Beim Wechsel zwischen den Welten trägt Felix Magath ein blaues Fußballtrikot, Trainingshosen und Gummilatschen. Über der linken Schulter hängt die Tasche mit seinem Laptop. Vom Büro des Managers in der ersten Etage der Volkswagen-Arena geht er in das Trainerzimmer im Erdgeschoss. Er hat oben ein paar Telefonate geführt und die Papiere in der Unterschriftenmappe abgezeichnet, die ihm seine Sekretärin vorgelegt hat. Gleich wird er sich unten die Fußballschuhe anziehen, auf den Trainingsplatz des VfL Wolfsburg hinausgehen und beim Einüben von Spielzügen den brasilianischen Stürmer Caiuby wegen seiner schlampigen Pässe zusammenstauchen. Es gibt in der Bundesliga sonst keinen Manager, der das tun würde. Es gibt auch keinen Trainer, der eine Sekretärin und eine Unterschriftenmappe hat.
Seit 16 Jahren schon arbeitet Felix Magath als Trainer, zweimal holte er die Meisterschaft, viermal wurde er vor Ablauf seines Vertrags rausgeworfen. Jetzt aber ist er der mächtigste Coach, den es wohl jemals in der Bundesliga gegeben hat. Der Trainer Magath ist als Manager und Geschäftsführer beim VfL Wolfsburg auch sein eigener Vorgesetzter. Für ihn, sagt Magath, sei ein Traum in Erfüllung gegangen. Ausgerechnet in Wolfsburg wird gerade die Zukunft des Fußballs ausprobiert.
Auch anderswo wachsen Einfluss und Macht der Trainer. Jürgen Klinsmann hat beim FC Bayern einen Freiraum bekommen, wie ihn dort keiner seiner Vorgänger hatte, auch Felix Magath nicht. Die lange mittelmäßige Hertha aus Berlin hat sich nach vorn gearbeitet, seit Manager Dieter Hoeneß dem Schweizer Trainer Lucien Favre weitgehend freie Hand lässt. In Dortmund ist Jürgen Klopp der starke Mann, in Köln Christoph Daum und in Mönchengladbach nun der erfahrene Hans Meyer. Und erst recht Ralf Rangnick bei der TSG 1899 Hoffenheim.
Die Trainer sind die wichtigsten Angestellten der Vereine, ihre Bedeutung wächst. In der vergangenen Saison wurden nur vier Erstligatrainer vorzeitig entlassen, weniger waren es noch nie. In dieser Saison sind es auch erst zwei. Es gibt Studien, die belegen, dass rasche Trainerwechsel den Vereinen eher schaden und nur Kosten verursachen. "Es ist das Hauptproblem unserer Gesellschaft, dass man zu lange nur auf den kurzfristigen Erfolg geschaut hat, ob bei den Banken oder beim Fußball", sagt Magath. Inzwischen aber sprechen Vereinsbosse ganz selbstverständlich von "Konzepten" und "Philosophie" und benutzen sogar Vokabeln wie "Nachhaltigkeit", als wären sie Vorstandsvorsitzende von Windkraft-Unternehmen.
Das Trainingszentrum in Hoffenheim liegt neben einer Tankstelle am Ortseingang, Ralf Rangnick hat dort eine Manufaktur für Qualitätsfußball aufgebaut und in nur zweieinhalb Jahren den Drittligisten mit jungen, unbekannten Spielern an die Spitze der Bundesliga geführt. Im Zimmer neben dem Eingang wird die Videoanalyse fürs nächste Spiel vorbereitet, oben im Fitnessraum programmieren Ingenieure mit dem Athletiktrainer eine Maschine zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit. Und im Behandlungsraum ist wieder mal Dr. Mosetter vom Bodensee zu Gast, der mit einer sogenannten Myoreflex-Therapie den neuromuskulären Zustand der Spieler verbessern will.
Rangnick hat, bevor ihn der Mäzen Dietmar Hopp nach Hoffenheim holte, als Profitrainer bei den Bundesligisten VfB Stuttgart, Hannover 96 und Schalke 04 gearbeitet. Der Rückschritt in die Dritte Liga wurde zu einer befreienden Erfahrung, weil er in Hoffenheim seine Vorstellungen von lustvollem Angriffsfußball endlich so umsetzen konnte, wie er es schon immer gewollt hatte.
Auch Felix Magath machte einen Schritt zurück, um freier arbeiten zu können. Beim FC Bayern gewann er Titel mit Spielern, die ihm andere vorgesetzt hatten. Jetzt muss er mit niemandem mehr über die Aufstellung diskutieren oder über Neueinkäufe. Er schaut, wo Verstärkungen der Mannschaft nötig sind und sondiert den Markt. Dann trägt er seine Wünsche Hans Dieter Pötsch vor, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der VfL Wolfsburg Fußball GmbH. Pötsch ist auch im Vorstand der Volkswagen AG, des Clubbesitzers, und hat bisher alle Wünsche seines Trainermanagers erfüllt. "Wir haben festgestellt, dass es alles andere als optimal ist, wenn der Trainer keine erhebliche Mitgestaltungsmöglichkeit bei der Zusammenstellung der Mannschaft hat", sagt Pötsch.
Die Erfolgsziele sind nur vage definiert, bislang muss Magath keinen festen Etat einhalten. In eineinhalb Jahren konnte Magath eine neue Mannschaft aus dem Boden stampfen. "Ein Nein gab es noch nicht", sagt er. Für 60 Millionen Euro kamen 33 neue Spieler, für 15 Millionen Euro gingen 30. Nun hat der VfL Wolfsburg eine der jüngsten Mannschaften der Bundesliga, sie wurde in der vergangenen Saison Tabellenfünfter. Das war die beste Plazierung in der Geschichte des Vereins.
Vorbild für Trainer wie Rangnick und Magath sind die Clubs der englischen Premier League, wo es schon immer den Posten des Managers als Hybridfigur aus Trainer und Sportdirektor gab. Alex Ferguson ist seit 22 Jahren Manager bei Manchester United, der Franzose Arsène Wenger seit 12 Jahren bei Arsenal London. Sie sind die großen Figuren ihrer Vereine, sie überstrahlen sogar jeden Star auf dem Feld und erst recht die immer mal wieder wechselnden Clubbesitzer. Ihre Aufgabe ist es, nicht nur viele Titel zu holen, sondern die Sehnsucht nach einem Fußball zu stillen, der mehr ist als nur ein mühsames 1:0 am nächsten Wochenende.
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