis Ende 2006 saßen sie mit ihm Tisch an Tisch in der Beschwerdestelle. Und schon bald entpuppte sich Sgarbi als Spezialist für komplizierte Fälle jeder Art. Nicht nur, was unzufriedene Kunden anging.

"Der Helg gab jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein", erinnert sich der eine Sunrise-Sachbearbeiter, "der hat dich in Sekundenschnelle gescannt und deine Schwachstellen erkannt. Und dann erklärt: Ich weiß, wie ich dir helfen kann." Bei ihm, damals 24, war die weiche Stelle der frühe Tod seines Vaters. Also schlüpfte Sgarbi sofort in die Vaterrolle. Mal warmherzig, mit Stolz in der Stimme: "Du könntest Staatsanwalt sein, so präzise, wie du arbeitest." Oder: "Du bist ein Rohdiamant, der nur noch geschliffen werden muss." Dann wieder zornig, strafend, ein Pedant, der binnen Sekunden eiskalt wurde, der wegen einer Verspätung von fünf Minuten einen Satz sagte wie: "Du hast mich tief enttäuscht." Und mit bebender Stimme: "Bei der Mafia lägst du längst mit einem Gewicht an den Füßen im Zürichsee."

Als Sgarbi die verwitwete Mutter seines Schreibtischnachbarn kennenlernen wollte, trafen sie sich zu dritt in einem Restaurant. Beim Dinner fragte er die Mittfünfzigerin plötzlich: "Darf ich Sie duzen?" Und ohne die Antwort abzuwarten, schmalzte er: "Ich muss dir ein Kompliment machen: Du bist eine wunderschöne Frau."

Den zweiten Sunrise-Mann schätzte Sgarbi offenbar anders ein - der war schon 28 und veranstaltete nebenher Partys. Man könne doch, schlug Sgarbi vor, im Winter nach St. Moritz fahren, sich in Hotelbars setzen, mit reichen Damen flirten. Die würden für Sex bezahlen, und zufällig kenne er sogar einen erfahrenen Gigolo, der den Kollegen in das Geschäft einweihen könne. Allerdings soll Sgarbi gewarnt haben, dass man in diesem Metier leider auch Frauen beglücken müsse, mit denen es wirklich keinen Spaß mehr mache. Es blieb dann bei der Idee.

Offenbar hatte Sgarbi in dieser Zeit auch andere Pläne. Am 28. Juni 2005, um 7.43 Uhr, schickte er eine E-Mail an eine Schweizer Geschäftsfrau. Sie begann in Deutsch, dann wechselte Sgarbi in die Sprache des Romeos, Italienisch. "Du hast gesagt, du lebst für die Liebe. Und das machst du richtig, denn genau das ist das Leben. Die Momente von gestern kommen nicht mehr zurück, aber wir haben einen Schatz daraus gemacht", säuselte er. Und: "Du bist eine außergewöhnliche Frau, voller Leben, und du kannst sehr viel geben. Es stimmt, manchmal braucht man Mut, um zu lieben." Es war die Art von Sätzen, die dann so viele Frauen daran glauben ließen, dass es einem Sgarbi nie um ihr Alter ging, nie um ihr Aussehen, nur um Gefühle. Ehrliche, große Gefühle.

Aus seiner Rolle fiel Sgarbi nur, wenn es um seine eigene weiche Stelle ging: den Glauben. Als sich einer der beiden Sunrise-Mitarbeiter mal über die Darstellung der Juden als brutale Henker in Mel Gibsons Kinofilm "Die Passion Christi" erregte, platzte es aus Sgarbi förmlich heraus. "Das Volk Juda", wetterte er apokalyptisch, werde "knietief in seinem Blute waten, bis es dereinst den Namen unseres Herrn Jesu Christi anerkennt". Die Verfolgung durch Römer, Kreuzfahrer, Nazis und Stalinisten sei die "gerechte Strafe" für Jesu Tod am Kreuz. In seinem 300er-Mercedes fuhr Sgarbi mit einer Jesusfigur, einer Padre-Pio-Plakette und einem Rosenkranz herum; im Kofferraum lagen mehrere Flaschen Weihwasser und ein Gebetbuch. "Das gehört zu mir", erklärte Sgarbi einem seiner Kollegen, "zu meinem Leben."

Das war mal keine Lüge, ausnahmsweise. "Helg hat unzählige Geschichten über sich erzählt - und am Ende wusste man gar nichts über ihn. Nicht das Geringste", sagt der Mann, der mit ihm nach St. Moritz sollte. Einmal behauptete Sgarbi, dass er am Abend mit seiner Ehefrau verabredet sei. Einem anderen Kollegen tischte er dagegen die Geschichte auf, sie habe ihn verlassen - nach der zweiten Totgeburt. Nun irre sie durch Europa, schicke manchmal eine SMS. Demnächst müsse er nach Rom, um an der Spanischen Treppe auf sie zu warten, die Liebe seines Lebens.

In Wahrheit aber verehrte er die Frauen nicht, er verachtete sie, brach sie. Glaubt man den beiden Sunrise-Mitarbeitern, begann er eine Affäre in der Firma. Als es vorbei war, veränderte sich die Frau, wurde stiller, verschlossener. Schließlich verließ sie die Firma, heute soll sie in einem Kloster leben.

