von Beate Lakotta
Mehr als Rituale werden nötig sein, um dem Altern der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Jedes zweite heute geborene Mädchen hat gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Doch schon jetzt ist rein statistisch jede zweite Frau, die in Deutschland stirbt, in den letzten dreieinhalb Jahre ihres Lebens pflegebedürftig. Auch das Sterben selbst, noch vor 50 Jahren meist eine Frage von Tagen oder Wochen, zieht sich jetzt oft über Monate hin.
Die Segnungen der modernen Medizin verlängern nicht nur das Leben, sondern auch die körperlichen und seelischen Nöte, die mit Alter und schwerer Krankheit einhergehen können, oft über Jahrzehnte. Eine Gesellschaft mag dies als kollektives Schicksal auf sich nehmen - mit noch unabsehbaren Folgen. Aber ist dazu auch der Einzelne verpflichtet?
Die Frage der Sterbehilfe ist alt; heute stellt sie sich in einer völlig neuen Konstellation. Die Antworten der Theologen und Sozialethiker, die Trost, Hoffnung und liebevolle Begleitung einfordern, sind gültiger denn je. Aber reichen sie aus?
Der Ärztin Claudia M. beispielsweise offenbarte sich in ihrer Praxis ein Freund, dessen 84-jährige Mutter seit längerem entschlossen war, sich das Leben zu nehmen.
M. kannte die kultivierte, herzkranke alte Dame, die bereits einmal gegen ihren Willen reanimiert worden war. Sie konnte ihre rheumatischen Hände kaum benutzen, war wegen eines Nervenleidens in den Beinen jede Nacht stundenlang mit dem Rollator in ihrer Wohnung unterwegs. Ihr Mann war gestorben, Lebenssinn und -freude waren ihr abhandengekommen.
Nach schweren Diskussionen hatten sich die Söhne entschlossen, ihrer Mutter beizustehen. Welche Methode sicher sei?
"Ich darf zwar nicht dabei sein", sagt die Ärztin, "aber ich darf sagen, wie es geht." Am Ende entschied sich die Mutter für das Inhalieren von Helium. Als die Söhne eine Vorrichtung bauten, mit der die Mutter ihren Entschluss selbst in die Tat umsetzen konnte, flossen Tränen. Kurz darauf starb die alte Dame in den Armen ihrer Kinder.
Die Ärztin Anna B. kann daran nichts Verwerfliches finden. Frau B. ist 75 Jahre alt, selbst herzkrank. 30 Jahre lang war sie Psychiaterin im Rheinischen, später dann engagiert im Hospiz. Wenn ein Mensch mit über 85 sage, es reiche ihm, so findet Frau Dr. B., dann habe er das Recht dazu.
Im Wohnzimmer gibt es selbstgebackenen Rührkuchen, an der Wand Ikonen, im Bücherregal die humanistischen Denker und die großen Analytiker, Schiller, Mozart, Gründgens, die Lutherbibel, Bach. Im Adressbuch von Frau B. findet sich Ludwig Minelli, Gründer der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas.
Gerade hat Frau B. von einer aktuellen Studie in der Schweiz gelesen. Sie ergab, dass Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand bei älteren Menschen als Motiv, Hilfe bei Dignitas oder Exit zu suchen, immer größere Bedeutung gewinnen. Menschen wie die beiden alten Bekannten, die Frau B. in die Schweiz begleitete, bevor sie beschloss, selbst aktiv zu werden, bisher dreimal.
Zwei alte Frauen waren darunter, die sie gut kannte, behaftet mit Schmerzen, Hilflosigkeit, Einsamkeit und der Angst, ihre Autonomie und Würde einzubüßen. Sie hat ihnen Medikamente verschrieben und darauf geachtet, dass bei der Einnahme nichts schiefging. Am Sterbebett hat Frau B. einen Bach-Choral rezitiert: "Komm, süßer Tod ..."
Vor zwei Jahren begleitete sie einen alten Offizier in den Tod, einen von altem Schrot und Korn, einen egozentrischen Herrschertyp, klug, gebildet. Der lebte kreuzeinsam in seinem Haus seinem 90. Geburtstag entgegen. Im Jahr zuvor war seine Frau gestorben, er war inkontinent, gebrechlich, die Wohnung verwahrlost, er litt darunter, dass all seine Fähigkeiten rapide nachließen, er roch. Zu seinen Kindern, die Hunderte Kilometer entfernt in ihrer Nachbarschaft ein schönes Pflegeheim für ihn gefunden hatten, wollte er auf keinen Fall.
"Er wollte in dem Haus in den Tod gehen, in dem er mit seiner Frau Jahrzehnte gelebt hat." Der Offizier hatte seiner Tochter sein Vorhaben verkündet und auch, dass es ihm recht sei, wenn sie dabei wäre. "Ich bin dagegen", hatte die Tochter gesagt, "aber ich respektiere den Willen meines Vaters."
Zum Tag seines Todes waren Tochter und Schwiegersohn angereist. Die Tochter hatte das Haus in Ordnung gebracht, alles blinkte. Der alte Offizier trug einen schönen Pyjama, als er sich zum Sterben ins frisch bezogene Bett legte, unter den Augen von Frau B. die Medikamente einnahm, bald darauf einschlief und starb.
Sind Sie mit sich im Reinen, Frau Dr. B.? "Ja", sagt sie. "Es wäre nichts Besseres gekommen, und es war eigentlich ein schöner Tod."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH