Regen plätschert auf den Zürichsee, es ist unwirtlich kalt in der Schweiz Ende Oktober. Vor der großen UBS-Bankfiliale stehen Menschen und studieren die Bildschirme im Schaufenster, die Aktienkurse, die Rentenmärkte, die Rohstoffbörsen. Im Kongresshaus am See, auf der Finanzmesse mit dem Namen "Strukturierte Produkte" schalten sie an die Wall Street, und die Moderatorin in Zürich fragt: "Haben Sie denn gar keine guten Nachrichten?"
Es gibt keine guten Nachrichten, aber in Zürich zieht die Karawane weiter. Nicht munter, aber auch nicht verdrossen. Die Banker, die hier an den Ständen stehen, bei Merrill Lynch, bei JP Morgan, bei der Commerzbank, sie kennen nur eine Blickrichtung: nach vorn. Viele Vorträge werden gehalten im Beiprogramm der Messe, aber alle Redner verweilen nur kurz bei den aktuellen Ereignissen, danach reden sie schnell über neue Chancen.
Und sie reden schon über die Chancen der Krise selbst. Sie sagen: In naher Zukunft, das ist ganz klar, würden neue, sehr große Vermögen entstehen. Wer als erster erkennt, wann die Talsohle erreicht ist, kann sehr reich werden.
Wie lange aber wird es dauern, bis sich die Krise beruhigt? Bis die Rezession vorbei ist? Und: In welcher Welt leben diese Banker? Haben sie nicht gemerkt, dass ihre Welt, ihre Logik, ihre Kultur stürzen können? Die Staatschefs und Finanzminister, die sich in Washington und anderswo mit der Zukunft beschäftigen, kennen noch immer nur Crashpotentiale, Gefahren, genaue Daten kennen sie nicht. Niemand kennt sie.
Sie beziffern den Wert der Ramsch-Hypotheken, die noch im Umlauf sind, verpackt, versteckt, verteilt über die ganze Welt, auf 1,8 Billionen Dollar. Das ist die eine Blase. Aber da ist noch immer die zweite, furchterregend viel größere, die nicht mit Luft gefüllt ist, sondern mit zuletzt 57 Billionen Dollar. Auf diese Summe lauten Credit Default Swaps, CDS, die weltweit im Umlauf sind und unter anderem in Collateralized Debt Obligations, CDOs, verpackt, versteckt und in der ganzen Welt verkauft worden sind. Banken vor allem und die Hedgefonds haben die CDO-Deals abgeschlossen,um sich gegen den Ausfall von Krediten zu versichern, gegen Wertverluste aller Art, gegen das Risiko an sich.
Aber sie schufen nur ein noch größeres Risiko, indem sie die Swaps, die im Kern keine falsche Idee sind, zu Spekulationsobjekten machten.
Sie wollten bald nicht nur kein Geld verlieren, sie wollten vielmehr immer mehr Geld machen, und im Grunde pervertierten sie die ursprüngliche Idee von JP Morgan, von Blythe Masters und Bill Demchak.
CDS wirken in der Finanzkrise wie ein Brandverstärker, weil sie bald als Zockerpapiere ohne Sicherheiten ausgegeben wurden, in CDOs zur Unkenntlichkeit zerhäckselt, und in der Krise schnell andere Bereiche der Finanzmärkte in Brand setzen. Die Bewertungsagentur Fitch schätzt, dass 40 Prozent des weltweit verkauften CDS-Schutzes auf Unternehmen oder Wertpapiere abgeschlossen wurde, die nicht anlagewürdig und hochgradig krisenanfällig seien.
Die Billionen-Kreditspirale kann bald brechen, und dann sähe die Krise jetzt, so katastrophal sie schon ist, wieder nur wie das Vorspiel einer noch viel größeren Tragödie aus. Dies ist ein Satz, wie er in Leitartikeln steht, aber er hat Substanz: In den USA kämpft die Regierung so verzweifelt um die Rettung des AIG-Konzerns, weil sein Untergang dramatische Folgen hätte. AIG allein hält CDS im Wert von 372 Milliarden Dollar, damit ist das Unternehmen eine zentrale Säule im Gebäude der Kreditversicherungen. Wie lange lässt sich ihr Sturz noch verhindern? Und wie wird die Welt aussehen, wenn sie fällt?
Schon jetzt hat die Finanzkrise die Wirtschaft erreicht, ist der Schrecken von der Wall Street auf die Main Street umgezogen. Allein amerikanische Unternehmen müssen im kommenden Jahr 800 Milliarden Dollar ihrer Schulden refinanzieren; in Deutschland klagen viele Unternehmen schon jetzt über die Kreditklemme; Frankreich meldet einen Rückgang seiner Industrieproduktion. Und auf die zehn wichtigsten deutschen Banken kommen in den kommenden Monaten Tilgungen von rund 340 Milliarden Euro zu.
