In Deutschland haben der WM-Sommer 2006 und das Trainerteam Jürgen Klinsmann und Joachim Löw den Trend ausgelöst. Seitdem träumen Vereinsbosse davon, Geschichten von Aufbrüchen und Umstürzen zu schreiben, wie man sie gerade in Hoffenheim und Wolfsburg erlebt.
Der Managementberater Reinhard K. Sprenger, der Ralf Rangnick unterstützte, als der in Schalke unter Druck geriet, findet im Fußball in verdichteter Form bestätigt, was man auch in der Wirtschaft beobachten kann. Dort sollen die Supermanager allein für den Unternehmenserfolg verantwortlich sein, im Fußball sind es nun die Trainer, die zum Super-Coach werden. "Jede Leistung hat zwei Ebenen", sagt er und unterscheidet zwischen der Inhalts- und der Präsentationsleistung. Bei Trainern besteht die Inhaltsleistung immer noch in der richtigen Auswahl der Spieler, ihrer optimalen Vorbereitung und was sonst noch zum klassischen Handwerk des Berufs gehört. "Wir deutschen Bildungsbürger glauben gern, dass die Inhaltsleistung die richtige und wichtige ist, rein wirkungspsychologisch ist es aber die Präsentationsleistung", sagt Sprenger.
Arsène Wenger kann den Eindruck vermitteln, einen ganz eigenen Zugang zum Spiel gefunden zu haben. Und weil er beim FC Arsenal stets mit sehr jungen Spielern arbeitet, produziert er immer wieder Neuanfänge und verschleißt sich kaum. Auch Klinsmann ist ein Präsentationskünstler und der Dortmunder Klopp nie um die passende Antwort verlegen. Doch nicht jeder Inhalt und jede Präsentation funktionieren an jedem Ort. Die Hoffenheimer Werkstatt-Atmosphäre würde so wenig nach Wolfsburg passen wie Magaths Turbo-Umbauten in die Kurpfalz.
Um das Knäuel von Inhalt und Präsentation zu entwirren, müssten die Clubs jedoch wissen, wofür sie eigentlich stehen. "In Deutschland haben nur wenige Vereine eine eigene sportliche Identität", sagt Rangnick. Man redet in der Bundesliga zwar gern von der Markenbildung, das Spiel der Mannschaft selbst aber scheint nicht dazuzugehören. Eigentlich sollten die Manager oder Sportdirektoren den Stil des Clubs prägen und dazu passende Spieler verpflichten oder Talente ausbilden. In vielen Vereinen aber bereiten bisher die Manager ihren Trainern mehr Probleme, als ihnen eine Hilfe zu sein. Etwa, wenn es Gezänk um Neueinkäufe oder um die Aufstellung gibt oder wenn schlicht das Zwischenmenschliche nicht stimmt.
"Das Problem bei Schalke hieß damals nicht Rangnick", sagt Berater Sprenger, "es hieß Assauer." Der damalige Manager von Schalke konnte mit seinem Trainer nichts anfangen, der eifrige Schwabe nervte den Ruhrpott-Patriarchen.
Da niemand im Club Rangnick trotz sportlichen Erfolges vor einer öffentlichen Demontage schützte, musste der Trainer gehen. Für Sprenger war das keine Überraschung, er hält Fußball für eine "rationalitätsbefreite Zone".
Eine Zone, in der alle mitreden dürfen: Trainer, Manager, Vorstände, Aufsichtsräte, Sponsoren, Marketingleute, Spielerberater, Journalisten und Fans. "Im Fußball gibt es keine Wahrheiten und keine zwei Leute, die auf dem Platz das Gleiche sehen", sagt Magath. Das befeuert das rasante Gerede. In Hoffenheim und in Wolfsburg gibt es aber zumindest keine einflussreichen Ex-Profis, "keine Zombies", wie sie Hoffenheims Jan Schindelmeiser nennt, der den Verein zusammen mit Rangnick führt. "Die haben früher kein Spiel verloren und wissen daher, wie man es besser macht." Ein Modell wie Hoffenheim funktioniere nur, sagt er, wenn man sich von äußeren Einflüssen weitgehend unabhängig mache.
In Schalke ist Rangnick auch deshalb gescheitert, weil man es dort geradezu absurd fand, dass der Trainer auf alles einen Blick werfen wollte. In Hoffenheim ist Rangnicks Auffassung, dass in einem Proficlub alles mit allem zusammenhängt, zum Geschäftsprinzip geworden. Auch wenn er mit seinen Ideen öfter mal alle verrückt macht. Vor dem Spiel Hoffenheims gegen Karlsruhe beispielsweise hatte er sich in den Kopf gesetzt, mit seinen Spielern in ein Café zu gehen und gemeinsam Apfelkuchen zu essen, was nicht ganz einfach zu organisieren ist in einem Dorf mit 3000 Einwohnern. Aber Rangnick wollte sein Team aus den gewohnten Abläufen reißen, und deshalb war der ganze Club plötzlich mit der Organisation einer Kaffeetafel beschäftigt. Hoffenheim gewann 4:1, selbst französische Medien feierten später Rangnicks "Tactique Tarte aux Pommes", die Apfelkuchen-Taktik.
Magath geht am Abend vor jedem Heimspiel ins Kino, doch im Grunde sind Rangnick und Magath ganz unterschiedliche Typen, die nur ihr Eigensinn und ihre Erfahrungen im Unterholz des Fußballs eint.
Magath musste vor 18 Jahren unter Polizeischutz ins Stadion. Er war Manager von Bayer Uerdingen, und die Fans machten ihn für die sportliche Misere des damaligen Bundesligisten verantwortlich. Anschließend begann er seine Trainerkarriere in der vierten Liga und wurde im Laufe der Jahre zum Veteran fußballtypischer Machtkämpfe. Er war erfolgreich, rang um mehr Befugnisse und flog schließlich raus. Auch in Stuttgart stieß er auf Widerstände, wo er zwischendurch Trainermanager war, allerdings an einer viel kürzeren Leine als in Wolfsburg. "Ich bin immer gestolpert, weil ich mit meinen Bossen aneinandergeraten bin."
Rangnick, der anders als Nationalspieler Magath nur in Amateurligen spielte, war von Beginn an ein besessener Trainer. Mit einer Gruppe schwäbischer Kollegen erarbeitete er eigene Übungen, weil er mit den vorhandenen unzufrieden war. Rangnick schaute sich viel ab bei Trainern wie Walerij Lobanowski von Dynamo Kiew oder Arrigo Sacchi vom AC Mailand. Dass Fußballrevolutionär Sacchi früher selbst kein Profi, sondern Schuhverkäufer war, vergisst Quereinsteiger Rangnick nie zu erwähnen. Bei den Amateurclubs, die er zunächst trainierte, besorgte der Multifunktionär auch Sponsorengelder und klebte Plakate. Diese Haltung hat Rangnick nie ganz abgelegt.
Heute dürfen Rangnick und Magath endlich ihre eigenen Fußballwelten bauen. Wie stabil sie sind und ob sie zum Modell werden können, wird sich noch herausstellen. Weder Magath in Wolfsburg noch Rangnick in Hoffenheim mussten bislang eine sportliche Krise überstehen und erleben, wie die Kurven toben und Opfer fordern, um den Fußballgott in seinem Zorn zu besänftigen. In solch einer Hysterie gilt meist das Gegenteil von dem, was vorher richtig war. Vielleicht können Rangnick und Magath dann einfach ihre Arbeitsplätze tauschen.
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