SPIEGEL: Frau Brose, in dieser Woche wird das neue Pisa-Ranking der Bundesländer vorgestellt. Verglichen werden wieder einmal die Leistungen von Schülern. Wann ist denn Ihre Leistung als Lehrerin zuletzt überprüft worden?
Brose: Seit 1980 jedenfalls nicht mehr, als ich in den Hamburger Schuldienst eingetreten bin.
SPIEGEL: Müssten die Lehrer nicht regelmäßige Leistungstests befürworten?
Brose: Lehrer sind von Natur aus sehr ängstlich. So ein Lehrerdasein ist ja eine grottenkomische Geschichte. Man geht zur Schule, dann geht man zur Uni, also wieder eine Art Schule, und dann geht man zurück zur Schule. Es ist immer ein Schutzraum. Lehrer müssen sich kaum beweisen, viele bekommen niemals Einblick in die Härte der Berufswelt außerhalb der Schule.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie einige Lehrertypen: den Komiker, den Kumpel oder den Aussitzer. Warum haben Sie angeblich so viele merkwürdige Kollegen?
Brose: Problematische Kollegen finden Sie in allen Berufen. Aber bei Lehrern läuft etwas grundlegend falsch. Die Auswahl der Bewerber für den Job stimmt einfach nicht. Wir sind ungenau und legen auf die falschen Dinge Wert, wenn es darum geht, Nachwuchs für den Beruf zu gewinnen. Die Studienabschlussnote allein sagt noch nichts aus.
SPIEGEL: Was genau läuft falsch?
Brose: Jeder kann Lehramt studieren. Es wird überhaupt nicht darauf geschaut, ob die Person belastbar ist oder welche Fähigkeiten sie besitzt. Das führt dazu, dass viele Lehrer am falschen Platz sind. Neben vielen qualifizierten und engagierten Kollegen gibt es leider auch die, die den Belastungen nicht gewachsen sind.
SPIEGEL: Warum?
Brose: Man sollte es nicht glauben, aber sogar von Referendaren höre ich Sätze wie: "Ich will Lehrer werden, weil ich dann regelmäßig Ferien habe, ganz ordentlich verdiene und nicht gekündigt werden kann." Solche Leute bekommen wir nicht aus dem System raus, es sagt denen niemand: Du kannst das nicht. Wir sollten uns das aber trauen und nur noch die Besten zulassen.
SPIEGEL: Wie sollen die Bundesländer dann noch genügend Lehrer finden? Schon jetzt herrscht in vielen Fächern Mangel.
Brose: Ich glaube, dass eine strengere Auswahl den Lehrerberuf aufwerten und dann auch mehr gute Bewerber anziehen würde. Die Wertschätzung gegenüber Lehrern ist heute ja nicht gerade überragend. In der Bevölkerung herrscht die Auffassung: Was ihr Lehrer gemacht habt in den letzten Jahren, hat dazu geführt, dass wir so schlechte Pisa-Ergebnisse haben.
SPIEGEL: Sehen Sie das nicht ähnlich?
Brose: Dass Bundesländer wie Bayern im Vergleich stets besser abschneiden als etwa Hamburg, liegt sicher auch daran, dass dort die Lehrerauswahl besser ist. Doch das ist nur ein Faktor. Was Lehrer im Moment zu leisten haben, ist kolossal. Die Arbeitsbedingungen sind ganz anders als noch vor 20 Jahren. Kinder aus Problemfamilien gibt es mittlerweile in allen Stadtteilen. Man geht nach Hause, aber die Arbeit geht weiter. Man muss Eltern anrufen, die Ämter oder auch mal die Polizei. Ich war schon mit Kindern beim Zahnarzt oder habe ihnen die Haare geschnitten.
SPIEGEL: Wer ist schuld? Die Eltern?
Brose: Na, die Kinder werden ja nicht von allein so. Sie sind der Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Was soll ich als Lehrerin denn noch machen, wenn die Kinder mit elf Jahren zu uns kommen und sagen: "Schule ist scheiße"? Das Bewusstsein, dass ich in die Schule gehe, weil ich später Arbeit und zu essen haben muss, das ist nicht da. Außerdem demontieren viele Eltern die Lehrer. Sicherlich eher an Hauptschulen, aber auch an Gymnasien. Dort spielen manche Väter und Mütter lieber Golf, als ihre Kinder zu erziehen. Dieser Egoismus nimmt zu.
SPIEGEL: In Ihrem Buch empfehlen Sie den Berufskollegen, zur Stärkung der eigenen Autorität auf ihr Äußeres zu achten. Brauchen Deutschlands Lehrer wirklich solchen Rat?
Brose: Die Kinder sind uns Lehrern ausgesetzt. Wenn Lehrer nicht gepflegt sind, können die Kinder das nicht lernen. Und es kommt leider vor, dass Lehrer Mundgeruch haben oder wahnsinnig schwitzen. Lehrer gelten ja als die am schlechtesten angezogene Berufsgruppe überhaupt. Es sagt keiner was, wenn ich den Selbstgestrickten aus den Siebzigern trage oder mich wie ein Punk anziehe. Mein Buch soll aber keine Hetze gegen Lehrer sein, sondern jungen Leuten helfen, die richtige Berufsentscheidung zu treffen.
SPIEGEL: Gibt es schon Reaktionen?
Brose: Gerade wurde mir aus Berlin von der Reaktion der Leiterin eines Lehrerseminars berichtet: Es sei ein sehr realistisches Buch, sie werde es auf keinen Fall empfehlen - es könnte die Referendare abschrecken. Was für eine Logik!
SPIEGEL: Erhoffen Sie sich von Pisa eine Besserung?
Brose: Mich interessiert dieses Bohei um Pisa überhaupt nicht. Natürlich ist es gut zu wissen, wo wir stehen. Ich bin aber viel zu nahe dran, ich sehe, was Kinder brauchen, und ich sehe, wie erschöpft Kollegen sind. In der Schule haben wir wirklich andere Sorgen als Pisa.
Das Interview führten Jan Friedmann und Markus Verbeet
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