AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2008
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Kino Die Trauer und ihr Preis

Nach sieben Jahren ein neuer Film der Münchner Oscar-Preisträgerin Caroline Link: "Im Winter ein Jahr".

Graue Tage, Novembertief, Trauerarbeit ist angesagt. Caroline Links Film "Im Winter ein Jahr", der diese Woche ins Kino kommt, spürt einem Toten nach. Sein Titel meint: Im Winter wird es ein Jahr her sein, dass Alex starb, und Vater, Mutter, Schwester wirken noch immer von Schmerz gelähmt. Der 19-jährige Alex hat sich erschossen; auch die Mutter weiß, obwohl sie es nicht wahrhaben möchte, dass es kein Unfall war.

Vielleicht hat sich das Ehepaar Richter in seinem grünen Münchner Vorort bewusst in Arbeit gerettet, um den Jammer, die Verzweiflung, die Begegnung mit den Schuldgefühlen von sich fernzuhalten. Herr Richter, ein umworbener Wissenschaftsmanager auf dem Gebiet der Bionik, hat in diesem Jahr ein bedeutendes neues Buch veröffentlicht, während Frau Richter, eine erfolgreiche Innenarchitektin, an der Maximilianstraße einen Flagship-Store für Jil Sander auf Zack brachte.

Die beiden in ihrer eisig durchgestylten Designervilla sind überhaupt rechte Flagship-People: gegen Kratzer im Lack allergisch und dem Merkspruch verpflichtet, dass der Zweitbeste stets schon der erste Verlierer sei. Ihr Alex sollte als Skirennläufer der Erste werden.

Die Tochter Lilli, 21, die für sich allein in der Stadt wohnt und eine Schauspielschule besucht, tritt dem Leben mit einem skeptisch-nöligen Grundton entgegen. Ehrgeiz ist nicht ihre Sache; sie hängt in Kneipen rum, wo man Pool spielt, das Bier aus der Flasche trinkt und nicht unnötig lange herumflirtet; ihr Problem mit Mama und Papa ist, dass die dauernd "Druck machen". Als der Vater hört, dass Lilli bei einer Schulaufführung nicht die Hauptrolle kriegen soll, will er gleich an geeigneter Stelle anrufen, um diesen Fehler der Schulleitung korrigieren zu lassen. Man kann nicht sagen, dass Lilli ihn dafür liebt.

Dem neuen Film der Autorin und Regisseurin Caroline Link wurde mit hoher Erwartung entgegengesehen, da seit ihrem vielfach (unter anderem mit dem Oscar für den besten ausländischen Film) prämierten Exildrama "Nirgendwo in Afrika" inzwischen sieben lange Jahre vergangen sind. Bisher verdankte Link, 44, nicht ungewöhnlichen Regiekünsten, sondern Spontaneität, Zuneigung zu ihren Figuren und unmittelbarer Herzenswärme Mal um Mal ihren Erfolg. Mit "Im Winter ein Jahr" hat sie nun viel riskiert, denn der Stoff ist spröde.

Corinna Harfouch im Dauerstress der genervten Karrierefrau und Hanns Zischler in der Hartschale des kultivierten Machtmenschen machen untadelige Figur, doch ihre Lebenswelt wird nicht erzählt, sondern nur sehr formelhaft bebildert, wie man das aus dem Fernsehen kennt, und sie reden so gestelzt daher, als hätten sie sich selbst synchronisiert. In all ihrem Unglück, was für Gespenster! In den hellen, kraftvollen Breitleinwandbildern der Kamerafrau Bella Halben ist mehr Bewegung und Leben als in ihnen selbst. Nur für Lilli, die aparte, fragile Karoline Herfurth, entwickelt man von ihrem ersten Auftritt an Mitgefühl.

Der Film beginnt damit, dass Frau Richter bei einem angeblich berühmten, doch schwierigen Maler erscheint, der einsam in einem erwartungsgemäß malerischen Atelier am Starnberger See haust: Josef Bierbichler, nie aus der Ruhe zu bringen, gibt diesem Eigenbrötler Gewicht und Tiefe einer großen Natur. Frau Richter ist in Eile, wie immer, kommt also sofort zur Sache und wünscht sich von ihm ein etwa lebensgroßes Doppelporträt ihrer Tochter und ihres toten Sohns. Der Maler, wenn auch zögernd und zweifelnd, sagt zu. Er hat im Augenblick und auch den ganzen weiteren Film lang sonst nichts zu tun.

Tochter Lilli findet Mamas Idee "echt gruselig", kein Wunder, doch weil Papa Druck macht, stellt sie sich mit Schmollschnute zum Modellsitzen im Atelier ein - und so findet der Film für eine Weile zu sich. Hier ein massiger alternder Mann, der sich wohl zu spät im Leben zu seiner Homosexualität bekannt hat und nun im Hallenbad melancholisch zu den sehnigen Turmspringern bei ihrem Training hinüberschaut, dort ein dünnes, verwirrtes, liebesbedürftiges Mädchen: Daraus kann keine Maler-und-Modell-Passion werden, doch eine behutsam in Halbschritten der Zuneigung erzählte Geschichte von tröstlicher Nähe, die beiden guttut.

Der Maler hat sich ein Vierteljahr Zeit für sein Bild ausbedungen, und das Dilemma des Films ist, dass seine Erzählung kein anderes Ziel hat. Caroline Link ist keine, die "Druck macht", sie bewegt sich offen von Episode zu Episode, doch dieses schöne Vertrauen in die Eigendynamik ihrer Geschichte hat ihr diesmal - als sei zu lange und unter zu verschiedenen Umständen an der Sache herumgedoktert worden - kein Glück gebracht.

Was mag sie an dem bisher unveröffentlichten Roman "Aftermath" des jungen Amerikaners Scott Campbell so fasziniert haben, dass sie dieses Verfilmungsprojekt über Jahre erst in den USA und nun also in Bayern mit Leidenschaft verfolgte?

Im fertigen Film mit seiner suchenden, brüchigen Form scheint sich diese ursprüngliche Faszination verloren zu haben. Die Trauer? Der Trost? Oder die Heilung durch Kunst? Was mag Frau Richter sich erhofft haben, als sie das Doppelporträt des toten Alex und der lebenden Lilli in Auftrag gab? Am Ende genügt ihr ein kurzer Blick für die Feststellung, dass das fertige Bild seinen Preis nicht wert sei.

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