Unternehmen, deren Anleihen keiner mehr haben will und die nur mit teuren Krediten arbeiten können, reduzieren lieber die Kosten und die Produktion. Mit 350.000 zusätzlichen Arbeitslosen wird in der Bundesrepublik gerechnet. Die Nachfrage nach Gütern sinkt weltweit und ist schon jetzt, nur zwei Monate nach der Lehman-Pleite, abgesackt. Was würde passieren, wenn zusätzlich, nach und nach, der 57-Billionen-Dollar-Blase die Luft ausginge?
Weil die Finanzmärkte die Volkswirtschaften im Tempo digitaler Datenströme millionenfach vernetzt haben, ist der am Wochenende in Washington vorangetriebene Versuch, nicht nur die Märkte selbst, sondern auch ihre Regulierung zu globalisieren, überfällig.
Wenn man allerdings mit den Bankern auf der Zürcher Messe über die Chancen besserer Regulierung redet, dann wird zwar zugestanden, dass die Aufsicht in den vergangenen Jahren anachronistisch war, aber die Banker werden auch weiterhin wie Porschefahrer wirken, die von Polizisten auf Pferden überwacht werden sollen. Der Dynamik der Finanzmärkte, ihrer Kreativität, ihrer Rasanz, werden auch transnationale Aufsichtsbehörden, falls sie je zustande kommen, nicht gewachsen sein. Geld ist wie Gas, es ist nicht zu fassen, und es sucht sich immer den schnellsten Weg zur größtmöglichen Rendite.
Das aber heißt: Die unregulierten globalen Geldströme und die durch die Kreditspirale des vergangenen Jahrzehnts betriebene Geldvermehrung haben einen finanzmarktgetriebenen, nicht mehr auf Gütern und Waren und Handel gegründeten Kapitalismus etabliert, der ständig neue spekulative Blasen erzeugt, erzeugen muss. Der Finanzmarkt ist der eigentliche Markt geworden, die klassische Wirtschaft ist es nicht mehr: Der Wert der Finanzanlagen übersteigt den Wert aller weltweit verkauften Waren und Dienstleistungen inzwischen um das Dreifache. Und dieser Überfluss an Kapital ist immer wieder die Quelle neuer Booms und Blasen, sie heißen New Economy, Subprimes oder "Emerging Markets". Die nächste Blase, darauf wetten die Banker auf der Zürcher Messe schon jetzt, wird auf den Rohstoffmärkten erwartet.
Was können Staaten tun? Weltregierungen? Wenn die Blasen platzen, dann versucht die staatliche Notenbankpolitik das Abrutschen der Realwirtschaft in die Rezession stets durch Verbilligung von Krediten aufzuhalten, so war es 2001, so ist es in den USA auch heute: Der Leitzins ist auf ein Prozent gesenkt worden, wie es Mitte 2003 schon einmal der Fall war. Und wie so oft in einer Krise wehren sich Notenbanken und Regierungen mit immer neuer Geldzufuhr, immer neuen Staatsgarantien, immer neuen Milliarden, mit Billionen gegen das Platzen der finanziellen Superblase. Als wäre es eine letzte große Wette auf den Erhalt und gegen den Untergang der bestehenden Weltordnung.
Alles auf schwarz.
Rien ne va plus.
Beat Balzli, Klaus Brinkbäumer, Jochen Brenner, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Ralf Hoppe, Frank Hornig, Ansbert Kneip
Dieser Text wurde für den Nannen-Preis 2009 in der Kategorie "Beste Dokumentation" prämiert. Außerdem in der Auswahl:
BESTE INVESTIGATIVE LEISTUNG - ausgezeichnet:
"Ich habe sie betrogen" von Melanie Bergermann
Enthüllung der unverantwortlichen Praktiken, zu denen viele Banken ihre Mitarbeiter anstiften, um Kunden über den Tisch zu ziehen und dabei selbst gute Geschäfte zu machen.
("Wirtschaftswoche" vom 2. Februar 2008)
In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:
Spitzelaffäre der Deutschen Telekom von Beat Balzli,
Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk und Thomas Schulz
Ergebnisse einer umfangreichen Recherche über das deutsche Vorzeigeunternehmen Deutsche Telekom, das Journalisten sowie eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzeln ließ:
Das System Poggendorf von Ulrich Gaßdorf
Über den Geschäftsführer des Hamburger Tierschutzvereins Wolfgang Poggendorf, der sich aus Zuwendungen an den Verein persönlich bereichert hat.
