SPIEGEL: Für zehn oder elf sind Sie ziemlich erfolgreich. Was sagen Sie dazu, dass Hunderttausende Kinder Ihre Bücher lesen - also jene Wesen, von denen es immer heißt: Die daddeln nur am Computer rum?
Funke: Das ist der größte vorstellbare Kick. Wenn bei Lesungen die Kinder meinen Namen flüstern, als sei er die Medizin des Jahrhunderts. Das ist deshalb so großartig, weil Kinder einen nicht danach beurteilen, ob man tolle Rezensionen bekommt. Der Nobelpreisträger Isaac B. Singer hat gesagt, er liebe es, für Kinder zu schreiben. Denen sei egal, was die "New York Times" über ihn denke. Wichtig sei ihnen, dass man sie nicht langweile.
SPIEGEL: Wie viel sollten Kinder lesen?
Funke: Da gibt es kein Maß. Mein Sohn Ben zum Beispiel ist ein Lesemuffel. Als ich zur Schule ging, waren die Schüler ja auch nicht alle leidenschaftliche Leser, selbst wenn dieses Klischee heute gerne verbreitet wird. Es ist egal, ob ein Kind ein Buch liest, ein Audiobuch hört oder einen Film sieht. Wichtig ist nur, dass Kinder mit Geschichten groß werden.
SPIEGEL: Meinen Sie nicht, dass Kinder beim Bücherlesen eine andere Kulturtechnik lernen - und damit eine andere Art zu denken?
Funke: Wahrscheinlich entsteht am Bildschirm eine andere Art von Denken als in einer Bibliothek. Sie kann aber genauso komplex sein, und sie kann Kreativität schulen und die Fähigkeit zu Teamarbeit. Mein Sohn sitzt selten allein vor dem Computer, sondern meist mit Freunden. Die Kinder müssten in der Schule viel stärker Filmschnitt und Dramaturgie lernen, das Handwerk, um später in ihren Medien ihre Geschichten zu erzählen. Ich möchte große Erzähler in diesen Medien sehen.
SPIEGEL: Auch um diese Geschichten zu erzählen, muss man Sprache richtig einschätzen und verwenden - das lernt man nun mal am besten mit Hilfe von Texten.
Funke: Wir dürfen Bücher aber nicht als hochehrwürdige Heiligtümer verehren - und alles andere zum Sündenfall erklären. Das Problem vieler Kinder- und Jugendbücher ist, dass sie eine Botschaft verkünden wollen. Ein Kind wird ein lustfeindliches Buch aber freiwillig nicht in die Hand nehmen und folglich auch nichts über Sprache lernen. Und es hat recht. Wir gehen ja auch nicht in die Buchhandlung und sagen: Geben Sie mir mal ein besonders anstrengendes, belehrendes Buch.
SPIEGEL: Wie erzählt man Kindern vom Tod?
Funke: Das ist einfach. Anders als wir haben sich Kinder noch nicht mit Alltag eingehüllt. Sie denken jeden Tag über existentielle Fragen nach: Was bedeutet das Leben? Warum ist mein bester Freund wütend auf mich, mag der mich nicht mehr? Wo komme ich hin, wenn ich sterbe? Leider erfahren sie vieles im echten Leben immer seltener. Vor ein paar hundert Jahren wusste jedes Kind, was Tod bedeutet. Es hat ihn täglich auf den Gassen gesehen.
SPIEGEL: Auch eine schlimme Erfahrung ...
Funke: Mal ehrlich, genau aus dieser Unmittelbarkeit erwächst doch unsere Faszination für das Mittelalter. Uns fehlen unmittelbare Erfahrungen. Ich war Ende vierzig, als ich das erste Mal einen Sterbenden gesehen habe - meinen Mann.
SPIEGEL: Sie trauen Kindern so viel zu, doch der Held, der Sie international bekannt machte, will gerade kein Kind sein. Der "Herr der Diebe" tut alles, um erwachsen zu werden. Ist das nicht paradox?
Funke: Ja, der Widerspruch ist vollkommen. Aber ich selbst fand es auch nicht allzu aufregend, ein Kind zu sein. Man ist dauernd in der Warteschleife. Man wartet darauf, groß zu sein, einen Hund zu haben, all die Abenteuer der Erwachsenen zu erleben, die man aus Filmen und Büchern kennt.
SPIEGEL: Bis man erwachsen wird und merkt: Ist ja doch nicht so aufregend.
Funke: Es ist aufregend! Man darf sich nur nicht den Anspruch auf all das ausreden lassen, was einem früher so reizvoll erschien. Mir ging es immer darum, nach den eigenen Regeln zu leben.
SPIEGEL: Zwingt Sie die Filmindustrie nicht dazu, nach fremden Regeln zu spielen?
Funke: O doch! Aber ich bemühe mich, das Gefühl zu bewahren, dass ich spiele und nicht gespielt werde. Diejenigen meiner Freunde, die ausschließlich im Filmgeschäft arbeiten, müssen ihre Kreativität permanent kommerziellen Zwängen unterwerfen: Spielt Leonardo DiCaprio die Rolle? Oder Brad Pitt? Sonst können wir keine 100 Millionen investieren! Sosehr ich es liebe, ab und zu mitzumischen - ich will jederzeit sagen können: Mal gucken, was noch möglich ist. Wie heißt es bei Wolf Biermann? "Ich will noch 'n bisschen was Blaues sehn und will noch paar eckige Rundn drehn." Es muss doch noch etwas geben im Leben.
SPIEGEL: Frau Funke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten die Redakteurinnen Katja Thimm und Susanne Weingarten
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