Kurz bevor Sgarbi aber selbst ging, bat er seinen jüngeren Kollegen in ein leeres Konferenzzimmer. Blickte ihn ernst an. Sagte dann: "Eines Tages wirst du von mir Sachen hören, für die du mich hassen und verfluchen wirst. Wie alle anderen wirst du mich verurteilen." Es sei eine Stimmung wie beim letzten Abendmahl gewesen. Sgarbi als Jesus, der Kollege als Petrus.

Den letzten Anruf bekam er dann Mitte 2007. Sgarbi meldete sich mit unterdrückter Nummer. "Du wirst jetzt längere Zeit nichts von mir hören", sagte er geheimnisvoll. "Ich muss ins Ausland, ich habe einen dicken Fisch an der Angel."

Das Geheimnis seines Erfolges ist in diesem Sommer der Lanserhof, Treffpunkt der Hochverdiener, aber keines dieser Hotels, in denen sich Frauen mit Mehrkarätern an den Fingern zuprosten und zuprotzen. Der Lanserhof will aus Multi-Millionären und Multi-Milliarden-Managern für zwei, drei Wochen wieder einfache Menschen machen. Sie schlurfen alle im gleichen weißen Bademantel herum. Sie konzentrieren sich beim Heilfasten mit Basen-Brühen auf ihren Verdauungstrakt. Und mit den Kilos sollen sie auch ihren seelischen Ballast abwerfen. Das Ambiente, heißt es auf der Homepage, verschaffe ihnen "geistigen Freiraum", damit sie "Lebensstil-Veränderungen zulassen", "eine lustvolle Reise zu sich selbst".

Hier quartiert sich Sgarbi im Sommer 2007 gleich zweimal ein. Er pirscht sich an Frauen heran, die ihren Panzer, der sie sonst schützt, abgeworfen haben. Was für ein Jagdrevier. Schon nach kurzer Zeit hat er Elfriede R. und Monika S. erlegt. Die Erste, eine Kauffrau aus dem Raum München, zahlt ihm zwar angeblich nie etwas, aber Monika S., Unternehmerin aus Nordbayern, schenkt ihm später 300.000 Euro. Und dann erscheint eine Frau von ganz anderem Format in Sgarbis Arena der leichten Beute. Susanne Klatten.

Übergewicht kann nicht ihr Problem sein. Aber das Wellness-Team des Lanserhofs liebkost auch die Ausgebrannten und Abgespannten, die Selbstzweifelnden und trotz Geld Verzweifelten. Sgarbi kommt mit ihr ins Gespräch; er gefällt ihr. Sie gibt ihm eine Visitenkarte, er googelt ihren Namen; jetzt weiß er, wen er vor sich hat: die reichste Deutsche; 12,5 Prozent der Aktien von BMW.

Ein elegantes Auftreten, eine liebenswerte, faszinierende Person, so beschreibt sie später bei der Polizei ihren Eindruck von ihm. Es wird Liebe, eine Amour fou. Sie ist eigentlich viel zu sehr Familienmensch, Quandt-Familienbande, als dass es wirklich etwas werden könnte. Aber sie lässt sich treiben.

Sie schreibt ihm Briefe in mädchenhafter Handschrift, sie treffen sich in Hotels. Sie hat keine Ahnung davon, keinen Instinkt dafür, dass Sgarbi sie dabei im Münchner Holiday Inn filmen lässt, beim Sex, vermutlich von Barretta im Nebenzimmer. Dann die erste zarte Forderung. Er habe erzählt, sagte sie später der Polizei, dass er in Miami das Kind einer Mafia-Familie angefahren habe. Er brauche zehn Millionen Euro, habe aber nur drei. Er sei so traurig gewesen, sie habe sich ihm so nah gefühlt.

Susanne Klatten gibt ihm das Geld, als "Darlehen", aber nun will er noch mehr, erst 49 Millionen, dann 14. Im Dezember kommt ein Drohbrief, mit einem Foto aus dem Video, aber jetzt hat die Milliardärin ihren Panzer wieder angelegt. Sie lässt Sgarbi auffliegen, riskiert den Skandal. Die Polizei nimmt ihn im österreichischen Vomp fest. Auch Barretta ist dort; in seinem Auto liegt eine Namensliste, auf der auch Elfriede R. und Monika S. stehen.

Sgarbi kommt in Haft, Barretta darf noch nach Italien zurückkehren. Aber die Polizei überwacht ihn, hört sein Telefon ab. Dann nimmt sie auch ihn fest, seine Frau, seine beiden erwachsenen Kinder, Sgarbis Frau. Die Ermittler finden Geldbündel mit Banderolen der Deutschen Bank.

Barrettas Anwalt sagt trotzdem, sein Mandant habe mit Erpressungen nichts zu tun, das Geld seien Ersparnisse. Das aber wäre eigentlich nun der Zeitpunkt für Helg Sgarbi, Barretta zu belasten, um sich selbst zu entlasten, spätestens im Prozess in München. Doch mal abgesehen davon, dass Sgarbis Frankfurter Anwalt Egon Geis und sein Schweizer Kollege Till Gontersweiler sich nicht äußern, deutet darauf nichts hin. Im Gegenteil. Wer Sgarbi kennt, ist überzeugt, dass er niemals gegen Barretta aussagen würde.

Denn auch ein Verführer ist manchmal nur ein Verführter.

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