(mehr als 100 Einzelveröffentlichungen im "Hamburger Abendblatt", zusammengefasst in Dossier am 31. Oktober 2008)
BESTE DOKUMENTATION - ausgezeichnet:
Der Bankraub
von Klaus Brinkbäumer, Ullrich Fichtner, Beat Balzli, Hauke Goos, Frank Hornig, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip und Jochen Brenner
Umfassende Recherche und Darstellung von Beginn und Verlauf der Finanzkrise, erzählt an verschiedenen Schauplätzen, Akteuren und Betroffenen entlang. mehr...
(DER SPIEGEL vom 17. November 2008)
In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:
Wo ist das Geld geblieben?
von Kerstin Kohlenberg und Wolfgang Uchatius
Schnitzeljagd nach den 2,8 Billionen Dollar, die in der Finanzkrise "verpufft", "verdampft", "verschwunden" sind.
("Die Zeit" vom 27. November 2008)
Das Monster von Genf von Malte Henk
Über den Cern-Beschleuniger in der Schweiz und das Netzwerk von 2000 Wissenschaftlern, die in vereinter Anstrengung versuchen, noch unbekannte Elementarteilchen zu entdecken.
("Geo kompakt" vom 1. 3. 2008)
BESTE HUMORVOLLE BERICHTERSTATTUNG - ausgezeichnet:
Ich bin dann mal Ertugrul von Oliver Maria Schmitt
Selbstbeschreibung des schrägen Undercover-Versuchs, als unbekannter türkischer Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse eine osmanische Mixtur aus "Ich bin dann mal weg" und "Feuchtgebiete" an den Mann zu bringen.
("Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 18. Oktober 2008)
In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:
"11 Freunde"-Liveticker von Andreas Bock, Dirk Gieselmann, Fabian Jonas und Lucas Vogelsang
Live-Reportagen im Internet zu jedem wichtigen Fußballspiel und dabei hintergründige, skurrile oder hammerharte Kommentare und Anmerkungen zum Geschehen rund um die schönste Pille für den Mann. www.11freunde.de/liveticker
Pamelas Prinz von Alexander Osang
Über einen Pforzheimer Bordellkönig und seine champagnerspritzende Luxus-Rallye entlang der Côte d'Azur mit Rolls-Royce unterm Hintern, Rolex am Handgelenk und Busenwunder Pamela Anderson auf dem Beifahrersitz. mehr...
(DER SPIEGEL vom 29. September 2008)
BESTE REPORTAGE (KISCH-PREIS) - ausgezeichnet:
Rolf, ich und Alzheimer von Katja Thimm
Über zwei Paare und ihren vergeblichen Kampf gegen die fortschreitende Vergesslichkeit, Verwirrung und Vernichtung von Orientierung und Lebenssinn, die man mit dem Begriff Alzheimerkrankheit bezeichnet. mehr...
(DER SPIEGEL vom 23. Juni 2008)
In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:
Ein tödlicher Text von Jochen-Martin Gutsch
Über den Fall eines 23-jährigen Afghanen, der an seiner Universität eine Internetseite über den Propheten Mohammed zirkulieren ließ und wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde. mehr...
(DER SPIEGEL vom 19. Mai 2008)
Die Unbekannte von Lorenz Wagner
Über Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, die in der Öffentlichkeit unbekannt war, bis sie auf einen Mann hereinfiel, der sie verführte und erpresste und schließlich zu einer Anzeige veranlasste.
("Financial Times Deutschland", 21. November 2008)
BESTE FOTOGRAFISCHE LEISTUNG - ausgezeichnet:
Die starke Kraft des Glaubens von Yan Yankang
Nachhaltige Eindrücke vom tibetischen Buddhismus, seiner archaischen Poesie und Formenvielfalt, aber auch seiner Stärke und seiner Beharrungskraft gegenüber den Machthabern in Peking. ("Geo" vom 1. Mai 2008)
In dieser Kategorie waren außerdem nominiert:
Der letzte Mohikaner von Armin Smailovic
Beobachtung des erfolgreichsten deutschen Entertainers Thomas Gottschalk während einer Vorbereitung von "Wetten, dass..?" und gleichzeitig Blick hinter die Fassade eines gealterten Sonnyboys.
("Zeit Magazin Leben" vom 19. März 2008)
Das menschliche Antlitz Chinas
von Mathias Braschler, Monika Fischer
Porträts von Chinesen, die während einer siebenmonatigen Reise im Vorfeld der Olympischen Spiele entstanden.
("Stern" vom 17. Juli 2008)
Burn out - Ansichten einer Krise von Martin Specht
Das Frankfurter Bankenviertel als Schattenreich, düstere Schwarz-Weiß-Impressionen der Katastrophe, die die Finanzwelt getroffen hat. ("Zeit Online" vom 29. Oktober 2008)
zur Seite des Nannen-Preises mit mehr Informationen...
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 47/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH